Botulinumtoxin gegen Borderline: Eine erste Fallstudie war vielversprechend

Christina Sartori

Interessenkonflikte

13. Oktober 2016

Eine Botulinumtoxin-Spritze in die Stirn könnte Borderline-Patienten helfen, weniger stark negative Emotionen zu entwickeln. In einer Fallstudie nahmen nach einer Botox-Behandlung Impulsivität, Stimmungsschwankungen und Niedergeschlagenheit ab. Die Symptome der Probandinnen hatten sich vorher weder durch Psychotherapie, Antidepressiva noch durch Antipsychotika bessern lassen.

Prof. Dr. Tillmann Krüger

Prof. Dr. Tillmann Krüger von der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover und PD Dr. Marc Axel Wollmer von der Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll, wollen ihre Befunde daher nun in einer Studie überprüfen [1]. 

„Es gibt bei chronischen Erkrankungen eine Reihe von Ansätzen, die überraschen“, berichtet Prof. Dr. Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München im Gespräch mit Medscape. „Insofern ist Botox ein interessanter neuer Weg, auch wenn es für mich nicht antizipierbar gewesen ist.“

PD Dr. Marc Axel Wollmer

Solche neuen Wege in der Behandlung zu gehen sei wichtig, erklärt Falkai, weil es immer wieder Borderline-Patienten gebe, bei denen die bekannten Therapien nicht wirkten. „Wir haben gute Behandlungsmethoden, aber es gibt – wie immer in der Medizin – einen Teil der Patienten, denen wir nicht ausreichend gut helfen können“, beschreibt er das Problem. „Deswegen benötigen wir solche Zusatzmethoden.“

Fallstudie mit vielversprechendem Ergebnis

Tatsächlich ist diese Form der Behandlung einer Borderline-Störung bisher noch nicht erprobt worden: „Wir sind die allerersten“, stellt Wollmer gegenüber Medscape fest. „Wir haben gerade eine erste Fallserie mit sechs Borderline-Patientinnen dazu im American Journal of Psychiatry publiziert.“ [2]. Die Symptome der Probandinnen im Alter von 20 bis 59 Jahren hatten sich vorher weder durch Psychotherapie, Antidepressiva noch durch Antipsychotika gebessert.

Die Probandinnen wurden mit 29 Units Onabotulinum Toxin A (Botox®) in 5 Stellen auf der Stirn behandelt. 2 bis 6 Wochen nach der Injektion hatten sich die Symptome, gemessen mit der Zanarini-Borderline-Rating-Skala und/oder der Borderline Symptom Liste um 49% bis 94% von der Grundlinie verbessert. Außerdem nahmen Impulsivität, Selbstverletzungs-Verhalten, Stimmungsschwankungen und Niedergeschlagenheit ab. Auch die sozialen Fähigkeiten verbesserten sich. 4 Patientinnen ließen die Behandlung einige Monate später wiederholen, was erneut zu einer Verbesserung der Symptome führte.

Eine größere Studie beginnt jetzt

 
Es gibt eine Reihe von gut gemachten klinischen Studien, die sehr schöne Effekte zeigen, interessanterweise bei Therapie-resistenter Depression. Prof. Dr. Peter Falkai
 

Jetzt soll eine größere Studie folgen: 54 Frauen mit Borderline-Erkrankung erhalten entweder 5 Einstiche mit Botulinumtoxin A oder 6 Akupunktur-Nadeln in die Stirn und werden über 16 Wochen beobachtet. „Der primäre Endpunkt ist nach acht Wochen“, erläutert Wollmer. „Dann wird gemessen, ob es eine Veränderung gibt.“

Dabei erwarten die beiden Ärzte vor allem, dass negative Emotionen abgeschwächt werden. Borderline-Patienten erfahren bekanntlich extreme Stimmungsschwankungen und leiden an ausgeprägten negativen Emotionen. Sie sind sehr impulsiv und führen instabile zwischenmenschliche Beziehungen. Oft stehen sie unter hochgradiger innerer Anspannung, aufgrund derer sie sich häufig als Gegenimpuls körperliche Schmerzen oder Verletzungen zufügen.

Das Prinzip, nach dem die durch Botulinumtoxin erzielte Reduktion der Zornesfalten diese Symptome verbessern soll, wird als „facial-feedback-Hypothese“ bezeichnet. „Danach drückt die Mimik nicht nur Emotionen aus, sondern es entstehen durch die Mimik auch Signale, die an das Gehirn zurückgeleitet werden“, beschreibt Wollmer. So werden die ausgedrückten Emotionen verstärkt und aufrechterhalten. Durch die Botox-Spritze soll diese Rückkopplung per Mimik abgeschwächt werden, indem das Nervengift den Musculus corrugator supercilli blockiert. „Dieser Muskel macht die Zornesfalte. Er wird immer dann aktiv, wenn negative Emotionen im Spiel sind.“

