Herz-Kreislauf-Prophylaxe durch Bewegung: So überzeugen Sie Ihre Patienten

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

27. Oktober 2016

Berlin – Bewegungsmangel zählt zu den weltweit wichtigsten vermeidbaren Todesursachen. Als Arzt seine Patienten davon zu überzeugen, sich mehr zu bewegen und sportlich aktiv zu sein, ist dabei leichter gesagt als getan. Aber es lohnt sich.

Dr. Susanne Berrisch-Rahmel

„Regelmäßiges sportliches Training vermindert das kardiovaskuläre Gesamtrisiko um die Hälfte und reduziert darüber hinaus das Risiko, Krebs oder psychische Erkrankungen zu entwickeln“, sagte Dr. Susanne Berrisch-Rahmel vom CardioCentrum Düsseldorf auf einer Pressekonferenz während der diesjährigen Herztage der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Berlin [1].

Fitness entscheidend, nicht der BMI

„Die Lebenserwartung eines Menschen korreliert eindeutig mit seiner körperlichen Fitness, wobei eventuell gleichzeitig bestehendes Übergewicht oder „Fatness“ direkt keine Rolle spielt“, erklärte die Kardiologin und Sportmedizinerin mit Verweis auf eine von US-Kardiologen publizierte Meta-Analyse. Demnach haben kardiorespiratorisch „unfitte“ Menschen im Vergleich zu fitten Normalgewichtigen ein vom Body-Mass-Index (BMI) unabhängiges 2-fach erhöhtes Mortalitätsrisiko. Dabei wurde kein Unterschied zwischen dem Sterberisiko fitter Normalgewichtiger und dem von fitten Übergewichtigen oder Adipösen festgestellt. Übergewicht begünstigt allerdings indirekt kardiovaskuläre Erkrankungen, weil es unter anderem Typ-2-Diabetes fördert.

150 Minuten Training pro Woche – doch auch weniger nützt schon

„Gesunde sowie Patienten – je nach ihrer individuellen gesundheitlichen Situation – zu körperlicher Aktivität und sportlicher Betätigung zu motivieren, sollte eine Herausforderung an jeden Arzt sein“, betonte Berrisch-Rahmel. Fachgesellschaften wie die DGK oder die European Society of Cardiology (ESC) empfehlen gesunden Erwachsenen eine Trainingsdauer von mindestens 150 Minuten moderater körperlicher Bewegung pro Woche (wie rasches Gehen, langsames Radfahren oder Wasser-Aerobic), verteilt auf 5 oder mehr Wochentage. Die aktuellen ESC-Leitlinien empfehlen alternativ, 5 Mal pro Woche 15 Minuten lang intensiv aerob zu trainieren (etwa in Form von Jogging oder schnellem Radfahren).

 
Regelmäßiges sportliches Training vermindert das kardiovaskuläre Gesamtrisiko um die Hälfte … Dr. Susanne Berrisch-Rahmel
 

Für untrainierte und womöglich deutlich übergewichtige Menschen seien solche Empfehlungen allerdings oft unrealistisch, gab die Düsseldorfer Kardiologin zu bedenken. Doch auch ohne „richtigen“ Sport könnten diese zumindest für den Anfang zu einer gesunden Dosis Bewegung kommen – etwa mit Hilfe eines Schrittzählers und einer Zieldosis von 10.000 Schritten pro Tag. Die Deutsche Herzstiftung gibt z.B. Einsteiger-Tipps für Menschen, die mit Ausdauersport beginnen möchten. Ebenso gibt es von Krankenkassen geförderte Bewegungskurse.

Rezept für Bewegung

Für Arzt-Patienten Gespräche, die zu mehr körperlicher Aktivität motivieren sollen, lässt sich auch ein „Rezept für Bewegung“ einsetzen. Dazu gibt es eine gemeinsame Initiative der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP), des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) und der Bundesärztekammer. Ein ähnliches Rezept, mit dem sich detailliert auch die jeweils zu empfehlenden Trainingsarten und Trainingsintensitäten „verschreiben“ lassen, bietet der Bundesverband Niedergelassener Kardiologen (BNK) an.

„Wichtig für eine zu mehr Bewegung motivierende Gesprächsführung durch den Arzt ist es, den Patienten da abzuholen, wo er individuell steht“, sagte Berrisch-Rahmel im Gespräch mit Medscape: „Das bedeutet, ihm nicht nur zu erklären, warum körperliche Aktivität für ihn wichtig ist, etwa weil er bereits Risikofaktoren für ein Metabolisches Syndrom hat. Vielmehr ist er danach zu fragen, mit welchen Sport- oder Bewegungsarten er Positives verbindet und was er sich in seinem Fall vorstellen könnte, um aktiv zu werden.“

Gelegenheit, ihre Patienten zu mehr Bewegung zu motivieren, haben besonders auch Hausärzte – nicht zuletzt bei den von der GKV vorgesehenen Gesundheits-Checkups.

Ziele müssen realistisch sein

 
Gesunde sowie Patienten … zu körperlicher Aktivität und sportlicher Betätigung zu motivieren, sollte eine Herausforderung an jeden Arzt sein. Susanne Berrisch-Rahmel
 

Dabei gelte es, Ziele vorzugeben, die auch realistisch sind. Hierfür lassen sich z.B. Trainingstagebücher nutzen, in denen der Patient seine Fortschritte dokumentieren kann. „Am besten findet dann natürlich nach einer gewissen Zeit ein Feedback-Gespräch statt, bei dem Fortschritte oder Hinderungsgründe besprochen werden können“, so Berrisch-Rahmel, die auch Sprecherin der AG Sport und Prävention des BNK ist.

Ideal ist der Sportkardiologin zufolge die Erstellung eines individuellen Trainingsplans, der die Konstitution des Patienten und etwa internistische oder orthopädische Begleiterkrankungen berücksichtigen muss. „Dabei sehen wir Sport als Medikament an und titrieren die Dosis schrittweise bis zur optimalen Zieldosis.“

Sporttauglichkeitsuntersuchung für Ungeübte

„Welche Bewegungsform geeignet erscheint, kann sicher oft bereits der Hausarzt abschätzen. Fallen bei einem Patienten allerdings kardiologische oder andere relevante Risikofaktoren auf, sollte dieser zur Abklärung der Sporttauglichkeit möglichst immer an einen entsprechenden Fachkollegen überwiesen werden“, sagte Berrisch-Rahmel.

„Vor allem bei sportlich Ungeübten oder nach längerer Pause sollte im Vorfeld eine Sporttauglichkeitsuntersuchung durch sportkardiologisch erfahrene Fachärzte stattfinden“, riet sie. Sie umfasst neben Anamnese und allgemeiner körperlicher Untersuchung eine Belastungsergometrie. Für Leistungsorientierte können zudem Lactat-Leistungstest oder Spiroergometrie indiziert sein.

Für einen Gesunden liegen die Kosten, die ihm für ein „Paket“ aus sportmedizinischer Vorsorgeuntersuchung, Beratung und Trainingsplan entstehen können, meist im Bereich zwischen 100 und 120 Euro, so die Düsseldorfer Expertin. Jedoch würden auch gesetzliche Krankenkassen den größten Teil davon auf Antrag erstatten. Werden Auffälligkeiten festgestellt, falle die ärztliche Untersuchung ohnehin in den Leistungsbereich der Krankenkasse.

 

REFERENZEN:

1. Pressekonferenz anlässlich der DGK Herztage 2016, 6. bis 8. Oktober 2016, Berlin

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....