Frühwarnsystem für Herzschäden: Der hochsensitive Troponin-Test könnte 100.000 Menschenleben pro Jahr retten

Bettina Micka

Interessenkonflikte

20. Oktober 2016

Berlin Der neue hochsensitive Troponin-Test könnte sich als „Schutzengel“ für 100.000 Menschen im Jahr erweisen, denn er kann Herzschäden schon detektieren, bevor sie im EKG sichtbar oder Symptome vorhanden sind, jedoch die Sterblichkeit schon deutlich erhöht ist. „Ich möchte Sie überzeugen, dass diese kleinen Moleküle die Herzmedizin verändern können“, sagte Prof. Dr. Hugo Katus, Geschäftsführender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), auf einer Pressekonferenz anlässlich der Herztage 2016.

Mit dem hochsensitiven Test schneller Gewissheit

Katus selbst hat zusammen mit seinen Mitarbeitern 1987 den ersten Troponin-T-Assay entwickelt. Als Schnelltest gehören Troponin-Tests mittlerweile zur Standarddiagnostik bei Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom (ACS). Mit ihnen lässt sich Troponin T ab einer Konzentration von ca. 50 ng/l detektieren – ein Wert, der bei einem ACS etwa 3 bis 6 Stunden nach Symptombeginn gemessen wird.

Prof. Dr. Hugo Katus

Mittlerweile wurden jedoch Labortests entwickelt, die um den Faktor 10 empfindlicher sind und schon Konzentrationen von etwa 5 ng/l im Blut von Patienten aufspüren können. Dadurch verkürzt sich für Patienten und Krankenhäuser die Zeit bis zur Diagnose um mehrere Stunden. Liegen die Werte eines Patienten mit Verdacht auf ACS bei der Aufnahme und eine Stunde danach im unteren Normbereich (unter 5 ng/l), kann ein Herzinfarkt mit hoher Sicherheit ausgeschlossen werden (negativer prädiktiver Wert 99,7-100%). Diese Patienten haben trotz Thoraxschmerz auch kurz- und mittelfristig ein sehr niedriges kardiales Risiko (Mortalität in den nächten 30 Tagen 0,1%, innerhalb von 6 Monaten 0,8%, innerhalb von 2 Jahren 1,2%).

Diese Befunde haben dazu geführt, dass die Leitlinien „Akutes Koronarsyndrom und NSTEMI“ geändert wurden. Sie erlauben nun zum Infarktausschluss den 1-Stunden-Algorhithmus mit dem hochsensitiven Troponin-Assay (Elecsys® Troponin T hs, Architect STAT Troponin I oder Dimension Vista® Troponin I).

Dank dieses an Deutschen Kliniken inzwischen überwiegend etablierten Testverfahrens können Patienten deren Troponinwerte und -kinetik zusammen mit den Symptomen auf ein ACS hinweisen, rascher behandelt und weitere Schäden am Herzen eingedämmt werden. So weit, so gut.

Schon leicht erhöhte Werte zeigen Schäden des Herzmuskels an

 
Wenn das Herz bei systemischen Erkrankungen mitbetroffen ist, erkennbar durch erhöhte Troponinwerte, bedeutet das ein hohes Risiko für den Patienten. Prof. Dr. Hugo Katus
 

Doch damit ist das Potenzial des neuen Troponin-Tests noch längst nicht ausgeschöpft. Denn durch seine hohe Sensitivität ist er auf dem Weg, sich als Indikator schlechthin für Herzschäden bei verschiedensten Erkrankungen zu etablieren. „Wir schätzen, dass wir mit diesem Test 100.000 Menschen mehr pro Jahr in Deutschland retten können“, konstatierte Katus.

Inzwischen ist nämlich bekannt, dass nicht nur Troponinwerte oberhalb des Normbereiches von 14 ng/l mit einem deutlich erhöhten kardialen Risiko verbunden sind. Bereits bei Werten im oberen Normbereich zwischen 6 und 14 ng/l tragen die Patienten ein deutlich höheres kardiales Risiko als solche mit niedrigen Troponinwerten (Mortalität 15% vs 1,2%). Unabhängig von EKG-Befunden ist also freigesetztes Troponin bei Patienten mit Thoraxschmerz ein schlechtes Zeichen.

Mit dem hochsensitiven Test diagnostizieren Ärzte heute etwa 20% mehr Herzinfarkte anstatt einer instabilen Angina pectoris. Auch diese Patienten mit Mikroinfarkten profitieren von einer aggressiven Plättchenhemmung und einer Koronarintervention, wie etwa die PLATO-Studie gezeigt hat.

Typ-2-Infarkt: Weder Stenosen noch Verschlüsse, doch gefährlicher als Typ 1

20 bis 30% der Patienten mit typischen Ischämie-Symptomen und/oder EKG-Befunden sowie typischer Kinetik der Troponinwerte im hochsensitiven Test weisen weder kritische Stenosen noch Verschlüsse auf. In diesem Fall wird heute ein Typ-2-Infarkt diagnostiziert. Sehr häufig finden sie sich bei Intensivpatienten mit Tachykardie, Anämie, Blutdruckabfall oder Sepsis.

Obwohl die Troponin-Werte bei diesen Patienten unter der Nachweisgrenze des herkömmlichen Troponintests liegen, ist ihr Risiko für einen Herztod fast doppelt so hoch wie von Patienten mit Typ1-Infarkt (Ein-Jahres-Überlebensrate 12 vs 23 %). Wie nicht selten, ist allerdings auch in diesem Fall die Diagnostik noch der Therapie voraus: Für Typ-2-Infarkte gibt es bisher keine standardisierten Therapieempfehlungen.