Gegen Depression wurde eine Botox-Wirkung schon nachgewiesen

Für die Depression wurde der positive Effekt einer Botulinumtoxin-Spritze in die Stirn schon in mehreren Studien gezeigt, unter anderem auch 2012 und 2014 von Krüger und Wollmer „Meines Wissens gibt es keine große Studie bisher“, schränkt Falkai ein. „Aber es gibt eine Reihe von gut gemachten klinischen Studien, die sehr schöne Effekte zeigen, interessanterweise bei Therapie-resistenter Depression.“ Daher hält Falkai die Behandlung einer Depression mit Botulinumtoxin für  eine wichtige Ergänzung. „Gerade bei der Therapie-resistenten Depression bin ich der Ansicht, man sollte alles versuchen, was vielversprechend ist.“

Für ihn ist bisher noch ungeklärt, warum eine Spritze mit dem Nervengift tatsächlich depressiven Patienten helfen kann. Von einigen Kollegen werde auch angenommen, dass Botulinumtoxin zentrale Effekte haben könne.

Infrage käme aber auch eine andere Erklärung: „Möglicherweise hat es auch den peripheren Effekt, dass eben Falten moduliert werden und sich daher die Reaktion meines Gegenübers verändert“, gibt Falkai zu bedenken. „Wenn ich immer kummervoll und depressiv schaue, dann reagiert man anders auf mich, als wenn ich entspannt und fröhlich bin.“ Und diese positive Reaktion des Gegenübers könne dazu führen, dass der Patient sich besser fühle, vermutet er.

Aber dies sei nur eine von mehreren denkbaren Erklärungen und bisher wisse man einfach nicht, was tatsächlich die Verbesserung der Symptome bewirke. „Aber ich würde sagen, das ist eine gute initiale Evidenz, die nachvollzogen werden sollte“, unterstreicht er: „Denn wir haben etwa eine Millionen chronisch depressive Menschen in Deutschland – aber nicht das perfekte Heilmittel.“

Zwei Verum-Interventionen im Vergleich

In der Studie „Botox gegen Borderline-Störung“, die jetzt startet, werden den Probanden der Kontrollgruppe anstelle einer Botulinumtoxin-Spitze Akupunktur Nadeln in die Stirn gesetzt. Ein Design, das Falkai etwas überrascht: „Ist man denn schon so weit, dass man zwei Verum-Interventionen miteinander vergleicht?“ Seiner Meinung nach wäre es vielleicht sinnvoller, zuerst eine placebokontrollierte Studie durchzuführen. Doch das ist gar nicht so einfach.

 
Die Frage ist: Muss man nachinjizieren oder ist es mit einer Behandlung getan? Prof. Dr. Peter Falkai
 

„Bei den Depressionsstudien zeigte sich ein methodisches Problem“, erinnert sich Wollmer. „Wenn die Patienten sich einigermaßen selbst beobachten, merken sie, ob sie Botox erhalten haben oder nicht, weil sich ihr Aussehen verändert.“ Daher sei eine Verblindung mit dieser Form der Intervention kaum möglich. „Das kann dazu führen, dass Erwartungen der Patienten befriedigt oder enttäuscht werden“, ergänzt er. „Und das könnte das Ergebnis beeinflussen. Daher wird bei der aktuellen Studie nicht verblindet, sondern beiden Patientengruppen werden Behandlungen angeboten, die möglicherweise eine Wirkung zeigen um zu sehen, was macht den Unterschied: Der Wirkstoff oder das Pieksen?“

8 Wochen nach der Behandlung soll gemessen werden, ob sich bei den Patienten eine Veränderung zeigt. Jeder Patient wird insgesamt 16 Wochen beobachtet. Eine erneute Messung nach längerer Zeit ist im Studiendesign nicht vorgesehen. Ein Punkt, den Falkai bedauert: „Ich würde nach einem Jahr ein Follow up machen“, sagt er.

„Die Frage ist: Muss man nachinjizieren oder ist es mit einer Behandlung getan?“ Das würde schließlich auch etwas über die Wirkung der Therapie aussagen. „Wenn das wirklich kurativ wirkt, müsste man es nicht nachinjizieren“, sagt er und führt ein anderes Beispiel an. Ähnlich verhalte es sich bei der Behandlung von depressiven Patienten mit Ketamin: „Ein Teil der Patienten bleibt stabil, aber einem anderen Teil geht es wieder schlechter, wenn man nicht nachspritzt.“

Grundprinzip für verschiedene psychische Erkrankungen anwendbar?

Ob Botulinumtoxin-Spritzen die Symptome von Borderline-Patienten lindern können, wird man in 1,5 bis 2 Jahren besser beurteilen können. Dann soll die Studie abgeschlossen sein, sagt Wollmer. Wichtig ist ihm dabei die Zielsetzung: „Es geht nicht darum, ein spezifisches Störungsbild zu behandeln“, betont er, „sondern um den Grundgedanken: über die Wechselwirkung zwischen Mimik und Stimmung ein Übermaß negativer Emotionalität zu beeinflussen.“ Wenn dies möglich sei, dann könnte die Botulinumtoxin-Behandlung später auch bei anderen psychischen Störungen angewendet werden.

 

REFERENZEN:

1. Medizinische Hochschule Hannover: Pressemitteiling, 2. September 2016

2. Kruger THC, et al: American Journal of Psychiatry; 173(9):940–941

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....