Meinung

Rauchverzicht, Mittelmeerdiät und mehr Bewegung: Die Formel für ein besseres Leben mit Rheuma

Teresa Nauber

Interessenkonflikte

19. September 2016

Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle

Mit Medikamenten lässt sich die Aktivität rheumatischer Erkrankungen in vielen Fällen gut kontrollieren. Aber was können Betroffene darüber hinaus tun, damit es ihnen besser geht? Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle, Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga, spricht im Interview über ...

Medscape: Welche Lifestyle-Intervention sollten Ärzte ihren Patienten als erstes empfehlen?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Es gibt eine Sache, von der wir ganz genau wissen, dass sie hilft: Nicht rauchen! Das gilt übrigens nicht nur für die Patienten, sondern auch für gesunde Menschen im Hinblick auf Rheuma. Denn wir wissen seit 30 Jahren, dass Raucher häufiger eine rheumatoide Arthritis entwickeln als Nichtraucher. Aus dem Jahr 2014 gibt es dazu eine Metaanalyse, die zeigt, dass schon 1 bis 10 Pack Years das Risiko für rheumatoide Arthritis um 26 Prozent erhöhen. Bei 20 bis 30 Pack Years ist das Risiko doppelt so hoch. Auch Raucher, die weniger rauchen, aber das über einen langen Zeitraum, sind also deutlich stärker gefährdet eine rheumatoide Arthritis zu entwickeln als Nichtraucher. Wenn dann noch Übergewicht hinzukommt, erhöht sich das Risiko noch einmal um 50 bis 70 Prozent.

Medscape: Welche Pathomechanismen stecken hinter dem erhöhten Risiko?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Durch Rauchen wird ein Peptid citrulliniert. Dagegen bildet der Körper dann Autoantikörper, welche schon lange vor Ausbruch einer rheumatoiden Arthritis nachgewiesen werden. Scheinbar spielt dieser immunologische Prozess eine Rolle für die Entwicklung einer rheumatoiden Arthritis.

Medscape: Sie sagten vorhin, dass Patienten auch nach Ausbruch einer rheumatischen Erkrankung auf das Rauchen verzichten sollten. Warum?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Weil die Krankheitslast bei Rauchern nachweislich stärker ist. Auch ist sie übrigens noch mal stärker, wenn ein Patient raucht und übergewichtig ist. Männer, die rauchen, haben auch eine schlechtere Chance in eine Remission zu kommen, und sie zeigen eine stärkere Zerstörung der Gelenke. Außerdem sprechen Raucherinnen und Raucher schlechter auf MTX und auf das TNF-Alpha-Blocker an, die ja beide zu den Basistherapeutika bei rheumatoider Arthritis zählen.

Medscape: Die angesprochene Studie bezog sich nur auf rheumatoide Arthritis. Wie verhält es sich mit dem Einfluss des Rauchens auf andere entzündlich-rheumatische Erkrankungen?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Viele Daten haben wir zum systemischen Lupus erythematodes. Auch da scheint sich das Rauchen negativ auf die Krankheitsaktivität auszuwirken. Beim Lupus kommt hinzu, dass die Patienten häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden als Patienten mit anderen rheumatischen Erkrankungen, weil die Krankheit auch die inneren Organe und Gefäße schädigt. Rauchen verstärkt diesen Effekt noch. Deshalb sollten Patienten mit Lupus erst recht darauf verzichten.

 
Die Krankheitslast ist bei Rauchern nachweislich stärker.
 

Medscape: Und tun sie das auch?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Leider nein. Wir wissen aus den Rheumazentren, dass noch immer 20 Prozent der Frauen mit Rheumafaktor-positiver rheumatoider Arthritis und 30 Prozent der entsprechenden Männer rauchen.

Medscape: Inwiefern beeinflusst die Ernährung die Entwicklung einer rheumatischen Erkrankung und ihren Verlauf?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Gut untersucht ist im Hinblick auf diätische Maßnahmen nur die rheumatoide Arthritis, von der in Deutschland 550.000 Menschen betroffen sind. Wir Rheumatologen raten zur Mittelmeerdiät. Das heißt, viel Fisch zu essen – vor allem fetten Seefisch –, Olivenöl statt Butter oder Margarine, viel Obst und Gemüse, wenig rotes Fleisch. Eine ganz aktuelle Studie hat allerdings keinen vorbeugenden Effekt dieser Diät auf die Entwicklung einer rheumatoiden Arthritis gezeigt. Das ist ein bisschen enttäuschend, muss ich zugeben.

