Präventiver Doppelpack: LDL um 1 mmol/l und Blutdruck um 10 mmHg niedriger bewahrt vor 90 Prozent des vaskulären Risikos

Susan Jeffrey

Interessenkonflikte

2. September 2016

Rom – Einer aktuellen Studie zufolge, die auf dem Kongress der European Society of Cardiology (ESC) präsentiert worden ist, steigern eine systolische Hypertonie und hohe LDL-Cholesterinspiegel voneinander unabhängig und kumulativ das kardiovaskuläre Risiko [1]. Das bedeutet für die Praxis: Bereits die mäßige Senkung dieser beiden  Risikofaktoren hat erhebliche positive Auswirkungen auf die Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen.

Die Studie ergab, dass die dauerhafte Senkung sowohl des LDL-Cholesterins um 1 mmol/l (18 mg/dl) als auch des systolischen Blutdrucks um 10 mmHg das Risiko für vaskuläre Ereignisse um nahezu 90% reduziert.

„Für uns bedeuten diese Ergebnisse, dass das LDL-Cholesterin und der systolische Blutdruck voneinander unabhängige, multiplikative und kumulative Auswirkungen auf das kardiovaskuläre Risiko haben“, sagte Studienautor Dr. Brian Ference von der Wayne State University School of Medicine in Detroit, USA. Weil diese Effekte multiplikativ und kumulativ seien, könne die langfristige „mäßiggradige“ Senkung des LDL-Cholesterins und des systolischen Blutdrucks das Lebenszeitrisiko für kardiovaskuläre Ereignisse so deutlich verringern – und dies gelte sogar dann, wenn sich Cholesterinspiegel und systolischer Blutdruck im eigentlichen Normbereich befinden.

„Unserer Studie zeigt, dass kardiovaskuläre Ereignisse größtenteils zu verhindern sind und auch, dass die Prävention deutlich verbessert und vereinfacht werden kann, wenn man Programme ersinnt, die sich auf die dauerhafte Absenkung des LDL-Cholesterins und des Blutdrucks konzentrieren“, fügte er hinzu.

 
Für uns bedeuten diese Ergebnisse, dass das LDL-Cholesterin und der systolische Blutdruck voneinander unabhängige, multiplikative und kumulative Auswirkungen auf das kardiovaskuläre Risiko haben. Dr. Brian Ference
 

„Ich denke, dass sich die gesellschaftlichen Präventionsprogramme, die bisher an die regionalen Risikofaktoren und Gegebenheiten sowie die lokalen Gesundheitssysteme angepasst sind, schrittweise an das gemeinsame Ziel eines niedrigen LDL-Cholesterins und Blutdrucks anpassen lassen, um den größtmöglichen Vorteil zu erzielen“, erklärte Ference gegenüber Medscape.

Ideale Risikofaktorprofile sind noch selten

Aus Beobachtungsstudien sei bekannt, dass Personen, die über ihr ganzes Erwachsenenalter ein ideales Risikofaktorprofil halten können, ein sehr geringes Lebenszeitrisiko für kardiovaskuläre Erkrankungen haben, sagte er. Doch schafften dies leider noch nicht einmal 5% der Menschen. „Jedoch haben Mendel-Randomisierungen immer wieder gezeigt, dass sowohl das LDL-Cholesterin als auch der systolische Blutdruck kausale und kumulative Folgen für das Risiko einer kardiovaskulären Erkrankung haben.“

Der exakte kausale Effekt eines langfristig niedrigen LDL-Cholesterins und niedrigen systolischen Blutdrucks sei bislang unbekannt gewesen. In der aktuellen HOPE-3-Studie (Heart Outcomes Prevention Evaluation 3) war z.B. die Kombination aus Lipidsenker und Antihypertensiva nicht erfolgreicher als die alleinige Gabe von Lipidsenkern. „Diese Ergebnisse warfen einige Fragen zu den synergetischen Effekten von LDL-Cholesterin und systolischem Blutdruck für das kardiovaskuläre Risiko auf, besonders mit Blick auf Patienten ohne hohen Blutdruck“, sagte  Ference.

Was bringen 1 mmol/l LDL-Cholesterin und 10 mmHg weniger?

In der aktuellen Studie versuchten die Forscher daher den kausalen Effekt anhaltend niedriger LDL- und Blutdruckwerte für das kardiovaskuläre Risiko und daneben „den potenziellen langfristigen Benefit einer vereinfachten Präventionsstrategie mit einem um 1 mmol/l verminderten LDL-Cholesterin und einem um 10 mmHg abgesenkten systolischen Blutdruck zu evaluieren“.

 
Unserer Studie zeigt, dass kardiovaskuläre Ereignisse größtenteils zu verhindern sind und auch, dass die Prävention deutlich verbessert und vereinfacht werden kann … Dr. Brian Ference
 

Für diese Fragestellung setzten sie eine Mendel-Randomisierungsstudie im 2x2-faktoriellen Design an. Dafür wurden die genetischen und kardiovaskulären Risikofaktor-Daten von 102.773 Personen herangezogen, die an einer von 14 prospektiven Kohortenstudien oder Fall-Kontroll-Studien zur Berechnung der genetischen Scores jedes einzelnen Patienten teilgenommen hatten. Diese Scores basierten auf den genetischen Polymorphismen, die bekanntermaßen mit dem LDL-Spiegel oder dem Blutdruck assoziiert sind, und auf der Zahl der mit einer Erhöhung der beiden Parameter verbundenen Allele.

