„Eine Katastrophe für die Medizin“ – Gröhe erläutert, was in Deutschland gegen Antibiotika-Resistenzen unternommen wird

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

25. Oktober 2016

Bereits heute sterben weltweit mehr als 700.000 Menschen jedes Jahr an resistenten Keimen. „Diese Zahl kann bis 2050 auf 10 Millionen steigen, wenn wir nicht gegensteuern“, heißt es in einem Bericht zur Problematik von Antibiotika-Resistenzen, den die britische Regierung in Auftrag gegeben hat. „Das hieße mehr Tote durch multiresistente Keime als infolge von Krebserkrankungen“, machte auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe den Umfang der Bedrohung in einer Bundestagsrede, die er am 30. September 2016 hielt, nochmals deutlich.

Hermann Gröhe

Der britische Premierminister hatte im Jahr 2014 einen Review in Auftrag gegeben, um das globale Problem der antimikrobiellen Resistenzen (AMR) zu analysieren und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Die Kommission arbeitet mit Unterstützung des Wellcome Trust und wird von dem international renommierten britischen Ökonomen Jim O‘Neill geleitet.

Denn Antibiotika-Resistenzen sind nicht nur ein medizinisches und soziales, sondern auch ein ökonomisches Problem. Und dies weltweit, wobei die Hauptlast ärmere Länder und ökonomisch sich entwickelnde Länder tragen werden. Die Kosten für Krankenhaus-Behandlungen und die Gesundheitskosten insgesamt würden stark steigen, so die Kommission. Ihr Abschluss-Report ist im Mai 2016 veröffentlicht worden. Darin sagt O’Neill voraus: „Die Kosten bezüglich entgangener globaler Produktion zwischen heute und 2050 würden unglaubliche 100 Billionen US-Dollar betragen, wenn wir nichts unternehmen.“

Rückfall in „dunkle Zeitalter der Medizin“

„Wenn wir nicht handeln, sind wir mit einem fast unvorstellbaren Szenario konfrontiert – wenn Antibiotika nicht mehr wirken, werden wir in die dunklen Zeitalter der Medizin zurückgeworfen“, wird der ehemalige britische Premier David Cameron auf der AMR-Seite zitiert. Und auch Gröhe betonte in seiner Rede: „Ein Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter wäre eine Katastrophe für die Medizin. … Viele medizinische Eingriffe, vom Hüftgelenkersatz bis zur Transplantation, wären ohne vorbeugende Antibiotika-Behandlungen nicht möglich.“ Routine-Eingriffe und selbst kleinere Infektionen könnten damit wieder lebensbedrohlich werden.

 
Das hieße mehr Tote durch multiresistente Keime als infolge von Krebserkrankungen. Hermann Gröhe
 

Ähnlich wie beim Klimawandel vollziehe sich die Entwicklung schleichend und weithin unsichtbar, so Gröhe weiter. „Deswegen ist es wichtig, hier gegenzuhalten.“ Die Politik habe ihre Verantwortung erkannt und Deutschland sei dabei Schrittmacher, sagte der Gesundheitsminister und bekräftigte weiter: „Als im Juni des letzten Jahres beim G-7-Gipfel in Elmau die deutsche Präsidentschaft das Thema Antibiotika-Resistenzen auf die Tagesordnung gesetzt hat, da hat mancher in den Medien und auch in der Politik zunächst einmal gefragt: Antibiotika- was? Kümmern sich die G-7-Staats- und Regierungschefs nicht um die ganz wichtigen Fragen wie Frieden, Wirtschaftswachstum, Gerechtigkeit, Klimawandel? Ja, und dazu gehören eben auch Antibiotika-Resistenzen. Es ist eine Frage, die genau in diese Dimension gehört.“

Deutschland handele konsequent um der Gefährdung sowohl auf lokaler, nationaler wie internationaler Ebene zu begegnen, betonte Gröhe. Die Bundestagsabgeordnete Kordula Schulz-Asche, Bündnis90/Die Grünen, Sprecherin für Prävention und Gesundheitswirtschaft sowie für Bürgerschaftliches Engagement und selbst Krankenschwester, hatte verstärkte Bemühungen in Deutschland – vor allem bei der Aufklärung – angemahnt. Sie nannte Frankreich als Vorbild, wo eine „über Jahre dauernde, sehr breit angelegte und sehr intensive Informationskampagne“ laufe.

