Rekombinanter Herpes-zoster-Impfstoff erweist sich bei über 70-Jährigen als gut wirksam – Ersatz für Lebendimpfstoff?

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

14. Oktober 2016

Der rekombinante Herpes-zoster-Impfstoff HZ/su, der aus dem viralen Glykoprotein E und dem Adjuvans AS01B besteht, hat bereits eine Wirksamkeit von 97,2% im Vergleich zu Placebo bei Menschen über 50 Jahren gezeigt. In einer im New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentlichten Studie belegt er jetzt auch seine Wirkung bei älteren Menschen – mit 89,8% bei über 70-Jährigen [1]. Ein seit 2013 zugelassener Lebendimpfstoff erreicht diese Wirksamkeitsraten nicht. Er wird außerdem mit zunehmendem Lebensalter der geimpften Personen weniger effektiv.

„Das sind gute Neuigkeiten, wenn man bedenkt, dass die Herpes-zoster-Zahlen ansteigen und im Zuge des demographischen Wandels noch weitere Anstiege zu erwarten sind“, urteilt Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk, Leiter der Arbeitsgruppe Epidemiologische und Statistische Methoden an der Medizinischen Hochschule Hannover. „In dieser Situation ist ein neuer hochwirksamer Impfstoff sehr begrüßenswert.“

Dr. Anthony L. Cunningham, Westmead Institut, Universität Sydney und Dr. Thomas C. Heineman von GlaxoSmithKline haben für ihre randomisierte Phase-3-Studie in 18 Ländern 6.500 Menschen über 70 Jahre rekrutiert, die entweder 2 intramuskuläre Dosen der Vakzine oder entsprechende Placebo-Anwendungen im Abstand von 2 Monaten erhielten. Das Durchschnittsalter der Probanden betrug 75,6 Jahre. Während der Dokumentationszeit von im Mittel 3,7 Jahren kam es in 23 Fällen bei den Geimpften und in 223 Fällen in der Placebogruppe zu einem Herpes zoster-Ausbruch.

Daraus ließ sich eine Ausbruchshäufigkeit von 0,9 gegenüber 9,2 pro 1.000 Patientenjahre errechnen, woraus sich eine hohe Wirksamkeit der Vakzine von 89,8% ergab (95%-Konfidenzintervall: 84,2-93,7; p < 0,001). Wurden die Probanden nach Alter gesplittet, errechnete sich eine Wirksamkeit gegen einen Ausbruch von Herpes zoster von 90,0% für die 70- bis 79-Jährigen und von 89,1% für alle ab 80 Jahre, diese machten 22,1% der gesamten Probanden aus.

 
Das sind gute Neuigkeiten, wenn man bedenkt, dass die Herpes-zoster-Zahlen ansteigen. Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk
 

„Sowohl die Wirksamkeit als auch die Unabhängigkeit vom Alter sind sehr vielversprechend, während der frühere Lebendimpfstoff bei immungeschwächten Patienten, also häufiger bei Älteren, begründete Skepsis auslöste“, bemerkt Mikolajczyk dazu. „Zwar erreicht damit diese neue Impfung nicht die Wirksamkeit einiger Impfungen, die im Kindesalter verabreicht werden, aber sie schneidet deutlich besser ab als z.B. die Impfung gegen Grippe.“

Patientendaten mit Pool der Parallelstudie zusammengelegt

Wurden diese Ergebnisse mit den Daten der bereits seit letztem Jahr vorliegenden Studie mit 3.632 Menschen im Alter über 70 Jahre (gezogen aus der Population der über 50-Jährigen) kombiniert, ergab sich daraus eine Wirksamkeit des Vakzins gegen einen Herpes-zoster-Ausbruch von 91,3% für die gesamte Altersgruppe von 70 bis über 80 Jahre, errechneten die Autoren. Der Schutz vor einer postherpetischen Neuralgie lag für die gleiche Gruppe bei 88,8%. Beide Kohorten waren in denselben Zentren parallel rekrutiert worden, sodass diese Zusammenlegung der Gruppen möglich war.

Starke Primärreaktionen, aber vorübergehender Natur

Nachgefragte Berichte über Reaktionen an der Einstichstelle oder systemische Reaktionen in der ersten Woche nach der Intervention waren in der Verumgruppe mit 79% wesentlich häufiger als in der Placebogruppe mit 29,5%. Schwere Reaktionen dritten Grades wurden bei 6 bzw. 2% gefunden. Aber diese Reaktionen hielten nur 1 bis 2 Tage an, wurden durch die zweite Injektion nicht verstärkt und waren nicht altersgebunden. Die relativ hohe Rate an zumeist Schmerzen, Fieber und Müdigkeit führte aber nur bei 5 bis 6% der Patienten zu einem Verzicht auf die 2. Impfdosis und zeigte zwischen der Verum- und Placebogruppe keinen signifikanten Unterschied.

