Zika ist auch eine „sexuell übertragbare Krankheit“, doch: „Zika ist nicht das neue HIV!“

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

12. September 2016

„Eines der furchteinflößendsten Aspekte bei Zika ist, dass das Virus sowohl über Mücken als auch sexuell übertragen werden kann – vaginal, oral und anal“, schrieb kürzlich die Gesundheitsethikerin Kelly McBride Folkers von der New York University in der New York Times. Dies sei eine Fähigkeit, die es so noch nicht bei einem Virus gegeben habe.

Auch in Anbetracht der weiteren Ausbreitung der Epidemie – erste lokale Infektionen seien kürzlich aus Miami, Florida, gemeldet worden – sei es an der Zeit, bei Zika auch an eine sexuell übertragbare Krankheit (STD, sexually transmitted diease) zu denken. „Dies ist nicht nur eine tropische Infektion, die nur in anderen Ländern eine Rolle spielt; wir sollten es mehr als eine STD ansehen, die jeden von uns treffen könnte“, schreibt sie. Und rät wegen des vermuteten Zusammenhangs zwischen Zika und Mikrozephalie: „Jede Person, die ein Kind haben könnte, sollte Zika ernstnehmen.“

„Zika ist nicht das neue HIV!“

Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit

Tatsächlich ist bereits seit längerem bekannt, dass das Virus nicht nur durch Mückenstiche, sondern auch durch Geschlechtsverkehr übertragen werden kann. Nachdem längere Zeit nur Fälle gemeldet wurden, in denen Männer die Erkrankung auf Frauen übertrugen, ist Mitte Juli auch erstmals eine Übertragung des Virus beim ungeschützten Sex von Frau zu Mann in New York dokumentiert worden. Die US-Gesundheitsbehörde CDC weitete daraufhin seine Empfehlungen zur Vermeidung einer Zika-Übertragung aus. Ungeschützter Geschlechtsverkehr mit männlichen und weiblichen Reisenden aus oder Einwohnern von Zika-Epidemiegebieten gilt seitdem als Übertragungsrisiko.

McBride sieht bereits Parallelen zu AIDS und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen. Auf Nachfrage von Medscape betont Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Virusdiagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg, jedoch: „Das Zika-Virus kann sexuell übertragen werden, ist aber sicherlich nicht das neue HIV. Die Wahrscheinlichkeit für eine sexuelle Übertragung ist dafür viel zu gering“

Auch Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie an der Uni Bonn, äußerte sich gegenüber der Süddeutschen Zeitung ähnlich und bezeichnete die Hypothese McBrides sogar als „groben Unfug“. Wichtige Fragen – z.B. wie lange das Virus in der Samenflüssigkeit eines Mannes noch infektiös sei und ob das Virus, das laut Tierversuchen über vaginale Infektionen ins Gehirn von Föten gelangen könne, dort überhaupt Schäden anrichte – seien noch längst nicht geklärt.

Ist das Zika-Virus überhaupt für die gehäuften Mikrozephalie-Fälle verantwortlich?

Dr. Daniela Huzly

Wahrscheinlich ist es diese besondere Kombination – befällt Schwangere/Neugeborene und kann sexuell übertragen werden – die den öffentlichen Umgang mit der Zika-Epidemie zum Teil etwas überhitzt erscheinen lässt. Letztlich gebe es bislang aber nur relativ wenige bewiesene Fälle, betont Dr. Daniela Huzly, Leiterin der Diagnostik am Institut für Virologie der Universitätsklinik Freiburg. Und solange keine prospektiven sauber untersuchten Daten aus den Endemie-Ländern vorlägen, könne man keine abschließende Aussage über die Bedeutung dieser Infektion treffen.

Dabei sind die Zweifel an der Relevanz der sexuellen Übertragbarkeit eine Sache. Eine andere ist, dass man noch nicht einmal genau weiß, welchen Anteil das Zika-Virus an den Mikrozephalie-Fällen in Brasilien überhaupt hat.

