Prüfen, Rufen, Drücken: Laienreanimation soll jährlich 10.000 Menschenleben zusätzlich retten

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

26. September 2016

Prof. Dr. Bernd Böttiger

Berlin – Jedes Jahr erleiden in Deutschland mindestens 50.000 Menschen einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Während bislang nur jeder Zehnte von ihnen überlebt, könnten mehr Laienreanimationen die Zahl der Geretteten erheblich steigern. Das „Nationale Aktionsbündnis Wiederbelebung“ aus Ärzteverbänden und weiteren Organisationen präsentierte in dieser „Woche der Wiederbelebung“ in Berlin eine bundesweite Informations- und Aufklärungskampagne [1].

„Eine Laienreanimation kann die Überlebensrate nach Herz-Kreislauf-Stillstand verdoppeln bis verdreifachen“, betonte Prof. Dr. Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin des Universitätsklinikums Köln und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rats für Wiederbelebung (German Resuscitation Council, GRC) im Gespräch mit Medscape.

Ziel: Laienreanimation mindestens bei jedem zweiten Herz-Kreislauf-Stillstand

Etwa 60% der Herz-Kreislauf-Stillstände treten zu Hause auf, bis zu 45% werden von Familienangehörigen, Freunden oder anderen Personen beobachtet. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern werden in Deutschland allerdings immer noch zu wenige helfend tätig, bevor der Notarzt zu einem Patienten mit Herzkreislaufstillstand kommt. „Noch vor 5 Jahren betrug die Laienreanimationsquote hierzulande gerade einmal 18 Prozent“, erläuterte Böttiger mit Verweis auf die Zahlen des Deutschen Reanimationsregisters. Seitdem sei es durch von Anästhesiologen initiierte und mit weiteren Partnern durchgeführte Aufklärungsaktionen (etwa „Ein Leben retten“ und die jetzt bereits zum 4. Mal stattfindende „Woche der Wiederbelebung“) gelungen, die Quote auf mittlerweile immerhin 34% zu steigern.

„Doch das ist bei Weitem noch nicht genug“, urteilt der GRC-Vorsitzende, „in den Niederlanden liegt die entsprechende Zahl bei fast 70 Prozent, in manchen Gegenden Norwegens sogar bei 80 Prozent.“ Für Deutschland wurde jetzt das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 eine Laienreanimationsquote von zumindest 50% zu erreichen. Langfristig sollen damit pro Jahr 10.000 Menschenleben zusätzlich gerettet werden können.

 
Eine Laienreanimation kann die Überlebensrate nach Herz-Kreislauf-Stillstand verdoppeln bis verdreifachen. Prof. Dr. Bernd Böttiger
 

„Diese Ziele sind nur zu erreichen, wenn möglichst viele an Reanimation Beteiligte gemeinsam aktiv werden, weshalb wir das Nationale Aktionsbündnis Wiederbelebung gebildet haben“, so Böttiger. Darin einbezogen sind neben ärztlichen Fachgesellschaften von Anästhesiologen, Internisten bzw. Kardiologen, Intensiv- und Notfallmedizinern sowie anderen Fachärzten auch die großen nationalen Hilfsorganisationen und Organisationen wie die Deutsche Herzstiftung.

Fokus auf Schülerausbildung

Reanimieren sei kinderleicht und in wenigen Minuten zu lernen, betonte Böttiger, man müsse es als Laie nur gezeigt bekommen und nach dem Schema „Prüfen (der Ansprechbarkeit und der Atmung), Rufen (des Rettungsdienstes) und Drücken (mindestens 100 Mal pro Minute 5 bis 6 Zentimeter tief in der Mitte des Brustkorbs)“ handeln.

Die Kampagne konzentriert sich auch auf die Schülerausbildung in Wiederbelebung: „Wir wollen diese mit zwei Stunden pro Jahr ab der 7. Klasse in allen Schulen und allen Bundesländern fest etablieren.“ Ein entsprechender positiver Beschluss der Kultusministerkonferenz liege bereits vor, die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg gingen mit gutem Beispiel voran. Die von mehreren internationalen Organisationen entwickelte Initiative „Kids save lives“ wird mittlerweile auch von der WHO unterstützt und international propagiert.

Die Arztpraxis als Multiplikator

 
Meine Erwartung an jeden Arzt egal welchen Fachgebiets ist es, dass er erstens weiß, wie man reanimiert und zweitens, dass er sich auch gegenüber anderen für dieses Thema engagiert. Prof. Dr. Bernd Böttiger
 

Um die Überlebensraten nach Herzstillstand zu verbessern, empfahl Böttiger ebenfalls die sogenannte Telefonreanimation durch Leitstellen des Rettungsdienstes. Anhand bestimmter Abfrageprotokolle und Algorithmen geben Leitstellenmitarbeiter bei eintreffenden Notrufen den Anrufern eine Anleitung zur Laienreanimation. Statistisch gesehen könne jede 7. Telefonreanimation tatsächlich auch ein Leben retten. Allerdings hätten noch längst nicht alle deutschen Leitstellen die Telefonreanimation etabliert.

Auch niedergelassene Ärzte können und sollten sich nach Ansicht des GRC-Vorsitzenden angesprochen fühlen, die Laienreanimation zu fördern – etwa in dem sie Informationen dazu für ihre Patienten im Wartezimmer verteilen und ihre Praxismitarbeiter (eventuell auch Patienten) in regelmäßigen Abständen in Wiederbelebungsmaßnahmen trainieren. „Meine Erwartung an jeden Arzt egal welchen Fachgebiets ist es“, so Böttiger, „dass er erstens weiß, wie man reanimiert und zweitens, dass er sich auch gegenüber anderen für dieses Thema engagiert.“

 

REFERENZEN:

1. Veranstaltung/Gemeinsame Pressemitteilung des Bundesministeriums für
Gesundheit und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 19. September 2019, Berlin

 

Kommentar

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