„An dieser Stelle ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass unsere Untersuchung eigentlich nichts mit Genetik zu tun hat“, erklärte Ference. „Die genetischen Scores wurden nicht für eine Risikovorhersage genutzt, sondern als praktisches Instrument, das uns eine natürliche Randomisierung der verschiedenen Patientengruppen (entsprechend ihrer Risiken) ermöglichte.“

Auf dieser Basis wurden die Patienten in 4 Gruppen unterteilt: eine Referenzgruppe, eine Gruppe mit einem unterdurchschnittlichen genetischen LDL-Score und entsprechend niedrigen LDL-Werten, eine Gruppe mit einem unterdurchschnittlichen genetischen Blutdruck-Score und entsprechend niedrigen Blutdruckwerten sowie eine Gruppe, in der beide genetische Scores unterdurchschnittlich waren und die entsprechend niedrige LDL- sowie niedrige Blutdruckwerte hatten.

Der primäre Endpunkt war die Kombination aus dem erstmaligen Auftreten eines schwerwiegenden vaskulären Ereignisses wie nicht tödlichem Myokardinfarkt, nicht tödlichem Schlaganfall, tödlichem Myokardinfarkt oder Koronarrevaskularisierung.

Kumulativer Effekt senkt das Herz-Kreislauf-Risiko um 86 Prozent

Über ein Follow-up von 32 Jahren wurden insgesamt 14.368 derartige Ereignisse registriert. Aus den kombinierten niedrigen LDL- und Blutdruckwerten ergab sich „ein unabhängiger, multiplikativer und kumulativer Effekt für das kardiovaskuläre Risiko“, sagte Ference. Die Kombination aus beiden niedrigen Parametern hatte einen signifikant stärkeren Effekt als nur ein niedriger LDL-Wert (p = 1,4 x 10-14) oder nur ein niedriger Blutdruck (p = 1,8 x 10-23).

 
Dies spricht dafür, dass auch Personen mit scheinbar normalen Blutdruck- und LDL-Werten von einer Kombination aus niedrigem LDL und niedrigem systolischen Blutdruck profitieren. Dr. Brian Ference
 

Das Ergebnis: „Durch die im Laufe der Zeit multiplikativen und auch kumulativen Effekte von niedrigem Blutdruck und niedrigem LDL-Spiegel führt die Kombination aus einem um 1 mmol/l verminderten LDL-Spiegels plus eines um 10 mmHg abgesenkten systolischen Blutdrucks zu einem um 86,1 Prozent niedrigeren kardiovaskulären Risiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung“ (Odds Ratio: 0,139; 95%-Konfidenzintervall: 0,114–0,170; p = 1,6 x 10-83).

Der Effekt einer kombinierten Absenkung beider Werte war, laut Ference, eine beständige Reduktion von 80–90% über alle herangezogenen Endpunkte, einschließlich einer 84%igen Reduktion der Mortalität bei KHK, die sich in einer „geringeren, wenngleich immer noch signifikanten“ Reduktion der Gesamtmortalität niederschlug.

Der Effekt galt für Männer und Frauen, Raucher und Nichtraucher, Diabetiker und Nicht-Diabetiker und – „ganz wichtig“ – für Personen mit einem LDL-Cholesterin von über und unter 3,5 mmol/l sowie einem systolischen Blutdruck von über und unter 120 mmHg. „Dies spricht dafür, dass auch Personen mit scheinbar normalen Blutdruck- und LDL-Werten von einer Kombination aus niedrigem LDL und niedrigem systolischen Blutdruck profitieren.“

 
Wenn man sich als Arzt nicht um die Lebensführung eines Patienten kümmert und ihn nicht in dieser Richtung unterstützt, hat man schlicht die Signale nicht gehört. Dr. Joep Perk
 

Den Lebensstil der Patienten im Fokus behalten

Der Moderator der ESC-Pressekonferenz Dr. Joep Perk von der Linnaeus Universität in Kalmar, Schweden, zeigte sich von diesen Ergebnissen äußerst beeindruckt. „Meine Laufbahn begann als Kliniker, doch dann entdeckte ich das riesige Potenzial der Präventions- und Lifestyle-Forschung, was mich immer gefesselt hat“, erklärte Perk gegenüber Medscape-Heartwire. „Als Kliniker habe ich schon immer das Potenzial darin gespürt, doch die Zahlen vor mir zu sehen, ist sehr ermutigend.“ Und weiter: „Es lehrt uns noch etwas Wichtiges: Wenn man sich als Arzt nicht um die Lebensführung eines Patienten kümmert und ihn nicht in dieser Richtung unterstützt, hat man schlicht die Signale nicht gehört. Man kann dem Patienten so viele Pillen verschreiben, wie man möchte, seinen Lebensstil kann man damit nicht ändern.“

In seiner Klinik werde den Patienten nach einer erfolgreichen Behandlung eines vaskulären Ereignisses erklärt, „dass dies ein ernster Warnschuss gewesen ist, gewissermaßen die ‚Gelbe Karte‘, und der Patient sich keinen weiteren mehr erlauben kann“. Man verfolge dort einen neuen Präventionsansatz, bei dem jedem Patienten nach einer Herzkatheterisierung ein „Personal Trainer“ an die Seite gestellt werde, wobei es sich meist um eine geschulte Pflegekraft handele, die den Patienten in Fragen der Lebensführung unterstütze.


Der Artikel wurde von Markus Vieten aus http://www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

REFERENZEN:

1. European Society of Cardiology (ESC) Congress, 28. bis 31. August 2016, Rom (Italien)

 

Kommentar

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