Glutenfreie Ernährung: In Deutschland ein Trend, in den USA ein Hype – aber die Zöliakie-Prävalenz ist stabil

Andrea Wille

Interessenkonflikte

23. September 2016

Es ist ein Trend, der nicht nur in Deutschland sondern auch in den USA zu verzeichnen ist: Immer mehr Menschen kaufen glutenfreie Nahrungsmittel. Dies obwohl die Prävalenz der Zöliakie über die letzten Jahre stabil geblieben ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine US-amerikanische Studie, die kürzlich in JAMA Internal Medicine erschienen ist [1].

Prof. Dr. Wolfgang Holtmeier

„Auch in Deutschland verzichten immer mehr Menschen auf Gluten. Allerdings ist das Phänomen in den USA und Australien sehr viel stärker ausgeprägt. Die „Welle“ hat nun auch Europa erreicht“, kommentiert Prof. Dr. Wolfgang Holtmeier, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie, Diabetologie und Innere Medizin am Krankenhaus Porz am Rhein.

Laut konsensbasierter S2-Leitlinie der AWMF liegt die Prävalenz der Zöliakie in Deutschland bei etwa 0,3% und damit im Vergleich zu den USA und zu anderen europäischen Ländern im unteren Bereich. Zahlen darüber, wie viele Menschen in Deutschland auf Gluten verzichten, ohne an Zöliakie zu leiden, gibt es nicht.

Zahl der US-Amerikaner ohne Zöliakie steigt, die sich glutenfrei ernährt

Die Forscher um Dr. Hyun-seok Kim von der Rutgers New Jersey Medical School in Newark untersuchten, wie häufig sich Menschen mit Zöliakie im Vergleich zu Menschen ohne Zöliakie glutenfrei ernähren. Dabei stützten sie sich auf die Daten des National Health and Nutrition Examination Surveys (NHANESs) von 2009 bis 2014 – einer Erhebung zum Ernährungszustand und Gesundheitszustand der US-Amerikaner. 22.278 Probanden ab 6 Jahren nahmen an den Umfragen teil.

 
Auch in Deutschland verzichten immer mehr Menschen auf Gluten. Allerdings ist das Phänomen in den USA und Australien sehr viel stärker ausgeprägt. Prof. Dr. Wolfgang Holtmeier
 

Das Vorliegen einer Zöliakie wurde definiert als positiver Bluttest für Endomysium-IgA-Antikörper und gleichzeitigem positiven Bluttest für den Gewebstransglutaminase-IgA-Antikörper oder bei einer Zöliakie-Diagnose, die durch einen Arzt in der Vorgeschichte bereits gestellt wurde, bei gleichzeitiger glutenfreier Ernährungsweise, die mit direkten Interviews abgefragt wurde.

Im gesamten Zeitraum wurde bei 106 Teilnehmern (0,69%) der Surveys eine Zöliakie diagnostiziert und 213 Teilnehmer (1,08%) vermieden Gluten, ohne dass eine Zöliakie bei ihnen festgestellt wurde. Die Studienautoren rechneten das Ergebnis auf die US-amerikanische Bevölkerung hoch und kamen auf geschätzte 1,76 Millionen US-Bürger mit Zöliakie und 2,7 Millionen US-Bürger, die ohne eine Zöliakie-Diagnose auf Gluten verzichten.

Zudem zeigte sich in der amerikanischen Studie, dass von 2009 bis 2014 die Prävalenz der Zöliakie stabil blieb (2009–2010: 0,70%; 2011–2012: 0,77% und 2013–2014: 0,58%). Nur bei Männern nahm die Zahl der Zöliakie-Patienten ab. Im Gegensatz dazu nahm die Zahl derer über die Jahre signifikant zu, die eine glutenfreie Diät befolgten, ohne an Zöliakie zu leiden: Von 2009 bis 2010 waren es noch 0,52%, von 2011 bis 2012 waren es schon 0,99% und von 2013 bis 2014 waren es bereits 1,69%.

