Ein Drittel aller Fernreisenden hat multiresistente Keime im Gepäck – erhöhtes Risiko durch Antibiotika während der Reise

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

25. Oktober 2016

Prof. Dr. Tomas Jelinek

Der Tourismus trägt zur Verbreitung multiresistenter Erreger bei: 34% der international Reisenden, die zuvor frei von ESBL-bildenden Bakterien waren, kehren mit diesem unliebsamen Urlaubsmitbringsel nach Hause zurück. Das ist das Ergebnis einer prospektiven Kohortenstudie, die jetzt im Lancet erschienen ist [1].

„Mit dieser Größenordnung hatten wir schon gerechnet“, sagt dazu Prof. Dr. Tomas Jelinek, Wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin, im Gespräch mit Medscape. Er fügt hinzu: „Die ersten Arbeiten zur Besiedelung von Reiserückkehrern mit multiresistenten Keimen liegen vier Jahre zurück und erbrachten Raten von 20 Prozent plus, insofern ist diese Steigerung jetzt nicht sehr überraschend.“

Höchste ESBL-Kolonisierungsraten nach Reisen nach Südostasien

Dr. Maris S. Arcilla vom Department of Medical Microbiology and Infectious Diseases der Erasmus University in Rotterdam und Kollegen hatten 2.001 holländische Reisende und 215 nicht reisende Haushaltsmitglieder in ihre multizentrische Studie aufgenommen. Fäkalproben und Fragebögen zu demografischen Aspekten, Krankheiten und Verhaltensweisen wurden vor den jeweiligen Reisen und 1, 3, 6 und 12 Monate nach Reiserückkehr gesammelt. Die Proben wurden dann auf das Vorhandensein von ESBL (Extended-Spectrum-Betalaktamase)-Erregern gescreent.

633 (34,3%) von 1.847 international Reisenden, die vor Reiseantritt ESBL-negativ waren, hatten während ihrer Reise ESBL-Erreger erworben (95%-Konfidenzintervall: 32,1–36,5).

Rund 320 Millionen Menschen besuchen jedes Jahr Länder in Asien, Nordafrika oder im Mittleren Osten. In Südostasien, Zentralasien und Nordafrika ist das Risiko, sich ESBL-bildende Keime einzufangen, besonders hoch. Das spiegelte sich auch in der Studie wider, denn die höchsten Besiedelungsraten fanden sich bei denen, die nach Südostasien gereist waren: 136 von 181 Reisenden (75,1%; 95%-KI: 68,4–80,9).

Wichtige Prädiktoren für den Erwerb multiresistenter Keime waren die Einnahme von Antibiotika während der Reise (Odds Ratio: 2,69), eine Durchfallerkrankung, die nach der Rückkehr anhielt (OR: 2,31) und eine schon zuvor bestehende chronische Darmerkrankung (OR: 2,10).

Fernreisende ein Jahr lang als potenzielle Überträger betrachten

 
Wir brauchen sowohl bei Ärzten als auch bei Reisenden mehr Bewusstsein für die Problematik der auf Fernreisen erworbenen und hierzulande weiterverbreiteten multiresistenten Erreger. Prof. Dr. Tomas Jelinek
 

Die mediane Dauer der Kolonisierung nach der Reise lag bei 30 Tagen. 65 (11,3%) von 577 Patienten waren auch noch nach 12 Monaten mit multiresistenten Keimen kolonisiert. Ihre Ergebnisse werten Arcilla und Kollegen als „substanziell und besorgniserregend“. Als Konsequenz der Ergebnisse sollten Fernreisende stärker als bislang und über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr als potenzielle Überträger betrachtet werden.

Dabei müssen die ESBL-bildenden Bakterien, die gegen verschiedene Antibiotika resistent sind, nicht per se krank machen. „Für viele Träger werden diese Keime nie zum Problem – es ist bis zu einem gewissen Grad sogar normal, dass wir alle multiresistente Bakterien in uns tragen“, erklärt Jelinek in einer Mitteilung des CRM. Treffen die Erreger aber auf abwehrgeschwächte, kranke, frisch operierte oder ältere Menschen, können sie zu massiven Problemen führen. Bei solchen Personen können sie verschiedene Infektionen auslösen, die wegen der Resistenz der Keime nur schwer zu behandeln sind. Wie die Arbeit im Lancet zeigt, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Erreger von Reiserückkehrern an ein Haushaltsmitglied übertragen werden, bei rund 12%.

„Wir brauchen sowohl bei Ärzten als auch bei Reisenden mehr Bewusstsein für die Problematik der auf Fernreisen erworbenen und hierzulande weiterverbreiteten multiresistenten Erreger“, sagt Jelinek. Er empfiehlt Reisenden, während und nach der Reise auf besonders sorgfältige Hygiene zu achten. Weil die meisten Keime über die Hände übertragen werden, schützt regelmäßiges und gründliches Händewaschen gefährdete Personen im Umfeld bis zu einem gewissen Grad.

Screening wie in holländischen Kliniken wäre wünschenswert

Jelinek ist es wichtig, auf das Problem hinzuweisen, er sagt aber auch: „Wir haben in unserer Beratung für Reisende bezogen auf multiresistente Keime noch wenige Lösungen anzubieten. Wir wissen bislang kaum etwas über die Risikofaktoren, also etwa durch welche Art des Essens das Risiko für eine Besiedelung mit multiresistenten Keimen erhöht ist. Was wir wissen ist, dass das Risiko auf eine Besiedlung steigt, wenn während der Reise Antibiotika eingenommen wurden. Es empfiehlt sich deshalb, bei einer Erkrankung im Ausland nicht zu schnell Antibiotika zu einzunehmen.“

 
Was wir wissen ist, dass das Risiko auf eine Besiedlung steigt, wenn während der Reise Antibiotika eingenommen wurden. Prof. Dr. Tomas Jelinek
 

Durch sorgfältige Lebensmittelhygiene auf Reisen lässt sich Reisedurchfall oft vermeiden. Und falls nach der Reise ein Arzt- oder Klinikbesuch ansteht, sollten Reiserückkehrer die Ärzte darauf hinweisen, dass und wann sie im Ausland waren. Jelinek betont: „Doch auch Ärzte sind gefragt: bei der Aufklärung von Reisewilligen über Risikofaktoren, aber auch bei der Berücksichtigung möglicher importierter Resistenzen bei Reiserückkehrern. Diese müssen sowohl bei der Behandlung der Reisenden selbst, als auch als potenzielle Gefahr für andere Patienten – etwa bei Krankenhausaufenthalten – mehr in den Blick rücken.“

Er hält ein Screening auf multiresistente Keime, wie es in niederländischen Kliniken etabliert ist, auch für deutsche Kliniken für empfehlenswert „Einzelne Kliniken führen schon ein Screening bei Reiserückkehrern durch. Wünschenswert wäre aber ein standardisiertes Screening an allen Kliniken.“

 

REFERENZEN:

1. Arcilla MS, et al: Lancet (online) 14. Oktober 2016

 

Kommentar

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