In-vitro-Fertilisation: Kein höheres Brustkrebs-Risiko durch Fruchtbarkeitsbehandlung gefunden – Absolution für die IVF?

Diana Phillips

Interessenkonflikte

25. August 2016

Nach einer In-vitro-Fertilisation (IVF) haben Frauen kein erhöhtes Risiko für Brustkrebs. Zu diesem Ergebnis kommt eine niederländische Studie, die in JAMA erschienen ist [1]. Die Befunde stimmen mit denen anderer Untersuchungen, beispielsweise einer norwegischen Studie von 2015, überein, nach denen kein Zusammenhang zwischen assistierten Reproduktionstechnologien und Brustkrebs besteht. „Das sind gute Nachrichten, die Ärzte und Patienten beruhigen“, sagt Dr. Mia Gaudet von der American Cancer Society.

Vergleichbare Brustkrebs-Inzidenz mit und ohne IVF

In der niederländischen Studie untersuchten Dr. Alexandra W. van den Belt-Dusebout vom Niederländischen Krebs Institut in Amsterdam und ihre Kollegen Daten aus der OMEGA-Studie. Dort sollen Frauen, die gegen Unfruchtbarkeit behandelt worden waren, auf ihr Langzeit-Risiko für Brustkrebs untersucht werden, wenn sie eine ovarielle Stimulation für eine IVF erhalten hatten.

Die Studienkohorte umfasste 19.158 Frauen, die zwischen 1983 und 1995 in einer von 12 niederländischen IVF-Kliniken eine IVF-Behandlung begonnen hatten, und 5.950 Frauen, die zwischen 1980 und 1995 eine andere Fertilitätsbehandlung (Tuben-Operation, niedrig dosierte ovarielle Stimulation, interauterine Insemination, Hormonbehandlung) in einer von 4 Kliniken begonnen hatten. Das mediane Alter beim Follow-up war in der IVF-Gruppe 53,8 Jahre, in der Nicht-IVF-Gruppe 55,3 Jahre. Das Follow-up fand im Median nach 21,1 Jahren statt.

 
Das sind gute Nachrichten, die Ärzten und Patienten beruhigen. Dr. Mia Gaudet
 

Insgesamt wurden in der Studienpopulation 839 Fälle von invasivem und In-situ-Brustkrebs registriert, davon 619 in der IVF-Gruppe und 220 in der Nicht-IVF-Gruppe. Diese Zahlen stammen aus dem Niederländischen Krebsregister (1989–2013). Wie die Autoren berichten, entsprechen die Fallzahlen einer vergleichbaren kumulativen Inzidenz von 3,0% und 2,9% (p = 0,85). „Das Risiko unterschied sich nicht durch die Art der eingesetzten Medikamente oder die diagnostizierte Ursache der Subfertilität und war 20 oder mehr Jahre nach einer IVF nicht erhöht“, konstatieren die Autoren. Die Krebsraten seien zudem mit denen in der Allgemeinbevölkerung vergleichbar.

Bemerkenswerter Weise hatten Frauen, die 7 oder mehr IVF-Zyklen durchlaufen hatten, ein signifikant geringeres Risiko für Brustkrebs als diejenigen, die nur ein oder 2 Zyklen hinter sich hatten (Hazard Ratio: 0,55; 95%-Konfidenzintervall: 0,39–0,77). Außerdem hatten Frauen, die nur wenig auf ihren ersten IVF-Zyklus reagiert hatten, ein geringeres Brustkrebsrisiko als die Gesamt-Studienpopulation (HR: 0,77; 95%-KI: 0,61–0,96; weniger als 4 vs mehr als 4 gewonnene Eizellen).

 
Das Risiko (für Brustkrebs) … war 20 oder mehr Jahre nach einer IVF nicht erhöht. Dr. Alexandra W. van den Belt-Dusebout und Kollegen
 

Frauen mit Kindern hatten ein signifikant höheres Risiko als Frauen ohne Kinder (HR: 1,35; 95%-KI: 1,16–3,73). Waren die Frauen 35 und älter bei ihrer ersten Geburt, war ihr Risiko signifikant höher als das von Frauen, die bei Geburt ihres ersten Kindes unter 25 Jahren waren: für Frauen zwischen 35 und 39 lag die HR bei 1,73 (95%-KI: 1,30–2,30), Frauen ab 40 hatten eine HR von 2,52 (95%-KI: 1,71–3,73).