Herzschäden ohne Infarkt als Ursache nun nachweisbar

Herzmuskelschäden können auch unabhängig von einem Infarkt auftreten, wie der hochsensitive Test belegt. In diesem Fall sind die Troponinwerte zwar erhöht, ihre Konzentration verändert sich aber über lange Zeiträume nicht. Dennoch haben die Patienten ein sehr hohes kardiales Risiko.

 
Wenn das Herz bei systemischen Erkrankungen mitbetroffen ist, erkennbar durch erhöhte Troponinwerte, bedeutet das ein hohes Risiko für den Patienten. Prof. Dr. Hugo Katus
 

Dauerhaft erhöhte Werte sind etwa bei akuten Herzschäden durch Myokarditis oder akuter Rechtsherzbelastung bei Lungenembolie zu finden. Bei den chronischen Herzerkrankungen kann dies beispielsweise bei Herzinsuffizienz, stabiler koronarer Herzkrankheit oder Vorhofflimmern auftreten. Patienten mit erhöhten Werten haben ein deutlich höheres Risiko für kardiale Ereignisse. Bei Patienten mit Vorhofflimmern lag etwa in der ARISTOTLE-Studie die Mortalität der Patienten mit den niedrigsten Werten (Quartil 1) im Vergleich zu denen mit den höchsten Werten (Quartil 4) nach einem Jahr bei 1,34 versus 7,9%.

Der Troponin-Wert ist auch ein Indikator für Atherosklerose-Ausmaß und -Charakteristika, wie Katus und seine Mitarbeiter in einer Studie mit dem Koronar-CT nachweisen konnten. Erhöhte Troponinwerte maßen sie vor allem bei Patienten mit weichen und rupturierten Plaques. Passend dazu konnten in der JUPITER-Studie durch eine konsequente LDL-Senkung die Troponinwerte signifikant reduziert werden.

„Kollateralschäden“ am Herzen früh erkennbar

„Wir haben gelernt, dass das Herz bei vielen Erkrankungen mitleidet“, so Katus. Mit dem hochsensitiven Troponintest sind nun diese Schäden auch bei primär nicht kardialen Erkrankungen nachweisbar. Dazu gehören beispielsweise Pneumonie, COPD, Niereninsuffizienz, Lungenhochdruck oder Vasculitis-Syndrome. Höhere Troponin-Werte wurden zudem bei Diabetikern mit häufigeren Hypoglykämien gefunden. Auch durch Behandlungen wie etwa Chemo- oder Radiotherapie bei Krebs kann das Herz geschädigt werden.

Sind die Troponinwerte erhöht, ist bei diesen Erkrankungen auch die Mortalität gegenüber Patienten mit den gleichen Erkrankungen, aber normalen Werten um bis zu 40% erhöht. „Wenn das Herz bei systemischen Erkrankungen mitbetroffen ist, erkennbar durch erhöhte Troponinwerte, bedeutet das ein hohes Risiko für den Patienten“, resümierte Katus.

 
Noch gibt es zwar keine Empfehlungen für ein Screening, aber es wird so kommen. Prof. Dr. Hugo Katus
 

Selbst bei vermeintlich Gesunden sind mitunter die Troponinwerte als Indikator für pathologische Prozesse im Herzen erhöht. Dies konnte beispielsweise in den Populationsstudien Framingham oder Rancho Bernardo nachgewiesen werden. Die Troponin-Werte gesunder Probanden waren hier jeweils zuverlässige Prädiktoren für das kardiovaskuläre Risiko und die Überlebensrate.


Ein idealer Marker für ein allgemeines Screening?

Wenn denn der Troponinwert ein so zuverlässiger und wichtiger Indikator für die Herzgesundheit ist, wäre es dann nicht sinnvoll, ein allgemeines Screening dafür einzuführen? Katus ist überzeugt: „Der Troponin-Test wird in die Leitlinien zur Prävention von Herzerkrankungen eingehen. Noch gibt es zwar keine Empfehlungen für ein Screening, aber es wird so kommen.“ Und er fügte hinzu: „Ich kenne meinen Troponin-Wert.“

Doch auch jetzt schon können Niedergelassene ihre Patienten von dem Test profitieren lassen. Zwar ist der hochsensitive Troponin-Assay im Gegensatz zum Schnelltest für die Hausarztpraxis zu aufwendig. Jedoch kann natürlich eine Blutprobe an entsprechende Labore geschickt werden, wenn der Verdacht besteht, dass das Herz geschädigt ist. „Das erspart dem Patienten bei nicht typischer Klinik beispielsweise das Katheterlabor“, erläuterte Katus.

Bestätigt dann ein erhöhter Troponinwert einen Verdacht, kann der Therapieplan besser an das nachgewiesene Risiko angepasst werden. Und für den Patienten wird eventuell deutlicher, dass sein Herz tatsächlich schon geschädigt ist. Das könnte sich positiv auf die Compliance oder auf die Motivation, die Lebensgewohnheiten zugunsten der Herzgesundheit zu ändern, auswirken.

 

REFERENZEN:

1. Pressekonferenz anlässlich der DGK Herztage 2016, 6. bis 8. Oktober 2016, Berlin

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....