Mit Portalpraxen an Kliniken die ambulante Notfallversorgung reformieren? Vieles spricht dafür, aber …

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

20. September 2016

Der Verband der Ersatzkassen (vdek) fordert eine Reform der ambulanten Notfallversorgung und hat dazu ein Gutachten beim AQUA-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH in Auftrag gegeben.

„Wir brauchen transparentere Strukturen in der Notfallversorgung. Immer mehr Patienten steuern im Notfall das Krankenhaus an, auch wenn sie eigentlich ambulant hätten behandelt werden können“, sagt Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des vdek in einer Stellungnahme dazu [1].

Portalpraxen an Kliniken sollen Patienten kanalisieren

 
Wir brauchen transparentere Strukturen in der Notfallversorgung. Ulrike Elsner
 

Basierend auf dem Gutachten regt der vdek die Einrichtung von 1.600 Portalpraxen an Kliniken an. Dort sollen die Patienten erstbegutachtet und ihr Behandlungsbedarf eingeschätzt werden. Innerhalb der Sprechstundenzeiten sollen die Patienten in die niedergelassene Arztpraxis, außerhalb der Sprechstundenzeiten in die ambulante Notdienstpraxis im Krankenhaus geleitet werden.

Verbessern muss sich aus Sicht des vdek die Qualifikation des nichtärztlichen Personals, dass die Schwere der Erkrankungen bewertet und die Patienten in Arztpraxis, Notdienstpraxis oder Notaufnahme weiterleitet. Zudem möchte der vdek, dass künftig die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) und die Rettungsdienste gemeinsame Rettungsleitstellen betreiben, bei denen alle Anrufe der Nummer 112 und 116 117 (Rufnummer der KVen) zusammenlaufen und die Patienten entsprechend weitervermitteln.

KVen und KBV finden vdek-Forderungen nachvollziehbar, aber …

„Aus unserer Sicht stellen die Kassenärztlichen Vereinigungen weiterhin die Notdienstversorgung sicher und organisieren sie gemeinsam mit dem Krankenhaus“, betont Elsner. „Wir haben als KV zwar den Sicherstellungsauftrag, aber wir können nicht ohne entsprechende Vereinbarungen und die Zustimmung der Klinik Portalpraxen einrichten“, sagt dazu Dr. Peter Potthoff, Vorsitzender der KV Nordrhein. „Man muss sich klarmachen, dass solche Praxen an jedem einzelnen Standort mit dem jeweiligen Krankenhaus vereinbart werden müssten.“

 
Wer die Notfallversorgung wirklich verbessern will, muss auch sicherstellen, dass Notfälle … nicht länger strukturell unterfinanziert und durch Budgetregelungen gedeckelt werden. Georg Baum
 

Ungeklärt seien auch Fragen wie die Zahl der Standorte oder Haftungsfragen. Wie Potthoff bekräftigt, würde die KV Nordrhein gerne auf die Fehlentwicklung reagieren, auch bei künftigen Bemühungen zur Reform des ambulanten Notdienstes. „Dazu bedarf es aber klarer und einheitlicher Regelungen, die das Geschehen im Notdienst realistisch betrachten. Ich kann die Forderungen des vdek an vielen Stellen nachvollziehen, aber es wird darauf ankommen, sie umzusetzen. Nicht umsonst führen wir schon seit längerem Gespräche mit der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW) und haben im Süden Nordrheins ein kooperatives Modellprojekt vorgesehen“, so Potthoff in einer Mitteilung der KVNO.

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft begrüßt zwar grundsätzlich die vdek-Vorschläge, sieht aber Finanzierungsprobleme. „Wer die Notfallversorgung wirklich verbessern will, muss auch sicherstellen, dass Notfälle, egal ob im ambulanten oder stationären Bereich, nicht länger strukturell unterfinanziert und durch Budgetregelungen gedeckelt werden“, sagt dazu DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Einem durchschnittlichen Erlös von rund 40 Euro pro ambulanten Notfall stünden derzeit Fallkosten von mehr als 100 Euro gegenüber. Die gesetzlichen Vorgaben, bis März 2017 zu einem neuen Vergütungssystem zu kommen, würden von Kassen und KVen blockiert. Baum fordert deshalb, die Vergütung der ambulanten Notfallversorgung künftig gänzlich aus den Sätzen des einheitlichen Bewertungsmaßstabs auszugliedern.

Strukturen für engere Zusammenarbeit zwischen KVen und Klinikambulanzen

Dr. Andreas Gassen

„Wir unterstützen den Ansatz von Kooperationen zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und Krankenhäusern“, betont auch der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Gassen. Wie könnte eine solche Kooperation aussehen? „Es bräuchte Strukturen, die es ermöglichen, dass die Bereitschaftsdienstpraxen der KVen enger mit den Klinikambulanzen zusammenarbeiten. Die Notfälle, die einer stationären Behandlung oder Diagnostik bedürfen, werden in die Ambulanz geleitet, wo sich die Klinikkollegen um sie kümmern. Die ambulanten Patienten versorgen die Vertragsärzte.

