Moderate Bewegung senkt zwar das Krankheitsrisiko deutlich – die WHO-Empfehlungen reichen aber bei Weitem nicht aus

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

26. August 2016

Körperliche Aktivität kann das Risiko chronischer Erkrankungen deutlich senken. Das gilt allerdings nur, wenn die WHO-Empfehlungen zum Mindestumfang von Sport und Bewegung um ein Mehrfaches übertroffen werden. Das ergab eine Meta-Analyse, die den Zusammenhang des Bewegungsumfangs mit dem Auftreten von 5 häufigen chronischen Erkrankungen – Brust- und Darmkrebs, Diabetes, ischämische Herzkrankheit und ischämischer Schlaganfall – untersuchte [1].

Prof. Dr. Herbert Löllgen

„Dieses Ergebnis bestätigt das, was frühere Meta-Analysen zu dieser Thematik gezeigt haben“, sagt Prof. Dr. Herbert Löllgen, Kardiologe und Sportmediziner aus Remscheid, im Gespräch mit Medscape. Besonders deutlich sei die Minderung des Krankheitsrisikos beim Wechsel von Inaktivität zu moderater Tätigkeit. „Das ist der erste Schritt bei allen Krankheitsgruppen“, erklärt Löllgen. Im Grunde sei es, wie es die Studie bestätige, egal, welchen Aktivitäten die Patienten nachgehen. „Die Hauptsache ist, sie fangen an sich zu bewegen, etwa, indem sie 3 bis 4 Mal die Woche spazieren gehen.“

WHO-Empfehlungen nicht ausreichend

Während die WHO einen wöchentlichen Bewegungsumfang von im Minimum 600 METs (metabolic equivalents) empfiehlt, gehen die australischen und US-amerikanischen Autoren der Meta-Analyse unter der Leitung von Dr. Hmwe Kyo, Institute for Health Metrics and Evaluation, University of Washington, Seattle, USA, von mindestens erforderlichen 3.000-4.000 METs zur Senkung des Krankheitsrisikos aus. Darunter können sowohl Freizeitsport als auch Gartenarbeit und andere Tätigkeiten im Haushalt, die Fahrradfahrt oder der Fußweg zur Arbeit und Treppen steigen fallen.

Das Autorenteam hat insgesamt 174 prospektive Kohortenstudien analysiert und herausgefunden, dass das Risiko aller 5 Erkrankungen proportional zum wöchentlichen Bewegungsumfang sinkt. Die größte Differenz im Krankheitsrisiko besteht bei denjenigen, die sich, statt gar nicht oder sehr wenig, in geringem Umfang, das heißt zwischen 3.000 und 4.000 MET pro Woche bewegen.

Die Steigerung von 600 auf 3.600 MET kann etwa das Diabetes-Risiko um 19% und das Brustkrebs-Risiko um 4% senken, so ein Ergebnis der Analyse. Dieses Bewegungsziel könne erreicht werden, indem man im Laufe einer Woche verschiedene körperliche Aktivitäten in den Alltag einbaue, erklären die Autoren, etwa 10 Minuten Treppen steigen, eine Viertelstunde Staubsaugen, 20 Minuten Gartenarbeit und 25 Minuten Laufen oder Walken. Bei einem größeren Bewegungsumfang nimmt das Krankheitsrisiko weniger stark ab.

600 MET-Minuten bedeuten laut WHO beispielsweise 150 Minuten schnelleres Gehen oder 75 Minuten Laufen in der Woche. Die Daten der Meta-Analyse zeigen, dass der von der WHO empfohlene Bewegungsumfang nicht ausreiche, mahnen die Autoren: „Angesichts alternder Bevölkerungen und einer seit 1990 immer weiter steigenden Anzahl von Todesfällen durch kardiovaskuläre Erkrankungen und Diabetes sollte in Interventionen, die körperliche Aktivität in der Gesamtbevölkerung fördern, investiert werden“, fordern sie. Zähle man nicht nur den Sport, sondern alle Arten körperlicher Aktivität, etwa aktiven Transport und Hausarbeit, könne man Bewegung besser fördern, erklären sie.

Allerdings zeige die Meta-Analyse nicht, „ob die Risikominderungen bei kürzeren, aber intensiveren Belastungen anders ausfallen als bei weniger intensiven Belastungen mit längerer Dauer“, schreiben Prof. Dr. Philippe Autier und Cécile Pizot vom International Prevention Research Institute in Lyon, Frankreich, in einem Editorial zu der Meta-Analyse [2]. Künftige Studien sollen diese verschiedenen Belastungstypen im Zusammenhang mit dem Krankheitsrisiko unter die Lupe nehmen, fordern sie.

 
Dieses Ergebnis bestätigt das, was frühere Meta-Analysen zu dieser Thematik gezeigt haben. Prof. Dr. Herbert Löllgen
 

Bewegung auf Rezept

Im Alltag, sagt Löllgen, erschweren technische Errungenschaften und architektonische Gegebenheiten mehr Bewegung. Etwa seien Treppenaufgänge in Hotels, Bürogebäuden oder Kaufhäusern kaum mehr zugänglich oder zumindest so versteckt, dass die Nutzung des Aufzugs näher liege. Als erster Schritt helfe es schon kleine Wege zum Markt oder zur Post zu Fuß statt mit dem Auto zurückzulegen. Der langjährige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) setzt sich dafür ein, dass Ärzte ihren Patienten ein „Rezept für Bewegung“ ausstellen, um sie zu mehr Bewegung zu motivieren.

