Ernährungstipps: So können Ärzte Vegetarier und Veganer beraten

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

30. September 2016

Prof. Dr. Jörg-Dieter Schulzke

Berlin – Immer mehr Menschen wollen sich zumindest fleischlos ernähren – überzeugt davon, ihrer Gesundheit, Natur und Umwelt Gutes zu tun. In puncto Gesundheit sind dabei auch die Mediziner gefragt. „Wenn Ärzte Vegetarier oder Veganer betreuen, sollten sie diese beraten können, um – an der individuellen Nahrungsaufnahme orientiert – ernährungsbedingten Defiziten vorzubeugen“, erklärte Prof. Dr. Jörg-Dieter Schulzke, Leiter des Instituts für Klinische Physiologie der Charité Universitätsmedizin Berlin, auf einer Pressekonferenz anlässlich des Kongresses für Viszeralmedizin 2016 [1].

Auf mehr als 10% der Bevölkerung in den westlichen Ländern wird der Anteil der Personen geschätzt, die sich mit unterschiedlicher Motivation zumindest phasenweise vegetarisch oder vegan ernähren. Letztere verzichten auf tierische Produkte jeglicher Art, also etwa auch auf Milch, Eier und Honig. In Deutschland leben laut Schätzungen des Vegetarierbundes rund 8 Millionen Vegetarier und 800.000 Veganer, wobei der Anteil der sich über längere Zeit so ernährenden Menschen eher bei 3% Vegetarier und 0,3% Veganer liegen dürfte. Frauen ernähren sich häufiger vegetarisch bzw. vegan als Männer.

Höchstes Risiko für Mangelerscheinungen: Vegane Kost ohne Substitution

„Die typische Frau, die sich vegan ernährt, ist jung und gebildet, lebt urban und pflegt einen gesunden Lebensstil“, berichtete Schulzke. Vegetarier und Veganer sind deutlich seltener übergewichtig. „Allgemeingültige Aussagen zu den positiven gesundheitlichen Effekten dieser Ernährungsformen lassen sich jedoch nur schwer machen, da sich die individuellen Kostformen oft deutlich voneinander unterscheiden“, so Internist Schulzke. Weitgehend sicher sei jedoch, dass es bei einer absolut pflanzlichen (veganen) Ernährung ohne Substitution bestimmter Mikronährstoffe mittel- bis langfristig zu teilweise gravierenden Mangelerscheinungen komme.

 
Wenn Ärzte Vegetarier oder Veganer betreuen, sollten sie diese beraten können, um ernährungsbedingten Defiziten vorzubeugen. Prof. Dr. Jörg-Dieter Schulzke
 

Vitamin B12 im Fokus

Ganz im Vordergrund der Substitution steht dabei das Vitamin B12, das fast ausschließlich in tierischen Produkten (Fleisch, Fisch, Milchprodukten und Eiern) enthalten ist. Wie Schulzke erläuterte, finden sich Defizite erst nach mehreren Jahren, da die Leberspeicher für Vitamin B12 sehr lange einen Vorrat bieten. Ein Mangel führt langfristig zu schweren irreversiblen neurologischen Defiziten, die auch bei den gestillten Kindern auftreten können, deren Mütter sich vegan ernähren.

Durch die Messung des Gesamt-Cobalamins im Serum lässt sich ein Mangel nicht zuverlässig erkennen, vielmehr sollte auf klinische Symptome (z.B. Erschöpfung, Stimmungsschwankungen) geachtet und gegebenenfalls das für den Stoffwechsel relevante Holotranscobalamin (HoloTC) bestimmt werden.

Ebenso potenziell kritisch: Mineralstoffe und Spurenelemente

Ein weiteres Risiko ist Eisenmangel: „Auch wenn es eisenhaltige pflanzliche Nahrungsmittel gibt, wird das Mineral aus diesen nur schwer aufgenommen, da sie gleichzeitig Inhibitoren wie Polyphenole oder Phytinsäure enthalten“, so Schulzke. Anamnestisch werden bei einem Eisenmangel insbesondere Leistungsschwäche und Abgeschlagenheit angegeben. Die in pflanzlicher Nahrung enthaltenen Inhibitoren können jedoch nicht nur die Eisenresorption, sondern unter anderem auch die Aufnahme von Calcium, Zink und Selen stören.

