Die „Wechseljahre des Mannes“ – ein Mythos? Urologen geben Empfehlungen, wann Testosteron-Ersatz Sinn macht

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

1. September 2016

Prof. Dr. Sabine Kliesch

Seit Jahren geistert der Mythos von den „Wechseljahren des Mannes“ durch die Welt. Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) hat nun in einer Pressemeldung  erneut klargestellt, dass es dieses Beschwerdebild, welches mit einem erniedrigten Testosteronspiegel in Verbindung gebracht wird, überhaupt nicht gibt [1]. Gleichzeitig ist es ihr ein Anliegen, dass die Testosteronersatztherapie beim alternden Mann nicht grundsätzlich in Misskredit gebracht wird.

„Testosteron hat für den Gesamtorganismus eine große Bedeutung und übernimmt vielfältige Funktionen“, erklärt Prof. Dr. Sabine Kliesch, Vorsitzende des Arbeitskreises Andrologie der DGU im Gespräch mit Medscape. Trotzdem sei das Hormon in der Vergangenheit vielfach als „Lifestyle-Medikament“ bezeichnet worden. Eine unzulässige Abwertung, wie Kliesch meint. „Bei einem Androgendefizit bzw. Hypogonadismus handelt es sich um eine Krankheit, die behandelt werden muss.“

„Der Testosteronspiegel allein hat wenig Aussagekraft“

Generell sinkt der Testosteronspiegel bei Männern im Alter, ab dem 40. Lebensjahr um ca. 1 bis 2% pro Jahr. Ursachen können eine verminderte Produktion von Testosteron im Hoden, eine gestörte Ausschüttung der Steuerungshormone der Hirnanhangsdrüse oder eine altersbedingte Zunahme des Sexualhormon-bindenden Globulins (SHBG) sein.

 
Bei einem Androgendefizit bzw. Hypogonadismus handelt es sich um eine Krankheit, die behandelt werden muss. Prof. Dr. Sabine Kliesch
 

Als physiologisch gelten generell Werte von 12 nmol/l oder höher für das Gesamt-Serumtestosteron. Da die Werte tageszeitlichen Schwankungen unterliegen, sollte das Gesamt-Testosteron bei mindestens zwei Gelegenheiten gemessen werden. Der Anteil der Männer mit messbar erniedrigten Testosteronwerten liegt laut DGU unter den 60 bis 80-Jährigen bei 20% und bei den über 80-Jährigen bei 33%.

„Der Testosteronspiegel allein hat wenig Aussagekraft“, betont Kliesch jedoch. Männer mit Werten von 10 oder 11 nmol/l könnten sogar vollkommen beschwerdefrei sein.

Die Diagnose eines Hypogonadismus wird deshalb nicht nur über die Bestimmung anhaltend niedriger Testosteronspiegel gestellt, sondern auch auf der Basis persistierender Symptome und Anzeichen, die einen Bezug zum Androgenmangel haben. Zu diesen Symptomen zählen u.a. Potenzstörungen, Stimmungsschwankungen, Abnahme der Muskelmasse, Osteoporose, Zunahme des Bauchumfanges und eine leichte Anämie.

Auf die Diagnose muss nicht zwangsläufig eine Therapie folgen

 
Der Testosteronspiegel allein hat wenig Aussagekraft. Prof. Dr. Sabine Kliesch
 

Doch selbst wenn typische Symptome und niedrige Testosteronwerte zusammenkommen, muss nicht zwangsläufig eine Hormonersatztherapie erfolgen. Die Reduzierung gesundheitlicher Risiken, die in einem ungesunden Lebensstil begründet liegen und die Behandlung von Begleiterkrankungen sind gegebenenfalls wichtiger als die reine Testosteronersatztherapie.

In der Leitlinie der European Association of Urology (EAU) zu Diagnostik und Behandlung des männlichen Hypogonadismus heißt es dazu: „Beim Late-onset-Hypogonadismus mag die Testosteronersatztherapie die Symptome verbessern, aber viele vom Hormonmangel betroffene Männer sind krank und/oder übergewichtig. Gewichtsreduktion, eine Modifikation des Lebensstils und eine gute Behandlung der Komorbiditäten sind wichtiger als nur die Hormonersatztherapie.“

Kliesch gibt aber auch zu bedenken, dass ein zu niedriger Testosteronspiegel verschiedenste Stoffwechselprozesse negativ beeinflusst und damit u.a. Übergewicht und eine Störung des Zuckerhaushalts begünstigt. „Auch der Antrieb eines Patienten kann unter dem Hormondefizit leiden“, sagt sie. „Einem übergewichtigen Diabetiker nützt es deshalb unter Umständen wenig, wenn der Androloge zu mehr Bewegung rät. Das hat der Patient vermutlich auch schon hundert Mal vom Hausarzt gehört.“ Solche Patienten würden die Kurve dann vielleicht erst durch die Hormonersatztherapie kriegen.

