Fetter Seefisch gegen diabetische Retinopathie – Mehr als 500 mg Omega-3-Fettsäuren täglich können das Risiko halbieren

Petra Plaum

Interessenkonflikte

15. September 2016

Typ-2-Diabetiker können ihr Risiko für eine diabetische Retinopathie signifikant senken, wenn sie 2-mal pro Woche fetten Seefisch essen. Das legt eine große, retrospektive Studie aus Spanien nahe, in die die Daten von 3.482 Diabetikern im Alter ab 55 Jahren eingingen und die jetzt in JAMA Ophthalmology veröffentlicht wurden [1].

Das Autorenteam um Dr. Aleix Sala-Vila aus der Lipid Clinic, Department of Endocrinology and Nutrition in Barcelona bilanziert, dass nach Bereinigung um Störfaktoren wie Alter, Geschlecht und Lifestylefaktoren jene Teilnehmer, die täglich umgerechnet mehr als 500 mg Omega-3-Fettsäuren im Rahmen ihrer Ernährung konsumierten, „ein um 48% reduziertes relatives Risiko hatten, an einer unmittelbar die Sehkraft gefährdenden diabetischen Retinopathie zu erkranken“.

Prof. Dr. Jens Dawczynski

„Endlich kann ich meinen Patienten mit Diabetes mellitus eine Studie nennen, die zeigt, dass eine mediterrane Ernährung ihre Augen schützen kann“, kommentiert Prof. Dr. Jens Dawczynski, Leiter der Augenärztlichen Privatpraxis Prof. Dawczynski in Jena, der seit Jahren intensiv zum Einfluss der Ernährung auf die Augengesundheit forscht. Er lobt Design und Teilnehmerzahl der neuen Studie, schätzt die Daten als solide ein, weist jedoch auf eine Limitation hin: „Dass die Studie nicht für diesen Zweck und diese Frage konzipiert wurde.“

Sind Seefisch-Liebhaber weniger gefährdet?

Sala-Vila und sein Team nutzten im Rahmen der PREDIMED-Studie (Prevention of Diabetes with Mediterranean Diet) prospektiv gewonnene Daten aus den Jahren 2003 bis 2009. 7.447 Männer und Frauen zwischen 55 und 80 Jahren mit hohem kardiovaskulärem Risiko, jedoch ohne kardiovaskuläre Erkrankung zu Studienbeginn wurden in 3 Gruppen eingeteilt und randomisiert den Interventionsgruppen zugeteilt. Gruppe 1 hielt sich fortan an die mediterrane Diät mit viel Seefisch, Obst, Salat, Gemüse und zusätzlich Olivenöl, Gruppe 2 aß zusätzlich Nüsse, Gruppe 3 bildete die Kontrollgruppe, der allerdings eine allgemeine Fettreduktion empfohlen wurde.

 
Endlich kann ich meinen Patienten mit Diabetes mellitus eine Studie nennen, die zeigt, dass eine mediterrane Ernährung ihre Augen schützen kann. Prof. Dr. Jens Dawczynski
 

Alle Teilnehmer wurden regelmäßig zu verspeisten Lebensmitteln, Lebensstil allgemein und Erkrankungen befragt, ihre medizinischen Befunde überprüft. So ließ sich ermitteln, wo Assoziationen zwischen mediterraner Diät und Erkrankungen bestehen.

3.482 Studienteilnehmer erfüllten die Teilnahmekriterien für Sala-Vilas Analyse, allen voran Diabetes mellitus Typ 2 und eine insgesamt normale Kalorienzufuhr. 75% von ihnen hielten sich schon zu Studienbeginn an die Vorgaben der mediterranen Diät, genossen mindestens 2-mal wöchentlich fetten Seefisch und nahmen somit umgerechnet mindestens 500 mg der Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure pro Tag zu sich. 1.236 Teilnehmer gehörten zur Gruppe 1 (mediterrane Diät plus Olivenöl), 1.095 zur Gruppe 2 (mediterrane Diät plus Nüsse), 1.151 zählten zur Kontrollgruppe. Das Durchschnittsalter lag bei 67 Jahren. Teilnehmer, die sich zu Beginn nicht mediterran ernährt hatten, waren älter, eher insulinpflichtig und hatten eher Bluthochdruck, rauchten dafür aber seltener. Ob eine diabetische Retinopathie vorlag, wurde zu Studienbeginn nicht ermittelt.