 
Auch wenn es eisenhaltige pflanzliche Nahrungsmittel gibt, wird das Mineral nur schwer aufgenommen, da diese gleichzeitig Inhibitoren enthalten. Prof. Dr. Jörg-Dieter Schulzke
 

Von einem Calciummangel sind vor allem Veganer betroffen, da sie keine Milchprodukte verzehren. Die Diagnose wird Schulzke zufolge dadurch erschwert, dass sich ein mögliches Calciumdefizit mit Serum-Calcium-Bestimmungen kaum erfassen lässt, da der Spiegel durch Parathormon-Ausschüttung und Mobilisierung aus dem Knochen konstant geregelt wird. Noch häufiger (in bis zu jedem zweiten Fall) fehle Veganern allerdings Zink, was sich dann etwa durch Wundheilungsstörungen bemerkbar macht.

Ausgewogene Mischung pflanzlicher Lebensmittel wichtig

Darüber hinaus gelten auch Proteine und Omega-3-Fettsäuren bei veganer Ernährung als potenziell kritische Nährstoffe. „Zwar sind auch in Pflanzen Eiweiße, aber dabei nicht immer alle essenziellen Aminosäuren enthalten, weshalb hier eine ausgewogene Mischung pflanzlicher Nahrungsmittel wichtig ist, die verschiedene Getreide, Soja und Mais enthält“, erläuterte der Berliner Internist. Unabhängig von vegetarischer oder nicht-vegetarischer Ernährungsweise sei bei vielen Westeuropäern ein Jodmangel nachweisbar.

Es gibt allerdings auch Mikronährstoffe, mit denen Vegetarier und Veganer zum Teil besser versorgt zu sein scheinen. So wurde in einer Schweizer Studie bei Vegetariern und Veganern im Vergleich zu Personen, die sich mit Mischkost ernähren, eine höhere Aufnahme an Magnesium, Vitamin C, Vitamin E, Niacin und Folsäure beschrieben.

Vegane Kost nicht für Schwangere, Stillende und Kinder

„Gänzlich von veganer Kost abraten“, so Schulzke, „sollten Ärzte Schwangeren und Stillenden sowie Kindern bis zum Abschluss der Wachstumsphase.“ In allen anderen Fällen gelte es, Patienten mit vegetarischer oder veganer Ernährungsweise über mögliche Nährstoffdefizite aufzuklären und eine prophylaktische Nährstoffsubstitution zu empfehlen.

 
Gänzlich von veganer Kost abraten sollten Ärzte Schwangeren und Stillenden sowie Kindern bis zum Abschluss der Wachstumsphase. Prof. Dr. Jörg-Dieter Schulzke
 

„Bei Verdacht auf Ernährungsdefizite können die Patienten zur Ernährungsberatung an Diätassistentinnen überwiesen werden, die sich meist besser auskennen als die meisten Ärzte“, riet der Experte im Gespräch mit Medscape. Die Kosten würden im Regelfall von der Krankenkasse übernommen.

Laborkontrolle einmal jährlich

Als Laboruntersuchung (einmal jährlich) empfiehlt Schulzke bei Vegetariern und Veganern ein kleines Blutbild sowie die Bestimmung von Ferritin, Vitamin D, Parathormon, TSH und eventuell Selen. Die wichtigste Nährstoffsubstitution betreffe Vitamin B12, bei Veganern auch Eisen. Zink, Selen und Calcium können dem Charité-Experten zufolge in Form von Mischpräparaten aufgenommen werden. Bei fehlender Sonnenexposition sei zudem auf eine ergänzende Zufuhr von Vitamin D zu achten.

 

REFERENZEN:

1. Vorab-Pressekonferenz anlässlich des Kongresses Viszeralmedizin 2016, 14. September 2016, Berlin

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....