Das Konzept wurde in Ansätzen schon in den 1980er Jahren in Deutschland entwickelt, kann aber erst seit wenigen Jahren ausgestellt werden. Es solle, „wie ein Rezept für ein Medikament von den Patienten eingelöst werden“, erklärt Löllgen. Darin tragen Ärzte spezielle Kurse, die der Patient belegen soll oder Sportarten, die er ausüben kann, sowie die Belastungsparameter – Trainingsfrequenz, Belastungsintensität und Dauer – für das Training ein. Einige Monate nach der Ausstellung „kontrollieren wir durch ein Monitoring, ob das Rezept eingehalten wurde und die Bewegung bereits Auswirkungen zeigt – das ist eine zusätzliche Motivation für die Patienten“, sagt Löllgen.

Zu viel Sitzfleisch: Deutsche sitzen 11 Stunden am Tag

Dass sich die Menschen in Deutschland trotz zahlreicher solcher Bewegungs-Initiativen zu wenig körperlich betätigen und zu viel Zeit des Tages im Sitzen verbringen, zeigt eine aktuelle Umfrage der Krankenversicherung DKV, in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Gesundheit und Bewegung durch Sport der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS), unter 2.830 Menschen in Deutschland. Demnach fühlen sich nur 11% der Befragten „rundum gesund“, was körperliche Aktivität, Ernährung, Alkoholkonsum, Rauchen und subjektives Stressempfinden angeht. In Mecklenburg-Vorpommern sind es 19%, in Nordrhein-Westfalen nur 9%.

Nur 45% gaben an, sich mindestens 150 Minuten in der Woche zu bewegen, was dem Minimalziel der WHO entspricht. Bei der gleichen Befragung 2014 waren es noch 54%. In dem 2016 zum 4. Mal publizierten Report „Wie gesund lebt Deutschland?“ ist außerdem zu lesen, dass Berufstätige, die am Schreibtisch arbeiten, bis zu 11 Stunden am Tag sitzen. Insgesamt gaben 46% der Berufstätigen an hauptsächlich am Schreibtisch zu arbeiten. „Der Kopf ist aktiv, aber aus Sicht des Körpers muss man sagen: Fast die Hälfte der Berufstätigen wird hauptsächlich fürs Rumsitzen bezahlt“, kommentiert der DKV Vorsitzende Clemens Muth. „Wir arbeiten sitzend am Computer, telefonieren sitzend und eine Besprechung ist eine ‚Sitzung‘. Diese Routinen können und sollten wir ändern.“

Kurze Bewegungspausen seien eine Möglichkeit, schlägt Löllgen vor. „Aus Gesundheitsgründen sollte man lange Sitzphasen alle 30 Minuten unterbrechen, sich vom Bildschirm abwenden und kurz bewegen“, bemerkt er. Dabei wollen die meisten laut DRK-Report gar nicht so lange am Stück sitzen. Warum stehen sie dann nicht öfter auf?, fragt sich Prof. Dr. Ingo Froböse, Wissenschaftlicher Leiter des Reports. „Bei vielen gehört das Sitzen einfach zum Arbeitsalltag dazu, es ist Routine und man macht sich kaum Gedanken darüber“, so seine Vermutung. Aufstehen, meint er, fange im Kopf an: „Meetings von kleineren Arbeitsgruppen können gut im Stehen stattfinden“, etwa als „Walk and Talk“ oder „Spaziergang“.

Passend hierzu hat die American Heart Association (AHA) kürzlich ein Statement zu den kardiovaskulären Risiken vorwiegenden sitzender Tätigkeiten veröffentlicht. „Unabhängig vom Umfang der körperlichen Aktivität kann eine länger andauernde sitzende Tätigkeit negative Auswirkungen auf die Herzgesundheit und die Blutgefäße haben“, warnt Erstautorin Dr. Deborah Rohm Young, Leitern der Verhaltensforschung am Kaiser Permanente Southern California in Pasadena, USA.

Fitnessarmbänder kaum genutzt

 
Unabhängig vom Umfang der Bewegung kann eine länger andauernde sitzende Tätigkeit negative Auswirkungen auf die Herzgesundheit und die Blutgefäße haben. Dr. Deborah Rohm Young
 

Auch Fitness-Gadgets wie Wearables scheinen die Menschen nicht zu mehr Bewegung zu ermuntern. Denn beinahe die Hälfte der Leute, die ein solches Fitnessarmband besitzt, benutzt es nicht oder nicht mehr, so ein weiteres Ergebnis der DKV-Umfrage. Entweder, sagen die Teilnehmer, die Nutzung sei „zu anstrengend“ oder „ginge ihnen auf die Nerven“. Andere wiederum betrachten ihr Gerät als „überflüssig“. „Für gesunde Menschen mit nur durchschnittlich sportlichem Ehrgeiz sind die heutigen Wearables aus Sicht der DKV auf Dauer nicht sehr spannend“, sagt Muth.

Löllgen setzt auch eher auf Bewegungserziehung als auf Motivation durch digitale Technik: Die früheste Stufe auf dem Weg in ein „bewegtes“ Leben sei die tägliche Sportstunde in der Schule, sagt er. „Erwiesen ist, dass Schüler, die täglich Sport machen, besser lernen. Zudem lernen die Kinder, dass regelmäßige Bewegung zum Alltag dazugehört“, so sein Ansatz. Berufstätigen Erwachsenen fehle häufig die Zeit, um 3 bis 4 Mal pro Woche Sport zu treiben. Jedoch könne derjenige, der sich als Erwachsener regelmäßig bewege, durch das verminderte Krankheitsrisiko von mehr Lebensqualität im Alter ausgehen. „Dazu gehört auch ein länger selbstbestimmtes und autonomes Leben führen zu können“, erklärt der Präventionsexperte.

 

REFERENZEN:

  1. Kyu HH, et al: BMJ 2016;354:i3857

  2. Autier P, et al: BMJ 2016;354:i4200

 

Kommentar

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