Aktuelle Studie zu Armut, Schulden und Gesundheit: Ist Krankheit die Hauptursache für Überschuldung?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

14. September 2016

Armut und Schulden machen krank, das ist erwiesen. Zwar tauchen Menschen besonders dann in der Schuldnerberatung auf, wenn sie ihren Job verloren haben oder eine Scheidung hinter sich haben. Aber auch Sucht und Krankheit machen Schulden.

„Die subjektiven Hauptursachen der Überschuldung sind Krankheit, Unfall oder Sucht", sagte Prof. Dr. Stephan Letzel von der Universität Mainz auf dem Fachtag „Schulden machen krank, Krankheit macht Schulden" der Schuldnerberatung der Diakonie Hannover-Land und der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) im niedersächsischen Wunstorf [1].

Schulden haben fast alle: Bei der Bank, bei Online-Händlern, beim Finanzamt. Aber nicht jeder, der einen Kredit abzahlt, ist überschuldet. Überschuldung bedeutet vielmehr die Unfähigkeit, laufende und zukünftige Verpflichtungen – selbst bei der Reduzierung aller Kosten auf lebensnotwendige Ausgaben – aus dem Einkommen und Vermögen bedienen zu können, so Letzel.

 
Die subjektiven Hauptursachen der Überschuldung sind Krankheit, Unfall oder Sucht. Prof. Dr. Stephan Letzel
 

Armut macht krank

2015 waren 6,7 Millionen Menschen in Deutschland überschuldet, so die Zahlen der Creditreform in ihrem jüngsten Schuldnerbericht. Die Schuldenlast ist im Norden und Westen größer als im Süden der Republik. Bremen hat eine Schuldnerquote von rund 14% (Bremerhaven sogar von mehr als 20%) und Bayern gerade mal 7%.

Zugleich rutschen immer mehr Menschen wegen ihrer Schulden in die Armut ab. Darauf weist der Paritätische Wohlfahrtsverband hin. Von Armut bedroht sind Menschen, die weniger als 11.840 Euro im Jahr verdienen. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes mussten 68% der beratenen Schuldner sogar mit weniger als 900 Euro im Monat auskommen. Von diesem Geld mussten sie auch noch Schulden in Höhe von durchschnittlich rund 23.000 Euro abbezahlen.

Kein Wunder, dass viele von ihnen die Medikamentenzuzahlungen nicht mehr leisten können. In seiner Studie „Armut, Schulden und Gesundheit" ermittelte Letzel, dass 65% der Befragten verschriebene Medikamente nicht kaufen konnten und (bis Ende 2012) 61% von ihnen wegen der Praxisgebühr nicht zum Arzt gingen. Dabei leiden sie zu mehr als 40% unter psychischen Erkrankungen, zu rund 38% unter Wirbelsäulenerkrankungen und zu 25% unter Bluthochdruck. Unter den aktuellen Beschwerden rangierten Kreuzschmerzen ganz vorn, gefolgt von Schlafstörungen und Kopfschmerzen, so Letzels Ergebnisse.

Letzels Zahlen zeigen schließlich die bittere Konsequenz: Wer arm ist, lebt 11 Jahre weniger. Männer, die über weniger als 60% des Durchschnittseinkommens verfügen, sterben im Schnitt mit 70,1 Lebensjahren. Wer indessen mehr als 150% des Durchschnittseinkommens nach Hause bringt, stirbt durchschnittlich erst mit 80,9 Jahren.

Krankheit macht arm

 
Wir können die Kaufsucht nicht vollkommen heilen, aber wir können lernen, gesünder mit ihr zu leben. Prof. Dr. Astrid Müller
 

Wie sehr umgekehrt die Krankheit auch arm machen kann, zeigte auf dem Fachtag Prof. Dr. Astrid Müller, Verhaltenstherapeutin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Müller forscht über die Kaufsucht und arbeitet verhaltenstherapeutisch mit ihren Patienten. Sie geht davon aus, dass 5% der Bevölkerung an dieser nach ihrer Auffassung nicht stoffgebundenen Sucht leiden. Der Moment des Kaufes stimuliert im Hirn das biochemische Belohnungssystem, nicht der Besitz der Waren. Die Süchtigen kaufen vor allem im Internet und horten die Einkäufe oft noch ungeöffnet. Schuhe, Kleidung, Nahrungsmittel türmen sich in ihren Wohnungen.

Den Kranken sehe man ihre Leiden nicht an. Auch Hausärzte hätten damit ihre Schwierigkeiten und trauten sich nicht zu fragen, weil das Thema schambesetzt sei. „Unter meinen Patienten sind auch MTAs, die ihren Beruf im Griff haben, aber wegen ihrer Sucht an der Grenze zur Armut leben", sagt Müller, „oder auch Ärzte und Richterinnen: Sie kaufen das 5.000-Euro-Kleid, ziehen es einmal an und kaufen ein neues."

In die Therapie kommen sie erst, wenn das Haus verpfändet, die Ehe zerbrochen, das Konto hoffnungslos überzogen – und die Psyche am Boden liegt. Diesen Süchtigen gemein ist eine gewisse Ängstlichkeit, hat Müller festgestellt, und die Überzeugung, dass Geld Macht und Prestige bedeutet. Der kurze Weg zum Kauf über das Internet und die Kreditkarte tun ein Übriges.

Der Weg zur Heilung und finanziellen Konsolidierung ist steinig. 6 von 8 Teilnehmern von Müllers Therapiegruppen wollen eigentlich weitershoppen, sagt die Therapeutin. Sie setzt bei ihren Patienten in der kognitiven Verhaltenstherapie denn auch nicht auf totale Abstinenz, sondern auf Kontrolle, unter anderem durch Alltagstricks: „Schmeißen Sie Kataloge weg. Löschen Sie Apps. Sperren Sie den Shopping-Kanal. Nehmen Sie einen Umweg um bestimmte Geschäfte. Fertigen Sie Listen mit geplanten Einkäufen an. Überprüfen Sie, ob die Ware auf Ihrer Liste steht, bevor Sie zugreifen. Zahlen Sie bar. Benutzen Sie keine ec-Karten oder Kreditkarten. Kaufen Sie nicht online ein. Und auch: Legen Sie ein Limit zur freien Verfügung fest!” Müller resümiert: „Wir können die Kaufsucht nicht vollkommen heilen, aber wir können lernen, gesünder mit ihr zu leben."

Wie Stephan Letzel fordert auch Müller, die Betroffenen nicht zu stigmatisieren oder mit moralischen Bewertungen zu traktieren. Letzel: „Armut und Schulden sind ein gesamtgesellschaftliches Problem."

 

REFERENZEN:

1. Fachtag “Schulden machen krank, Krankheit macht Schulden”, 8. September 2016, Wunstorf

 

 

Kommentar

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