Von Aufklärung in der Fußgängerzone bis zur Ärzte-Weiterbildung

 
Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, werden wir in die dunklen Zeitalter der Medizin zurückgeworfen. David Cameron
 

Gröhe verwies auf die unterschiedlichen Kampagnen in Deutschland. Zum Beispiel „die guten Materialien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“. Er berichtete: „Ich war vor einigen Wochen mit Apothekerinnen und Apothekern meiner Heimatstadt mit diesen Materialien in der Fußgängerzone. Wir haben Eltern angesprochen und darauf hingewiesen, dass es falsch ist, ohne eine anständige Diagnostik vorschnell auf den Einsatz von Antibiotika zu drängen und die Behandlung nach einer vermeintlichen Besserung vorschnell abzubrechen.“

Daneben gäben örtliche Gesundheitsämter und Landesregierungen Materialien heraus. Doch es sei nicht mit der einmaligen Ausgabe von Materialien getan, räumt Gröhe ein. „Wir bauen diesen Bereich aus. … Natürlich müssen diese Arbeiten fortgesetzt und auch verstärkt werden; das steht übrigens auch im Antrag der Koalitionsfraktionen. Es gibt regionale Netzwerke für diese Arbeit, die beispielsweise durch das Robert-Koch-Institut unterstützt werden.“

Zusätzlich gebe es verbesserte Weiterbildungsangebote für die Ärzte. So biete die Universität Freiburg als Ankerorganisation das Antibiotic-Stewardship-Programm an. Und es existiere eine „Fülle von Maßnahmen vor Ort im Bereich Krankenhaushygiene“, die ergriffen würden. „Wir haben im Bereich der Krankenhaushygiene nach den Verschärfungen des Infektionsschutzgesetzes zuletzt die Meldepflichten verschärft, damit bereits ein erstes Auftreten von Keimen rechtzeitig die entsprechenden Reaktionen auslösen kann“, zählte er weiter auf.

 
Natürlich müssen diese Arbeiten fortgesetzt und auch verstärkt werden. Hermann Gröhe
 

Und: „Wir führen seit 2014 eine Verbrauchs-Surveillance in Krankenhäusern durch, und zwar zusammen mit dem Robert Koch-Institut und der Charité; über 200 Krankenhäuser machen bereits mit. Auch daraus gewinnen wir wertvolle Informationen für einen bestmöglichen Einsatz (von Antibiotika).“

Zusätzlich verwies er auf die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie (DART). Deren Ziel: Maßnahmen zu beschreiben, die den Hauptursachen der Resistenzentwicklung systematisch entgegenwirken sollen. So werden Surveillance-Systeme zur Erfassung der Antibiotika-Resistenz und des Antibiotika-Verbrauchs ausgebaut, Verhütungs- und Bekämpfungsmaßnahmen intensiviert, regionale, nationale und internationale Kooperationen auch interdisziplinär gefördert und Wissenschaft und Forschung auf diesem Gebiet verstärkt.

Auch international gilt Deutschland als Schrittmacher

Außerdem habe die Bundesregierung dafür geworben, das Thema auf die Tagesordnung bei WHO und bei den Vereinten Nationen zu setzen. Weiter finde – im Rahmen des G-7-Prozesses – ein Treffen internationaler Experten in Berlin statt. „Über 100 renommierte Experten werden über Forschungsanreize, den Zusammenhang von Tier- und Humanmedizin und über den klugen Einsatz von Antibiotika, aber auch über die Durchsetzung einer weltweiten Verschreibungspflicht diskutieren; auch Jim O’Neill wird daran teilnehmen.“

 
Ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingen wird, die Katastrophe, die eintreten kann … zu verhindern, wenn wir alle zusammenarbeiten und handeln. Hermann Gröhe
 

Und im Mai nächsten Jahres soll erstmalig zu einer Konferenz der G-20-Gesundheitsminister eingeladen werden. „Wir sind der Überzeugung, dass wir bei Fragen betreffend die Antibiotikaresistenz eine Zusammenarbeit der forschungs- und wirtschaftsstarken G-7-Staaten und der großen - auch großagrarisch tätigen - Länder Lateinamerikas und Asiens brauchen.“

Gröhe zeigte sich in seiner Rede überzeugt: „Unsere Anstrengungen, in denen wir nicht nur nicht nachlassen dürfen, sondern die wir auch verstärken müssen, werden nur Erfolg haben, wenn wir es schaffen, andere Staaten auf internationaler Ebene einzubinden. … Deutschland wird – fragen Sie in der WHO und der UNO – dabei als Schritt- und Tempomacher und aufgrund seiner Strategie als Vorbild gesehen.“

„Ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingen wird, die Katastrophe, die eintreten kann – zu diesem Schluss kommt man, wenn man den Report von O’Neill und die Berichte der Weltbank über die dramatischen wirtschaftlichen Schäden liest –, zu verhindern, wenn wir alle zusammenarbeiten und handeln.“

 

REFERENZEN:

1. Bundestagsrede von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zu Antibiotika-Resistenzen vom 30. September 2016

 

Kommentar

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