Arzneiverordnungs-Report: Ausgaben 2015 um 1,5 Milliarden Euro gestiegen – Krankenkassen geben AMNOG die Schuld

Christian Beneker

Interessenkonflikte

5. Oktober 2016

Berlin – Das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) hat seine Ziele verfehlt. Das sagte jedenfalls Prof. Dr. Ulrich Schwabe, der Herausgeber des Arzneiverordnungs-Reports (AVR) vom Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg, bei der Vorstellung des Arzneiverordnungsreports 2016 [1;2].

Tatsächlich sind die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) 2015 laut Bericht um 1,5 Milliarden Euro auf nunmehr 36,9 Milliarden Euro im Jahr gestiegen und damit um 4,3%. Mit dem AMNOG hätten dagegen eigentlich 2 Milliarden Euro eingespart werden sollen, betonte Schwabe. Die Hersteller indessen kritisierten Schwabe: 4,3% sei eine „unspektakuläre Zahl“, sagte etwa Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (vfa).

Neuer Ausgaben-Höchststand trotz kaum gestiegener Verordnungszahlen

Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind 2015 auf einen neuen Höchststand geklettert, dokumentiert der Bericht. Dies ist umso erstaunlicher, da die Verordnungszahlen mit 0,8% kaum gestiegen sind. Dafür wurde aber teurer verordnet. Der durchschnittliche Wert der Verordnungen stieg um 4,5%. So wurden zum Beispiel größere Packungen verordnet. Der Umsatz an Fertigarzneimitteln stieg sogar um 5,3%, das sind allein 35,35 Milliarden Euro.

Der Löwenanteil der Ausgabensteigerung ist aber laut Report auf die teuren Patent-Arzneimittel zurückzuführen. 70% des Nettokostenanstiegs im Gesamtmarkt sind auf Kostensteigerungen der 5 teuersten Arzneimittel im patentgeschützten Markt zurückzuführen. Vor allem die neuen Präparate unter ihnen kosten. Sie „sind mit einem durchschnittlichen ungewichteten Packungspreis von 4.780,66 Euro mehr als doppelt so teuer wie die Arzneimittel im gesamten Patentmarkt“, heißt es im Report.

 
Im Moment wird eine durch und durch unspektakuläre Zahl – ein Arzneimittel-ausgabenzuwachs von 4,3 Prozent im Jahr 2015 – durch einige Krankenkassen dramatisiert. Birgit Fischer
 

Damit liege Deutschland deutlich über dem EU-Schnitt. Allein hier ließen sich theoretisch 3,2 Milliarden Euro sparen, wenn man die Preise in Deutschland auf einen Schnitt senken würde, der sich aus den durchschnittlichen Preis von 8 repräsentativen europäischen Ländern ergibt. Das wäre eine Ersparnis von 25,2%.

Ist der Gesetzgeber schuld?

Schwabe macht die Aufweichung des AMNOG für die Preissteigerung verantwortlich. So habe es die Versicherten in den letzten 3 Jahren zum Beispiel 500 Millionen Euro gekostet, dass laut AMNOG der Zusatznutzen von Orphan-Arzneimittel, also solche für seltene Krankheiten, in Deutschland bereits durch die europäische Zulassung als belegt gilt. Auch das Ende der Bestandsmarktbewertung habe die Versicherten rund 1 Milliarde Euro gekostet, meinte Schwabe. Beide Regelungen wurden nachträglich ins AMNOG aufgenommen. Mit anderen Worten: Die Verantwortung für die steigenden Kosten trage der Gesetzgeber.

Die nachträglich eingefügten Regelungen hätten zu einer „schleppenden Umsetzung" der Sparziele des AMNOG geführt. Dadurch habe „die Pharmaindustrie allein 2015 Mehreinahmen von 1,1 Milliarden Euro erzielt“, so Schwabe. „Seit 2012 hat sie auf diesem Wege circa sechs Milliarden Euro an stillen Subventionen von der GKV erhalten.“

Multiple Demontage des AMNOG?

Die Pharmahersteller wehren sich gegen die Darstellung Schwabes. Fischer warf Schwabe vor, er breche eine „Spardebatte vom Zaun", obwohl die Kostensteigerung 2015 moderat sei. „Im Moment wird eine durch und durch unspektakuläre Zahl – ein Arzneimittelausgabenzuwachs von 4,3 Prozent im Jahr 2015 – durch einige Krankenkassen dramatisiert“, so Fischer. Sie mahnte stattdessen eine Debatte um die Qualität der Therapien an: „Wann spricht die AOK eigentlich darüber, wie Patienten besser behandelt werden können?“

Dr. Norbert Gerbsch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie e.V. (BPI), verwies auf die Minderausgaben durch das AMNOG. So verschweige der Bericht die 26 als Folge des AMNOG bereits vom Markt genommenen Medikamente als kostenmindernde Konsequenz des Gesetzes. „Die Minderausgaben werden damit systematisch unterschätzt und die Konsequenzen für die Versorgung verleugnet: Den Patienten werden Therapieoptionen vorenthalten“, kritisierte Gerbsch.

 
Patienten werden Therapieoptionen vorenthalten. Dr. Norbert Gerbsch
 

Zudem sei der Anteil der Ausgaben für patentgeschützte Arzneimittel keineswegs ein Kostentreiber. Ihr Anteil an den Gesamtkosten lag 2015 bei 45%. „Das ist genau der Durchschnittswert seit 2001 und geringer als jedes Jahr seit 2007 mit Ausnahme von 2012 und 2014 (Zahlen des AVR)“, sagte Gerbsch.

Ungeachtet der Kritik sieht die Zukunft der Arzneikosten für die Versicherten laut Schwabe düster aus. Das anstehende Arzneimittel-Versorgungsstärkungsgesetz (AM-VSG), dessen Referentenentwurf derzeit vorliegt, werden die Ziele des AMNOG weiter aufweichen, kritisierte Schwabe. So sollen z.B. Reserveantibiotika keiner Nutzenbewertung mehr unterzogen werden. Auch sollen die Kassen mehr Geld für Arzneimittel bezahlen, die nachgewiesenermaßen keinen Zusatznutzen haben. Schwabe sprach von der „multiplen Demontage unseres AMNOG“.

Fischer vermutete denn auch, Schwabe wollen mit seiner Kritik im AVR vor allem eines: Den politischen Prozess in der heißen Phase der Gesetzgebung zur Stärkung der Arzneimittelversorgung (AM-VSG) beeinflussen.

 

REFERENZEN:

1. Wissenschaftliches Institut der AOK: Pressekonferenz zum Arzneiverodnungs-Report 2016, 26. September 2016

2. Schwabe/Paffrath (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 2016: Aktuelle Daten, Kosten, Trends und Kommentare; Springer-Verlag 2016

 

Kommentar

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