Rentner haben keine Wochenend-Migräne – „Migräne Radar 2.0“ sammelt übers Web Daten zu den Auslösern von Kopfschmerz

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

28. Oktober 2016

Mannheim – Gibt es eine „Wochenend-Migräne“? Die Antwort lautet: Jein. Forscher der  Hochschule Hof gehen unter anderem dieser Frage mit ihrem Projekt „Migräne Radar 2.0“ nach. Um den Triggern  von Migräne-Anfällen und Spannungskopfschmerzen auf die Spur zu kommen, sammeln  sie web-basiert Daten über die Anfälle von den Patienten, die diese direkt –  etwa über eine Smartphone-App – melden. Erste Ergebnisse sind beim Kongress der  Deutschen Schmerzgesellschaft in Mannheim vorgestellt worden [1].

In einer ersten Auswertung  analysierten die Wissenschaftler, welche Personen an welchen Wochentagen  besonders häufig an Migräne bzw. Kopfschmerzen leiden. Damit wollten sie das  Phänomen der so genannten Wochenend-Migräne genauer untersuchen. Das Ergebnis:  Zumindest Rentner kennen keine Wochenend-Migräne – bei ihnen kommen die  Attacken an allen Tagen etwa gleich häufig vor, wie Prof. Dr. Stefan Evers, Tagungspräsident des Deutschen  Schmerzkongresses und Chefarzt der Klinik für Neurologie am Krankenhaus Lindenbrunn,  bei der Tagung berichtete.

Sonntags ist Migräne besonders selten

Dagegen sind Kopfschmerz-Attacken  bei Schülern und Studenten am Montag am häufigsten. Und Berufstätige leiden am  ehesten gegen Ende der Woche von Donnerstag bis Samstag an Migräne. Der Sonntag  dagegen ist laut Evers der Wochentag, an dem am seltensten über  Migräne-Attacken geklagt wird.  

Die Forscher verglichen auch noch  – unter dem Aspekt, ob beruflicher Stress ein häufiger Trigger der Attacken ist  – deren Häufigkeit bei Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten. Hier war das  Ergebnis, dass Teilzeitbeschäftigte, und unter ihnen vor allem Frauen, häufiger  und stärker unter den Kopfschmerz-Attacken leiden. Möglicherweise, so  spekulierte Evers, sei dies auf die Doppelbelastung durch Beruf und Familie  zurückzuführen.

Wie der Schmerzforscher  erläuterte, haben sich auf der Plattform Migräne Radar 2.0 inzwischen mehr als  4.500 Patienten registriert, es liegen Daten von 35.000 Anfällen vor. Die  Patienten müssen sich registrieren, melden ihre Kopfschmerz-Attacken aber  anonym und es werden von ihnen noch einige zusätzliche Daten abgefragt, um eine  genauere Auswertung zu ermöglichen. Dazu gehören: Art, Ort und Dauer der  Attacke, deren Begleitumstände sowie die Gegenmaßnahmen.

Anhand der Daten erhoffen sich  die Wissenschaftler neue Erkenntnisse zu den Triggern der Attacken. „Die  Trigger sind von Patient zu Patient sehr unterschiedlich und lassen sich daher  nur schlecht statistisch erfassen“, sagt Evers. Eindeutig sei aber, dass  weltweit am häufigsten „das Wetter“ von den Patienten als Trigger genannt  werde. Aber welches Wetter genau ist denn nun ein möglicher Auslöser von  Migräne?

Föhn-Wetter und Wetterveränderungen allgemein sind mögliche Trigger

 
Es sind einfach Wetterveränderungen, die Attacken begünstigen – aber kein bestimmtes Wetter. Prof. Dr. Stefan Evers
 

Dazu ist die wissenschaftliche  Evidenz bislang dünn, räumte der Schmerzexperte ein. Genau 2 Studien gebe es  dazu, eine aus Deutschland, eine aus den USA. In der deutschen Studie erwiesen  sich Föhn-Wetterlagen als Migräne-Trigger, in der US-Studie waren es kalte  Winde aus dem Norden, die auf dem amerikanischen Kontinent aufgrund des Fehlens  von Barriere-Gebirgszügen bis weit in den Süden vordringen können.