Wo genau solche Schlüsselstandorte eingerichtet würden, müssten die regionalen Experten entscheiden. Hier bräuchte es entsprechende Vereinbarungen von KVen und Kliniken. Dann dürfte es allerdings in diesen Regionen keine Doppelstrukturen der Notfallversorgung mehr geben“, so Gassen in einer Mitteilung der KBV.

 
Richtig ist, dass immer mehr Menschen … auch mit Bagatellerkrankungen direkt die Klinik aufsuchen. Dr. Peter Potthoff
 

Nach Gassen müsste diese Erneuerung der Kooperation von Klinik und KV aber noch weiter gehen. Es bräuchte eine echte Aufgaben- und Mengenplanung, wozu auch die gemeinsame Nutzung von Geräten, Personal und Räumlichkeiten gehören würde. Gerade in ländlichen Regionen wird es in Zukunft unerlässlich sein, so entstandene Synergien zu nutzen.

Run auf die Kliniken – liegt´s an unklaren Sprechstundenzeiten?

Dem vdek zufolge ist es notwendig, eine sektorenübergreifende Abstimmung der stationären und ambulanten Notfallstrukturen zu schaffen. Jährlich werden bis zu 25 Millionen Menschen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser behandelt, Tendenz steigend. Nach Aussagen von Fachgesellschaften könnten ein Drittel der Patienten bedenkenlos im niedergelassenen Bereich behandelt werden, gehören also nicht ins Krankenhaus.

„Unser Ziel muss es daher sein, die Patientinnen und Patienten in den richtigen Behandlungspfad zu lotsen. Mithilfe der Anlaufstelle können wir erreichen, dass schnell abgeklärt wird, ob es sich um eine Bagatellerkrankung oder einen lebensbedrohlichen Notfall handelt“, so Elsner. Wie die vdek mitteilt, hat der G-BA bereits den Auftrag erhalten, ein Stufenkonzept für die stationäre Notfallversorgung zu erarbeiten sowie festzulegen, wie viele ambulante Notfallärzte je 100.000 Einwohner angemessen sind.

Für den verbreiteten Trend, Kliniken aufzusuchen, macht Elsner unklare Sprechstundenzeiten und Anlaufstellen der niedergelassenen Ärzte, unklare Aufgabenteilung zwischen ambulantem und stationärem Notdienst und die Unsicherheit von Patienten verantwortlich.

„Richtig ist, dass immer mehr Menschen den von der Politik postulierten Grundsatz ‚ambulant vor stationär‘ ignorieren und auch mit Bagatellerkrankungen direkt die Klinik aufsuchen“, stellt Potthoff dazu fest. „Das ist eine für unser System ungute und vor allem teure Entwicklung, die wir aus verschiedenen Gründen nicht aufhalten können – nicht zuletzt, weil die Patienten immer noch selber entscheiden, ob sie eines der allein in Nordrhein 170 Krankenhäuser aufsuchen oder den ambulanten Notdienst in Anspruch nehmen.“

 
Die Beanspruchung der Notfall-ambulanzen durch Patienten, die dort eigentlich nicht hingehören, ist zu hoch. Ich denke, darin sind sich alle einig. Dr. Andreas Gassen
 

Potthoff räumt ein, dass es bei dem Angebot an Sprechstundenzeiten und bei Anlaufstellen im ambulanten Notdienst an Einheitlichkeit fehlt. „Völlig falsch jedoch ist die Behauptung, dass die Aufgabenteilung unklar sei. Es gilt nach wie vor der Grundsatz ‚ambulant vor stationär‘ – es sei denn, es handelt sich um akute Notfälle, bei denen der Rettungsdienst aktiv werden muss.“

„Die Beanspruchung der Notfallambulanzen durch Patienten, die dort eigentlich nicht hingehören, ist zu hoch. Ich denke, darin sind sich alle einig“, betonte Gassen auf dem vdek-Zukunftsforum. Er fügte hinzu: „Nimmt man zu den genannten Fällen aus den Krankenhausambulanzen die sonstigen ambulant-sensitiven Krankhausfälle hinzu, ergeben sich pro Jahr fast 5 Milliarden Euro, die fehlalloziert sind. Dieses Geld kann sinnvoller ausgegeben werden. Wir müssen uns deshalb die Ursachen für diese Entwicklung genau ansehen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Und ich betone: gemeinsam.“

Die Idee des vdek, dass KVen und Rettungsdienste gemeinsame Rettungsleitstellen betreiben, findet Potthoff zwar grundsätzlich unterstützenswert, meint aber: „Hier haben wir das gleiche Problem wie bei den Portalpraxen: Auch beim Rettungsdienst und seinen Leitstellen gibt es nordrheinweit keinen einheitlichen Ansprechpartner für die KV. „Die Leitstellen befinden sich in ganz unterschiedlicher Trägerschaft – das macht Kooperationen schwierig. Die Argumentation des vdek ist nachvollziehbar und die Ziele sind an vielen Stellen sinnvoll, aber die Realisierung ist ausgesprochen kompliziert.“

 

REFERENZEN:

1. Verband der Ersatzkassen: Pressemitteilung, 6. September 2016

 

Kommentar

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