Interpretationsversuche widersprüchlicher Ergebnisse

„Da die IVF verschiedene Phasen beinhaltet und die Behandlungsregimes sich mit der Zeit verändert haben, ist es schwierig, potenziell gegenteilige Effekte der verschiedenen Komponenten einer IVF-Behandlung zu erkennen“, räumen die Autoren ein.

Beispielsweise gibt es viele mögliche Erklärungen für die Tatsache, dass Frauen mit vielen IVF-Zyklen in der Studie das niedrigste Brustkrebs-Risiko hatten. Eine davon könnte sein, dass Frauen mit mehr IVF-Zyklen mehr humanes Choriongonadotropin erhalten haben,  längere Phasen der Down-Regulation der körpereigenen Hormonproduktion mit niedrigen Estradiol- und Progesteronspiegeln hatten oder weil bestimmte Merkmale der Frau mehr IVF-Zyklen nötig machten“, schreiben die Autoren.

Das höhere Brustkrebsrisiko von Frauen mit Kindern gegenüber Frauen ohne steht im Gegensatz zu Daten aus der Literatur, wonach Frauen ohne Kinder ein höheres Risiko tragen. Das könnte damit zusammenhängen, dass für Frauen nach der Geburt das Risiko zeitweilig erhöht ist, vermuten die Autoren. „Da dieses erhöhte Risiko für 20 bis 30 Jahre anhalten kann, hatten viele Frauen in der Kohorte noch nicht das Alter erreicht, wo sich der protektive Effekt von Kindern bemerkbar macht. Außerdem könnte das hohe Alter bei der ersten Geburt in der Studienkohorte (median 31,5 Jahre) die Beobachtung eines mit Kindern assoziierten Schutzeffektes verhindert haben.“

Behandlungsprotokolle der Studie heute veraltet

 
Mehr Forschung ist nötig bevor wir sagen können, diese Ergebnisse seien stichhaltig und für alle Patientinnen verallgemeinerbar. Dr. Mia Gaudet
 

Da die Studienergebnisse überwiegend auf IVF-Behandlungsprotokollen beruhen, die bis 1995 genutzt wurden, wo die Anzahl der Ampullen an Gonadotropinen einen Peak erreicht hatte, bevor sie dann abnahm, können die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf die heutige IVF-Behandlung extrapoliert werden, die „überwiegend auf Protokollen mit Antagonisten und kürzen Perioden der Down-Regulation beruht“, schreiben die Autoren. Die neueren Protokolle, könnten mit einer geringeren Risikoreduktion und einem geringeren Bedarf an IVF-Zyklen durch eine höhere Erfolgsquote assoziiert sein, erklären sie.

Weil bisher nur 14% der Frauen das Alter von 60 erreicht haben, „ist ein weiteres Follow-up notwendig, um das Brustkrebs-Risiko von postmenopausalen Frau nach einer ovariellen Stimulation für eine IVF zu bestimmen“, betonen die Autoren.

„Die Größe der Studie ist eine ihrer Stärken. Dadurch kommen genügend Daten zusammen, die darauf hindeuten, dass es keinen Zusammenhang zwischen Brustkrebs und IVF gib“, sagt Gaudet gegenüber Medscape Medical News. Aber es ist auch wichtig, einige Limitationen der Studie zu erwähnen, insbesondere den Unterschied zwischen den IVF-Medikamenten und -Strategien die heute benutzt und denen in der Studie. Mehr Forschung ist nötig bevor wir sagen können, diese Ergebnisse seien stichhaltig und für alle Patientinnen verallgemeinerbar.“

 
Dieser Artikel wurde von Bettina Micka aus http://www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

REFERENZEN:

  1. van den Belt-Dusebout AW, et al: JAMA 2016;316(3):300-312

 

Kommentar

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