Krankheitslast durch nosokomiale Infektionen übersteigt die von Lungenkrebs – Experten diskutieren nötige Konsequenzen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

21. Oktober 2016

Wissenschaftler des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) haben erstmals präzise Daten zu nosokomialen Infektionen erhoben. Den Studienautoren zufolge stecken sich Jahr für Jahr in Europa rund 2,6 Millionen Patienten im Krankenhaus mit Keimen an, und 91.000 sterben daran. Folge der nosokomialen Infektionen sind hauptsächlich Pneumonien, Septitiden oder Wund- und Harnwegsinfektionen, die in Summe jährlich 2,5 Millionen beeinträchtigte oder verlorene Lebensjahre bedingen [1].

„Ich halte die Relevanz der Studie für ausgesprochen groß“, sagt Dr. Tim Eckmanns. Leiter des Fachgebiets Nosokomiale Infektionen, Surveillance von Antibiotikaresistenz und -verbrauch an der Abteilung für Infektionsepidemiologie des Robert Koch-Instituts (RKI) und Coautor der Studie, gegenüber Medscape. Dabei geht es ihm aber nicht nur um die absoluten Zahlen. „Das Besondere ist, dass wir einen neuen Parameter angewendet haben, nämlich die Krankheitslast“, hebt er hervor. Für nosokomiale Infektionen sei dies besonders schwierig, da die Patienten ja generell auch noch Grunderkrankungen haben. Und dann gelte es zu differenzieren, ob ein Todesfall tatsächlich auf die Keime zurückführen sei.

 
Das Besondere ist, dass wir einen neuen Parameter angewendet haben, nämlich die Krankheitslast. Dr. Tim Eckmanns
 

„Das haben wir in der Studie berücksichtigt“, erläutert Eckmanns weiter. Ziel sei gewesen, den Effekt von Infektionen nicht überzubewerten, sondern realistisch zu erfassen. „Wir haben deshalb einen besseren Parameter als die reine Mortalität oder Häufigkeit eingeführt“, sagt der Forscher. Dies seien die beeinträchtigten oder verlorenen Lebensjahre.

Daten aus 30 Ländern

Alessandro Cassini und seine Kollegen haben für ihre Analyse Daten des ECDC ausgewertet. Ihnen lagen Informationen aus 30 Ländern mit insgesamt 510 Millionen Einwohnern vor. Dabei wurden 6 Infektionen ausgewertet, die in Kliniken besonders häufig auftreten. Multiresistente Erreger erfassten die Wissenschaftler nicht separat.

Seit Jahren streiten Ärzte über die tatsächliche Zahl nosokomialer Infektionen. Experten der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) führten in älteren Veröffentlichungen 900.000 Erkrankungen und mindestens 30.000 Todesfälle pro Jahr an. Andere Fachgesellschaften sprachen dagegen „nur“ von 2.000 bis 4.500 Patienten, die in Folge nosokomialer Infektionen alljährlich sterben.

Details aus Deutschland

In Deutschland wurden die Daten von 274.000 Patienten in 1.150 Akutkrankenhäusern erfasst. Eckmanns zufolge laufen diese Auswertungen noch. Erste Schätzungen kommen von Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Sie rechnet mit rund 500.000 Krankenhausinfektionen und bis zu 15.000 Todesfällen in Deutschland jährlich.

Eckmanns geht von 500 verlorenen respektive beeinträchtigten Lebensjahren pro 100.000 Einwohnern und Jahr durch nosokomiale Infektionen aus. Zum Vergleich: Bei Lungenkrebs rechnet er mit 425 Lebensjahren pro 100.000 Einwohner und Jahr.

Unterschiedliche Ursachen

 
Wir müssen die Hygiene verbessern und den öffentlichen Gesundheitsdienst stärken Dr. Tim Eckmanns
 

Dem Experten zufolge sind Deutschlands Kliniken im europäischen Vergleich gut aufgestellt. Während niederländische Kliniken beispielsweise bei MRSA auf flächendeckende Screenings setzen, konzentriert sich Deutschland auf Hygiene-Verbesserungen – mit Erfolg. Im Jahr 2010 fanden Labormediziner noch in 20% aller Blutkulturen MRSA. Heute sind es 12%, bezogen auf alle Staphylococcus aureus-Stämme.

„Die Maßnahmen haben viel gebracht“, kommentiert Eckmanns. Gleichzeitig warnt er vor gefährlichen Trends: „Resistente Erreger aus dem gramnegativen Spektrum steigen bei uns langsam aber stetig an.“ Hier sei man derzeit noch unter 1 Prozent. „In Italien haben sich die Zahlen zwischen 2009 und 2010 um 15 Prozent erhöht“, so Eckmanns weiter.

Welche Konsequenzen haben diese Daten nun für die Praxis? „Es ist klar, dass wir nicht alle Infektionen verhindern können“, sagt Eckmanns. Häufig seien endogene Erreger im Spiel, etwa aus dem Darm. Jeden 3. Fall hält er auf jeden Fall für vermeidbar. „Wir müssen die Hygiene verbessern und den öffentlichen Gesundheitsdienst stärken, um die Zahlen soweit möglich zu verringern.“ Jetzt sei es an der Zeit, gezielt zu investieren. 

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) relativiert die Daten etwas: Kliniken seien sich des Problems sehr bewusst und würden mit einer Vielzahl an Maßnahmen gegen die Gefahren vorgehen, heißt es in einer Mitteilung. „Die Studie macht aber auch deutlich, dass die überwiegende Zahl der Infektionen krankheitsbedingt ist“, so DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Tim Eckmanns hat ebenfalls darauf hingewiesen, dass nicht jede Infektion nosokomiale Auslöser habe. Baum ergänzt: „Gleichwohl sind weitere Anstrengungen zur Vorbeugung gegen vermeidbare Infektionen notwendig.“ Unabhängig davon gebe es immer mehr geschultes Personal, und die Händehygiene habe sich in den letzten Jahren „massiv verbessert“. Als Beleg führt er den stark rückläufigen Trend bei Staphylococcus aureus-Infektionen an.

 

REFERENZEN:

1. Cassini A, et al: PLOS Medicine (online) 18. Oktober 2016

 

Kommentar

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