Mit Hilfe des Migräne Radars 2.0  wollen die Wissenschaftler nun mehr dazu erfahren, wie das Wetter sich auf  Häufigkeit und Schwere der Attacken auswirkt. Die bisherige Erkenntnis, so  Evers: „Es sind einfach  Wetterveränderungen, die Attacken begünstigen – aber kein bestimmtes Wetter.“

Von der Teilnahme am Migräne  Radar 2.0 profitiert auch der Patient, stellte Evers in Mannheim klar. Denn  alle seine Meldungen werden in einem individuellen Online-Migränekalender  gebündelt. Dieser kann wie ein Kopfschmerz-Tagebuch genutzt werden und gibt –  individuell – Aufschluss über das Muster der Anfälle und mögliche Trigger. Der  Kalender lässt sich auch ausdrucken und kann z.B. zum Arztbesuch mitgenommen  werden. Die Möglichkeit der Selbstbeteiligung und des Monitorings gebe nicht  zuletzt den Patienten das gute Gefühl, ihrer Krankheit nicht hilflos  ausgeliefert zu sein, betonte der Therapeut.  

                                   
Migräne: Erste Leitlinie zu nicht-medikamentösen Maßnahmen – was wirklich  hilft            

Beim Kongress vorgestellt wurde  auch die neue Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft  (DMKG) e.V., in der es speziell um nicht-medikamentöse Ansätze gegen Migräne  geht (wie Medscape berichtete). Sie hat die  wissenschaftliche Evidenz zu Entspannungsverfahren und Verhaltenstherapie  gesammelt und deren Wirkstärke – meist in der Prävention, zum Teil aber auch in  der Therapie, bewertet. Die Ergebnisse:

           
  • Schon allein Beratung und Aufklärung über die Erkrankung bedingen eine  „klinisch messbare Kopfschmerzreduktion“, so PD Dr. Charly Gaul, Generalsekretär der DMKG und Mitglied des  Autorenteams.

  • Mit progressiver Muskelrelaxation (PMR) lässt sich laut Gaul die zentrale  Schmerzverarbeitung beeinflussen und schmerzhemmende Strukturen im Gehirn  können aktiviert werden. Regelmäßig angewendet kann die PMR die Zahl der  Migräne-Attacken um 35 bis 45% senken.

  • Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) reduziert vor allem Stress als möglichen  Trigger. Die Patienten lernen mit Stress besser umzugehen, überzogene Ansprüche  an die eigene Leistung zu hinterfragen und auf Körpersignale zu hören, die  Belastungssituationen ankündigen. Auch für die KVT ist nachgewiesen, dass sie  in der Prävention von Kopfschmerz-Attacken wirksam ist.

  • Inwieweit Ausdauertraining die Kopfschmerz-Häufigkeit reduziert, dazu ist  die Datenlage nicht ganz so eindeutig, wie die Leitlinienautoren schreiben. In  älteren Studien wurde lediglich die Schmerzintensität verringert, in neueren  Untersuchungen nahmen auch Anfallshäufigkeit, -dauer und -intensität ab.

  • Schließlich können noch Biofeedback-Verfahren migräne-prophylaktisch und  -therapeutisch eingesetzt werden. Sie ermöglichen es auch, den Schmerz direkt während  des Anfalls zu lindern, etwa wenn der Patient gelernt hat, seine  Schläfenarterien, die während der Attacke weit gestellt sind und schmerzen,  willentlich zu verengen. Nicht nur die Gefäßweite, auch Hauttemperatur und  Hautwiderstand lassen sich per Biofeedback beeinflussen. Doch ist dieses nicht  so einfach zu erlernen, es werden etwa 8 bis 12 Therapiestunden zur Anleitung  benötigt.

           

 

REFERENZEN:

1. Deutscher Schmerzkongress 2016, 19. bis  22. Oktober 2016, Mannheim

 

Kommentar

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