 
Wenn ich den Stoffwechselhaushalt auf hormoneller Seite wieder in Ordnung bringe, lassen sich andere gesundheitskritische Werte wie ein zu hoher Blutzucker besser behandeln. Prof. Dr. Sabine Kliesch
 

Außerdem: „In dem Moment, in dem ich den Stoffwechselhaushalt auf hormoneller Seite wieder in Ordnung bringe, lassen sich auch andere gesundheitskritische Werte wie ein zu hoher Blutzucker besser behandeln“, betont die Urologin und ergänzt: „Studien haben gezeigt, dass ein Diabetiker, der begleitend unter einem unbehandelten Hypogonadismus leidet, früher stirbt, als ein Diabetiker mit einem behandelten Testosteronmangel.“ Aktuell weise zudem eine US-amerikanische Studie auf kardiovaskuläre Vorteile einer Testosteronersatztherapie hin.

Gel, Spray oder Injektion?

Zur Behandlung des Hypogonadismus gibt es eine Reihe verschiedener Präparate, von Testosteronkapseln,       -gelen und -sprays über Pflaster bis hin zu Testosteroninjektionen (2 bis 3 Mal wöchentlich oder 2 bis 3 Mal monatlich). Die beste Pharmakokinetik weisen Testosterongele und Testosteronspritzen (hier vor allem die 3-Monatsspritze) auf, die auch am weitesten verbreitet sind. „Mit beiden Präparategruppen können relativ konstante Werte über 12 nmol/l erreicht werden“, sagt Kliesch.

Welches Präparat am Ende eingesetzt würde, hänge mit den Lebensumständen und Vorlieben des einzelnen Patienten zusammen. Älteren Männern rate sie allerdings zunächst zu Testosteron-Gelen. So könnten die Reaktionen auf den Hormonersatz erst einmal überprüft und die Behandlung gegebenenfalls kurzfristig unterbrochen werden.

Die Gele werden dabei in den Morgenstunden auf die Haut aufgetragen. Der natürliche Tagesverlauf mit morgendlichen hohen Testosteronspiegeln und einer Abnahme im Tagesverlauf wird so nachgeahmt.

Prostatakrebs wird durch Testosteron im Wachstum gefördert – aber nicht ausgelöst

Lange Zeit wurde befürchtet, dass mit der Hormonersatztherapie die Entstehung von Prostatakrebs gefördert würde. „Diese Sorge können wir Patienten und Kollegen heute nehmen“, sagt Kliesch. Neuste Studien wiesen darauf hin, dass eine Testosterontherapie das Risiko eines Prostatakarzinoms nicht erhöht.

 
Studien haben gezeigt, dass ein Diabetiker, der unter einem unbehandelten Hypogonadismus leidet, früher stirbt, als ein Diabetiker mit einem behandelten Testosteronmangel. Prof. Dr. Sabine Kliesch
 

Ein bereits bestehender Prostatakrebs werde jedoch durch Testosteron im Wachstum gefördert. Ein Prostatakarzinom müsse deshalb bei der Diagnostik ausgeschlossen werden, so die Expertin. Und auch unter einer Testosteronsubstitutionstherapie müssten sich Männer regelmäßigen Kontrolluntersuchungen (PSA-Bestimmung, digitale Rektaluntersuchung) unterziehen.

Häufige Bedenken bezüglich potenzieller Risiken bezögen sich gemäß europäischer Leitlinien außerdem auf die möglichen Folgen für das Mammagewebe, das kardiovaskuläre Syndrom und Schlafapnoe. Für eine Assoziation zwischen Testosteronersatztherapie und einer Brustkrebsentwicklung liege jedoch keine starke Evidenz vor, wenngleich es einige auf kleinen Patientenzahlen basierende Berichte gegeben habe. Und auch für eine Korrelation von Hormonersatztherapie und obstruktiver Schlafapnoe gebe es keine konsistente Evidenz.

Eine Testosteronbehandlung, da zeigt sich die Leitlinie eindeutig, sei überdies nicht mit der Entwicklung de novo auftretender kardiovaskulärer Ereignisse verbunden. „Man sollte jedoch Vorsicht walten lassen bei Männern mit bestehenden kardiovaskulären Erkrankungen“, heißt es weiter, „da eine Vermehrung der roten Blutzellen eine häufige Nebenwirkung des Testosterons ist.“

 

REFERENZEN:

  1. DGU-Pressemitteilung, 16. August 2016

 

Kommentar

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