 
Das Zika-Virus kann sexuell übertragen werden, ist aber sicherlich nicht das neue HIV. Die Wahrscheinlichkeit für eine sexuelle Übertragung ist dafür viel zu gering. Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
 

Zwar könne das Virus eindeutig eine Mikrozephalie beim Fetus hervorrufen, wenn sich die Mutter im ersten Trimenon der Schwangerschaft mit dem Virus infiziert hat, sagt Schmidt-Chanasit. Aber er ergänzt auch: „Ob der Anstieg der Fallzahlen in Brasilien allein auf das Zika-Virus zurückzuführen ist, muss weiter untersucht werden.“

Und auch Huzly sagt: „Ein Teil der Mikrozephalie-Fälle ist sicher durch Zika-Virus bedingt. Aber eben nur ein Teil. Der Großteil der Fälle in Brasilien bleibt ungeklärt und wird es wohl bleiben, weil dort keine entsprechende valide Diagnostik gemacht wurde und vielleicht momentan immer noch nicht gemacht wird.“

Auch seien einige der bereits publizierten Artikel qualitativ sehr schlecht und belegten ebenfalls nicht, dass eine Assoziation bestehe. Speziell eine Veröffentlichung aus dem New England Journal of Medicine vom März dieses Jahres wird von Huzly kritisiert. Die Publikation werde seit Erscheinen häufig zitiert, um die Gefährlichkeit von Zika zu belegen. So legten die Daten laut den Autoren nahe, dass Schädigungen des Fetus in jedem Schwangerschaftsdrittel möglich seien. Für Huzly zeigten sie jedoch genau das Gegenteil: „Wenn eine Frau wegen einer akuten fieberhaften Erkrankung zum Arzt geht und im Ultraschall sind bereits neurologische Veränderungen beim Ungeborenen sichtbar, weist das eindeutig auf weitere Faktoren hin.“

Dazu passt, was Dr. Fatima Marinho vom Brasilianischen Gesundheitsministerium bereits im Juli gegenüber Nature erklärte: „Wir vermuten, dass das Zika-Virus nicht allein für die Intensität und Schwere der Fälle verantwortlich ist.“

 
Ob der Anstieg der Fallzahlen in Brasilien allein auf das Zika-Virus zurückzuführen ist, muss weiter untersucht werden. Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
 

So könnten etwa sozio-ökonomische Faktoren eine Rolle im Infektionsgeschehen gespielt haben, sagte Marinho. Denn die meisten Frauen, die Babys mit Mikrozephalie auf die Welt gebracht hätten, seien jung, alleinstehend, schwarz und arm gewesen und hätten in kleinen Städten oder am Rande größerer Städte gewohnt.

Eine weitere Hypothese besagt, dass Co-Infektionen mit dem Dengue- oder Chikungunya-Virus zu den erhöhten kongenitalen Schädelfehlbildungen in der Region geführt haben könnten. Und ein brasilianisches Wissenschaftlerteam beschrieb kürzlich im Journal of Infection in Developing Countries einen möglichen Zusammenhang zwischen niedriger Gelbfieber-Impfrate und gehäuften Mikrozephalie-Fällen.

 
Wir vermuten, dass das Zika-Virus nicht allein für die Intensität und Schwere der Fälle verantwortlich ist. Dr. Fatima Marinho
 

Hinzu kommt die Entdeckung von BVD (Bovine Virusdiarrhoe-)Virusproteinen im Gehirn von drei Feten mit Mikrozephalie in Brasilien. Die Daten wurden jüngst auf dem Preprint-Server für Biowissenschaften veröffentlicht. Bei Rindern können Infektionen mit dem Virus während der Trächtigkeit zu Fehlbildungen des Fetus führen. Infektionen von Menschen sind nicht bekannt. Die brasilianischen Autoren halten es jedoch für denkbar, dass das Zika-Virus als Türöffner für eine BVDV-Infektion dienen könnte.

WHO geht auf Nummer sicher

Um die Zusammenhänge besser deuten zu können, müssen Wissenschaftler auf Ergebnisse großangelegter Studien warten, wie etwa der länderübergreifenden „Zika in Infants and Pregnancy (ZIP) Study“. Insgesamt sollen in diese Studie innerhalb eines Jahres 10.000 schwangere Frauen aus Lateinamerika und der Karibik aufgenommen werden.

Währenddessen hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 1. September beschlossen, den Status des globalen Gesundheitsnotstands vorerst aufrecht zu erhalten. Bis die Ursache erhöhter Mikrozephalie-Fälle im Nordosten Brasiliens nicht aufgeklärt ist, bleibt die WHO lieber vorsichtig.

 

REFERENZEN:

1 . The New York Times (NYT): Zika: The Millennials’ S.T.D.?, 20. August 2016

 

Kommentar

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