 
Viele Praktiker, ich eingeschlossen, haben die Erfahrung gemacht, dass es Patienten gibt, denen es mit weizenfreier oder -reduzierter Ernährung besser geht. Prof. Dr. Wolfgang Holtmeier
 

2 Einschränkungen der Studie gab es: Erstens gab es in den NHANESs nur wenige Teilnehmer, die eine Zöliakie hatten oder sich glutenfrei ernährten. Zweites erfolgte die Diagnose der Zöliakie nur anhand serologischer Tests, eine histologische Untersuchung der Dünndarmschleimhaut wurde nicht durchgeführt.

Glutenfrei wird mit gesünder assoziiert

Die steigende Popularität glutenfreier Ernährung sehen die Studienautoren als mögliche Ursache für den in der Studie beobachteten Trend. So zeigte ein von Herstellern beauftragter Report über glutenfreie Nahrungsmittel, dass der Verzicht auf Gluten in der Öffentlichkeit als gesünder wahrgenommen wird und mit der Hoffnung auf eine Verbesserung unspezifischer Magen-Darm-Probleme verbunden ist. Glutenfreie Produkte sind außerdem mittlerweile in den meisten Supermärkten erhältlich – auch in Deutschland.

„Meiner Meinung nach entstand der Trend nicht durch das Marketing der Nahrungsmittelhersteller. Vielmehr haben sie eine immer größere Nachfrage bedient“, so Holtmeier. Er geht davon aus, dass es weniger die Hersteller sind, die den Trend befeuern, als vielmehr „selbsternannte Ernährungsgurus oder Prominente wie Lady Gaga, die verkünden, nun glutenfrei leben zu wollen, obwohl sie keine Beschwerden haben“.

Auch ohne Zöliakie könnten einige von glutenfreier Nahrung profitieren

Die Studienautoren gehen darüber hinaus davon aus, dass immer mehr Menschen bei sich selbst eine Glutenempfindlichkeit diagnostizieren, ohne die Symptome einer Zöliakie zu haben. Sie könnten jedoch trotzdem von einer Vermeidung gluthaltiger Lebensmittel profitierten. Das noch recht unbekannte Krankheitsbild der Weizensensitivität könnte eine Erklärung hierfür sein. Häufig machen Patienten, bei denen ein Reizdarm diagnostiziert wurde, die Erfahrung, dass eine weizenfreie Ernährung ihre Symptome lindert, wie Holtmeier erklärt.

 
Über 95 Prozent der Bevölkerung vertragen Gluten und Weizenprodukte sehr gut. Prof. Dr. Wolfgang Holtmeier
 

„Die Weizensensitivität ist erst in wenigen kleineren Studien untersucht. Eine groß angelegte Studie fehlt noch. Es gibt auch keinen Laborwert, mit dem man eine Weizensensitivität messen kann. Dennoch: Viele Praktiker, ich eingeschlossen, haben die Erfahrung gemacht, dass es Patienten gibt, denen es mit weizenfreier oder -reduzierter Ernährung besser geht.“ Ob es bei diesen Patienten das Gluten sei, dass zu den Beschwerden führt oder ein anderer der vielen Bestandteile sei noch unklar.

Eine allgemeine Empfehlung, Gluten zu meiden, möchte Holtmeier nicht aussprechen: „Über 95 Prozent der Bevölkerung vertragen Gluten und Weizenprodukte sehr gut. Zudem ist Weizen mit das wichtigste Nahrungsmittel. Eine Ernährung der Weltbevölkerung wäre ohne Weizen überhaupt nicht denkbar. Eine glutenfreie Ernährung ist allerdings auch nicht schädlich, so lange die Ernährung nicht einseitig ist.“

 

REFERENZEN:

1. Kim H-s, et al: JAMA Internal Medicine (online) 6. September 2016

 

Kommentar

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