Ernste Nebenwirkungen mit möglichem Bezug zum Impfgeschehen waren insgesamt selten und in beiden Gruppen etwa gleich häufig (16,6 vs 17,5%). Alle Probanden hatten vor Einschluss in diese Studien weder einen Herpes zoster-Ausbruch noch zuvor eine andere Zoster-Impfung gehabt. Es waren keine Risikopatienten mit dokumentierter Immunschwäche oder nach Einnahme immunmodulatorisch wirksamer Substanzen eingeschlossen worden.

 
Sowohl die Wirksamkeit als auch die Unabhängigkeit vom Alter sind sehr vielversprechend. Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk
 

„Die hohe Immunogenität des neuen rekombinanten Impfstoffes geht anscheinend mit einer höheren Rate an Nebenwirkungen einher. Hier wäre neben dem Vergleich mit dem Placebo auch eine Gegenüberstellung mit dem Lebendimpfstoff sinnvoll“, wendet Mikolajczyk ein.

Verhinderung postherpetischer Neuralgie

Die Inzidenz von Herpes zoster liegt in Europa bei Menschen im Alter über 50 bei 7 bis 8 Fällen und bei über 80-Jährigen bei etwa 10 Fällen jeweils pro 1.000 Patientenjahre. Postherpetische Neuralgien treten bei etwa 8% der 50-Jährigen und bei 21% der über 80-jährigen Zoster-Patienten auf. Entsprechende Zahlen fand auch die Gruppe um Cunningham in dieser Studie: 9 Fälle von Herpes zoster und rechnerisch etwa 1 Fall von postherpetischer Neuralgie pro 1.000 Patientenjahre bei den über 70-Jährigen der Placebogruppe. Tatsächlich traten im Beobachtungszeitraum von im Mittel 3,7 Jahren 36 Fälle von postherpetischer Neuralgie unter 8.346 Ungeimpften auf, also rechnerisch pro Jahr etwa 10 Fälle unter 8.346 Beobachteten.

In der entsprechenden Gruppe von 8.250 Geimpften fanden die Untersucher im Beobachtungszeitraum dagegen lediglich 4 Fälle von postherpetischer Neuralgie. Daraus ergibt sich rechnerisch eine Wirksamkeit von 88,8%, da im statistischen Vergleich in 32 von 36 Fällen eine Neuralgie vermieden werden konnte. Bezieht man diese 32 Fälle auf die Zahl 8.250, so ergäbe sich eine Number needed to Vaccine (NNV) von etwa 260. Es müssten demnach 260 Menschen geimpft werden, um einen Fall von postherpetischer Neuralgie zu verhindern.

 
Die hohe Immunogenität des neuen rekombinanten Impfstoffes geht anscheinend mit einer höheren Rate an Nebenwirkungen einher. Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk
 

„Obwohl diese Zahl hoch ist, rechtfertigt die Einschränkung der Lebensqualität durch herpetische Neuralgie, dass zur Prophylaxe dieser schweren Erkrankung eine höhere Anzahl an Geimpften notwendig ist“, bemerkt Mikolajczyk zu dieser hohen NNT.

Die Autoren diskutieren, dass eine Aussage zur Wirksamkeit gegenüber der postherpetischen Neuralgie des hier untersuchten Impfstoffs nur durch die Zusammenlegung der Daten aus beiden Untersuchungen möglich war. Nur so konnte die Wirksamkeit der Vakzine hinsichtlich dieser selten auftretenden, aber ernsten Folgeerkrankung statistisch aussagekräftig berechnet werden.

Die Beobachtung der Probanden hält an, um weitere Aussagen zur Dauer der Wirksamkeit des Impfstoffs machen zu können. In den ersten 4 Beobachtungsjahren waren hierzu noch keine klaren Tendenzen zu erkennen. Ein anderes Ergebnis stellte sich dagegen schon heraus: Der Schutz gegen postherpetische Neuralgie bestehe aufgrund der dokumentierten Fallzahlen nicht auf einer zusätzlichen Eigenschaft des Vakzins, sondern auf der hohen Wirksamkeit gegen einen Zoster-Ausbruch selbst, bemerken die Autoren.

 

REFERENZEN:

1. Cunningham AL, et al: NEJM 2016;375:1019-1032

 

Kommentar

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