 
Ich empfehle allen Patienten mit Diabetes seit Jahren, ausreichend Lutein und Omega-3-Fettsäuren zu sich zu nehmen und eine mediterrane Diät einzuhalten. Prof. Dr. Jens Dawczynski
 

Im Follow-up-Zeitraum von 6 Jahren fanden sich 69 neue Fälle von behandlungsbedürftiger diabetischer Retinopathie. Die Autoren brachten die Erkrankungen pro Jahr in einen Zusammenhang zu den Personenjahren, in denen die Patienten ausreichend Omega-3-Fettsäuren konsumiert hatten – oder eben nicht.

So standen 27 Erkrankungen 4.916 Jahren gegenüber, in denen weniger als die empfohlenen Omega-3-Fettsäuren konsumiert worden waren und 42 Erkrankungen 15.491 Personenjahren, in denen mehr als 500 mg täglich zugeführt worden waren. Die Hazard Ratio lag insgesamt bei 0,52 (95%-Konfidenzintervall: 0,31-0,88; p = 0,001).

Zusätzlich bereinigten die Autoren die Ergebnisse um Störfaktoren wie eine Diagnose früh nach Beginn der Intervention, Alter, Geschlecht, Nikotinkonsum und Komorbiditäten. Egal, um welche Daten sie bereinigten oder ob sie die frühen oder späten Jahre des Follow-up-Zeitraums ausschlossen: Die Hazard Ratio der Teilnehmer mit hoher Omega-3-Fettsäure-Zufuhr lag immer signifikant unter der derjenigen, die wenig Omega-3-Fettsäuren zu sich nahmen. So ergab sich um die Störfaktoren Alter und Geschlecht bereinigt eine HR von 0,50 (95%-KI: 0,30-0,82), mit Ausschluss der binnen 2 Jahre nach Studienbeginn an Retinopathie erkrankten Diabetiker eine HR von 0,43 (95%-KI: 0,24-0,78), mit Ausschluss der 5 oder mehr Jahre nach Beginn von PREDIMED Erkrankten eine HR von 0,52 (95%-KI: 0,29-0,92).

 
Dass Omega-3-Fettsäuren als entzündungs-hemmende Substanzen der diabetischen Retinopathie vorbeugen, macht von der Pathophysiologie her ebenfalls Sinn. Prof. Dr. Jens Dawczynski
 

Was sollte daraus folgen?

Rund jeder vierte Diabetiker in Deutschland erkrankt binnen 10 Jahren an einer Retinopathie, egal ob es sich um Typ-2- oder bei Typ-1-Diabetiker handelt. Augenarzt Dawczynski: „Ich empfehle allen Patienten mit Diabetes mellitus seit Jahren, ausreichend Lutein und Omega-3-Fettsäuren zu sich zu nehmen und allgemein eine mediterrane Diät einzuhalten.“ Die protektive Wirkung von Lutein, zu finden in Eigelb und dunklen Blattgemüsen, in Bezug auf die altersabhängige Makuladegeneration wird seit Jahren erforscht. „Dass Omega-3-Fettsäuren als entzündungshemmende Substanzen der diabetischen Retinopathie vorbeugen, macht von der Pathophysiologie her ebenfalls Sinn“, betont Dawczynski.

Hausärzte, Diabetologen und Augenärzte tun seiner Meinung nach gut daran, ihren Patienten die mediterrane Ernährung ans Herz zu legen – nicht nur, aber auch für den Erhalt der Sehkraft bis ins hohe Alter. In einem JAMA Ophthalmology-Kommentar fordert Dr. Michael Larsen vom Department of Ophthalmology am Rigshospitalet im dänischen Glostrup nun weitere, randomisiert kontrollierte Studien, die primär den Einfluss der Ernährungsumstellung auf die Augengesundheit erforschen [2]. Dawczynski schließt sich dem an: „Wünschenswert wären prospektive Studien, bei denen gleich zu Anfang eine Augenuntersuchung erfolgt und im Follow-up-Zeitraum verglichen wird, bei wem sich die diabetische Retinopathie wie entwickelt.“

 

REFERENZEN:

1 . Sala-Vila A, et al: JAMA Ophthal. (online) 18. August 2016

2. Larsen M: JAMA Ophthal. (online) 18. August 2016

 

Kommentar

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