Medscape: Warum raten Sie Ihren Patienten dennoch, sich so zu ernähren?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Erstens rate ich jedem, sich so zu ernähren, weil diese Diät ohnehin sehr gesund ist und den Körper mit allem versorgt, was er braucht. Zweitens gibt es Hinweise darauf, dass sie den Verlauf einer rheumatischen Erkrankung günstig beeinflussen kann. Eine kleine Studie hat das für die rheumatoide Arthritis gezeigt. Und was wir ganz sicher wissen, ist, dass mediterrane Kost vor Herzkreislauf- und Stoffwechselerkrankungen schützt. Von beidem sind Menschen mit rheumatischen Erkrankungen häufiger betroffen als andere. Deswegen ist mediterrane Ernährung von Anfang an richtig.

Medscape: Momentan liegt weniger die Mittelmeerdiät als vielmehr zum Beispiel eine vegane Ernährung im Trend. Sollten Rheumatiker sich so ernähren?

 
Keine Ernährungsweise kann erreichen, dass wir auf eine Basistherapie mit Medikamenten verzichten können.
 

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Grundsätzlich kann man das machen. Aber: Man muss sich diese Ernährungsweise ganz genau zum Beispiel von einem Ernährungsberater ausrechnen lassen, damit kein Mangel entsteht.

Medscape: Müssen Rheumatiker auf etwas Besonderes Acht geben?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Ein Eiweißmangel wirkt sich zum Beispiel negativ auf die Muskelmasse und Knochendichte aus. Für Menschen mit rheumatischen Erkrankungen, die zum Beispiel mit Kortison behandelt werden, wäre das fatal. Denn ihre Knochendichte leidet ohnehin schon unter der Medikation. Sie müssen besonders auf eine ausgewogene Ernährung achten und schauen, dass sie ausreichend Calcium, Vitamin D und Eiweiß zu sich nehmen. Deshalb muss man bei Spezialdiäten wie veganer Ernährung vorsichtig sein.

Medscape: Es gibt Patienten, die behaupten, sie hätten ihre Erkrankung nur durch eine ganz spezielle Ernährung in den Griff bekommen. Die Internetforen und Blogs sind voll davon. Kann das stimmen?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Keine Ernährungsweise kann erreichen, dass wir auf eine Basistherapie mit Medikamenten verzichten können. Deswegen sehe ich auch davon ab, Patienten zu ganz bestimmten Spezialdiäten zu raten, sondern empfehle eine grundsätzlich gesunde Mittelmeerkost, die jeder leicht zubereiten kann. Die rheumatische Erkrankung beeinflusst die Menschen ohnehin sehr. Ich muss sie als erstes dafür gewinnen, die Medikamente, auf die wir uns geeinigt haben, regelmäßig zu nehmen. Das ist schon eine große Verpflichtung. Da eine Diät nur unterstützen, die Medikamente aber niemals ersetzen kann, plädiere ich dafür, dem Patienten nicht zu viele Pflichten aufzuerlegen. Wenn der Patient von sich aus etwas ausprobieren will, und seine Ernährung bilanziert ist, dann habe ich nichts dagegen. Wenn es hilft, umso besser.

Medscape: Gibt es denn Vitamine und Nährstoffe, die nachweislich helfen, oder sind das alles nur Gerüchte?

 
In der Rheumatologie ist die Studienlage zu Einzeldiäten sehr schlecht.
 

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Nein, nachweislich hilfreich sind Omega-3-Fettsäuren. Sie scheinen die entzündungshemmenden Botenstoffe zu fördern. Am besten nimmt man sie über fetten Seefisch auf, man kann sie aber auch über Tabletten substituieren. Auch Vitamin D brauchen Rheumatiker ganz besonders. Der Körper benötigt Vitamin D für den Knochen- und Muskelaufbau und sowohl von Osteoporose als auch von Sarkopenie sind Rheumapatienten deutlich häufiger betroffen als gesunde Menschen. Wahrscheinlich wirkt sich Vitamin D auch positiv auf günstige immunologische Prozesse aus, aber die Studienlage dazu ist nicht besonders gut. Deswegen ist unsere Empfehlung an die Kollegen: Überprüfen Sie den Vitamin-D-Spiegel im Blut des Patienten und wenn er zu niedrig ist, substituieren Sie.

