Psychotherapie-Sprechstunde: BMG will sie als Pflicht – freiwillige Regelung von G-BA reicht nicht

Christian Beneker

Interessenkonflikte

21. September 2016

Dr. Wolfgang Baur, Psychotherapeut aus Goslar im Harz, hat einen Streitpunkt der aktuellen Gesundheitspolitik in seiner Praxis kurzerhand selbst gelöst: das Problem der verpflichtenden Psychotherapie-Sprechstunden, um das der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) derzeit streiten.

Baur hat eine Art Triage für neue Klienten eingerichtet. Zu Beginn einer 50-minütigen Sitzung stellt er in der Zeit zwischen 9 und 11 Uhr und um 16 Uhr bis zu 15 Minuten für eventuell spontan erscheinende Patienten zur Verfügung. Die bereits bestellten Patienten müssen währenddessen warten. Im Zuge der Triage klärt er wesentliche Fragen: „Braucht der Patient vor allem eine Medikation?", „Habe ich es womöglich mit einem suizidalen Patienten zu tun?“, „Kann ich mir vorstellen, mit ihm zu arbeiten und er mit mir?".

Diese 15 Minuten entscheiden darüber, welche Behandlung Baur dem Patienten anbietet – und sie reichen dem Psychotherapeuten für eine erste Einschätzung aus. „Ich merke schnell, wohin das geht", sagt Baur. Manchmal trennen sich die Wege von Arzt und Patient auch nach dem Erstgespräch.

Das BMG will die Pflicht zur Sprechstunde

 
Es müsste ein Angebot in der Größenordnung von etwa 10.000 Sprechstunden à 50 Minuten pro Woche zur Verfügung gestellt werden, um den Bedarf zu decken. Bundesministerium für Gesundheit
 

Eine Lösung dieser Art dürfte dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) gefallen – und zwar als Pflicht für alle Psychotherapeuten. Sie sollen so früh wie möglich die Beschwerden ihrer Klienten einschätzen und über das weitere Vorgehen, sei es Therapie, Beratung oder Selbsthilfe entscheiden. Für die Patienten soll die Sprechstunde verpflichtend sein. Für die Therapeuten ist sie es derzeit nicht.

Denn der G-BA hat die Sprechstunden für die Psychotherapeuten nur als Kann-Regelung in die Psychotherapierichtlinie [1] geschrieben. „Der Therapeut oder die Therapeutin kann Sprechstunden anbieten und teilt dies sowie die Erreichbarkeit der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung zur Information der Patientinnen oder Patienten mit“, heißt es in der im Juni geänderten Richtlinie.

Das genügte dem BMG nicht, der Gesetzgeber habe etwas anderes gewollt. Und Gröhes Ministerium rechnet vor: Etwa 500.000 Menschen beginnen pro Jahr mit einer Psychotherapie. Deutschlands Psychotherapeuten müssten hierfür „ein Angebot in der Größenordnung von etwa 10.000 Sprechstunden à 50 Minuten pro Woche zur Verfügung stellen, um den Bedarf zu decken", wie es in dem Schreiben des BMG an den G-BA heißt. Wenn ein solches Kontingent ab 1. April 2017 nicht von einem Tag auf den anderen zur Verfügung stehe, „etwa weil das freiwillige Angebot an Sprechstunden sich erst sukzessive entwickelt", so das Ministerium, „wäre der Zugang der Versicherten zur vertragspsychotherapeutischen Versorgung nicht in ausreichendem Umfang sichergestellt." Das Ministerium fordert den G-BA deswegen auf, nachzubessern.

Auch die Seite der Patientenvertreter im G-BA äußerte sich enttäuscht. „Die große Hoffnung aus Patientensicht richtet sich auf die neu geschaffene psychotherapeutische Sprechstunde", teilt die Stabsstelle Patientenbeteiligung im G-BA mit. Sie soll zukünftig einen niedrigschwelligen Zugang zum Psychotherapeuten ermöglichen.

„Allerdings müssen Ratsuchende die psychotherapeutische Sprechstunde zukünftig verpflichtend vor Beginn einer Psychotherapie in Anspruch nehmen", so die Patientenvertretung. Sie sieht durch die Kann-Regelung den Sicherstellungsauftrag gefährdet und fürchtet ein „neues Nadelöhr für den Zugang zur Psychotherapie."

Psychotherapeutenkammer fürchtet um die Flexibilität

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) will auf die Pflicht zur Sprechstunde für jeden Therapeuten unter anderem deshalb verzichten, weil sonst die Flexibilität im Angebot verloren ginge, wie BPtK-Sprecher Kay Funke-Kaiser gegenüber Medscape äußert: „Wäre das Angebot freiwillig, könnten einzelne Praxen einen Schwerpunkt auf die Sprechstunden legen, zum Beispiel in Großstädten." Und andere Praxen könnten auf die Stunden verzichten, müsse man ergänzen. Im Übrigen gehe die BPtK davon aus, „dass die meisten Psychotherapeuten die Stunde sowieso freiwillig anbieten würden", sagt Funke-Kayser.

 
Wäre das Angebot freiwillig, könnten einzelne Praxen einen Schwerpunkt auf die Sprechstunden legen, zum Beispiel in Großstädten. Kay Funke-Kaiser
 

„Ob und welche Maßnahmen tatsächlich erforderlich sind, um die Sicherstellung der Versorgung zu gewährleisten, könnte letztlich von den Kassenärztlichen Vereinigungen geprüft und bei Bedarf geregelt werden," erklärt dazu Dr. Dietrich Munz, Präsident der BPtK.

Patienten "hoch erfreut"

Dr. Wolfgang Baur hat seine Patienten mit seinem Angebot offenbar überzeugt. Die Patienten seien „hoch erfreut" über die Methode und das Tempo, sagt der Psychotherapeut. „Viele berichten, sie hätten sich, bevor sie zu mir kamen, die Finger für einen Termin wund telefoniert", sagt Bauer. „Oder sie wurden von den Termin-Service-Stellen der KV an eine Praxis in 40 Kilometern Entfernung vermittelt."

Allerdings funktioniert Baurs Angebot nur deswegen, weil er auch Gruppentherapien anbietet. „Wer das nicht möchte, kann das Modell nicht einsetzen", sagt der Psychotherapeut. Immerhin hat auch Baur für Einzelgespräche eine Wartezeit von einem halben Jahr und damit 3 Monate mehr als es nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer im Bundesschnitt dauert. Patienten, die nach den 15 Minuten einer Gruppentherapie zustimmen, werden später schriftlich eingeladen. Alle 10 Wochen startet eine neue Gruppe mit maximal 12 Teilnehmern.

 

REFERENZEN:

1. Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses über eine Änderung der Psychotherapie-Richtlinie: Strukturreform der ambulanten Psychotherapie, 16. Juni 2016

 

Kommentar

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