Medscape: Was ist mit Ingwer oder Curcuma, wovon man immer wieder liest?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: In der Rheumatologie ist die Studienlage zu Einzeldiäten sehr schlecht. Man kann diätetische Maßnahmen nicht verblinden, weil der Patient ja schmeckt, was er isst. Wir trauen aber nur doppelblinden Studien. Außerdem melden sich für solche Studien hauptsächlich Patienten, die an eine solche Diät eine hohe Erwartungshaltung haben. Ich kann ja nicht einfach zum Beispiel jeden zweiten Patienten, der heute in die Sprechstunde kommt, in eine Diätstudie einschließen.

Medscape: Zu einer gesunden Lebensweise gehört ja neben dem Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum sowie einer ausgewogenen Ernährung auch Sport. Hilft Bewegung auch gegen rheumatische Beschwerden oder sollten sich rheumakranke Menschen lieber schonen?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Als ich vor 50 Jahren mit der Rheumatologie begann, da hieß es noch: Schonen wir den rheumakranken Patienten, wir dürfen die entzündeten Gelenke nicht überbeanspruchen. Heute wissen wir: Wenn ich den Patienten mit Knierolle ins Bett lege, dann versteift er. So gut wie es möglich ist, muss man dem Patienten auch im Schub die Kompetenz verschaffen, sich moderat zu bewegen. Denn körperliche Aktivität ist das Beste, was man selbst tun kann. Das gilt übrigens nicht nur für Rheuma, sondern für alle chronischen Erkrankungen. Ich sage immer: Sitzen ist das neue Rauchen. Dass Rauchen schädlich ist, haben viele mittlerweile verstanden. Den gleichen und möglicherweise einen noch stärkeren Effekt hat die Inaktivität. In einer älter werdenden Gesellschaft, die immer mehr sitzt, werden Muskelschwund und Osteoporose die entscheidenden Geißeln sein, wenn wir uns weiterhin so wenig bewegen.

 
Bewegung ist die wichtigste außermedikamentöse Therapie.
 

Medscape: Und warum gilt das für Menschen mit rheumatischen Erkrankungen insbesondere?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Sarkopenie beeinflusst die Bewegungsfähigkeit bei einem Patienten mit rheumatoider Arthritis noch zusätzlich negativ. Von vielen Rheumatologen wird das bisher noch zu wenig beachtet. Zudem haben Menschen mit entzündlichen rheumatischen Erkrankungen aus mehreren Gründen ein erhöhtes Osteoporose-Risiko. Erstens beeinflussen Entzündungsprozesse die Knochen negativ. Zweitens stärkt ein Muskelaufbau durch Bewegung auch die Knochen. Schwer betroffene Rheuma-Patienten sind aber häufig immobiler als gesunde Menschen. Und drittens sind es auch die Medikamente wie Kortison, die ganz eindeutig Osteoporose als eine ihrer Hauptnebenwirkungen erzeugen.

Medscape: Welchen Sport sollten Menschen mit rheumatischen Erkrankungen denn treiben?

Prof. Dr. Gromnica-Ihle: Was immer ihnen Spaß macht und gut tut. Wer sich gern unterstützen lassen will, kann sich auch an die Rheuma-Liga wenden. Wir haben zum Beispiel das Funktionstraining entwickelt, das von geschultem Trainingspersonal angeleitet wird. Das nutzen viele Patienten schon und sie stellen auch fest, dass es ihnen gut tut. Wenn wir rechtzeitig und gut behandeln, haben Rheuma-Patienten heute einen guten Funktionsstatus. Dann sind sie wieder genauso in der Pflicht sich zu bewegen wie gesunde Menschen auch. Bewegung ist die wichtigste außermedikamentöse Therapie. Wenn Sie mich fragen, brauchen wir grundsätzlich mehr Bewegungskompetenz in diesem Land – unabhängig vom Gesundheitsstatus der Menschen.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....