Nach dem Schlaganfall: Patienten mit zu niedrigen oder zu hohen Hämoglobinwerten haben ein höheres Sterberisiko

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

23. August 2016

Ältere Menschen, die an Anämie leiden, haben ein erhöhtes Risiko, an den Folgen eines Schlaganfalls zu sterben. Das geht aus einer retrospektiven Datenauswertung hervor, über die ein Team um Prof. Dr. Phyo Myint von der School of Medicine der University of Aberdeen in Schottland im Journal of the American Heart Association berichtet [1].

Prof. Dr. Armin Grau

„Die britischen Forscher bestätigen mit ihrer großen, sehr soliden Untersuchung noch einmal das, was kleinere Studien bereits gezeigt hatten“, sagt Prof. Dr. Armin Grau, 3. Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und Direktor der Neurologischen Klinik mit Klinischer Neurophysiologie und Stroke Unit am Klinikum Ludwigshafen, im Gespräch mit Medscape.

„Eine besondere Stärke der neuen Studie liegt darin, dass Myint und seine Kollegen viele andere Einflussgrößen, etwa die Einnahme von Gerinnungshemmern, mitberücksichtigt haben“, kommentiert Grau. So hätten die Wissenschaftler zeigen können, dass es wirklich die Anämie sei, die sich auf das Sterberisiko bei einem Schlaganfall auswirke.

Dass dem so ist, verwundert Grau nicht. „Wir wissen ja, dass das Gehirn für einen Sauerstoffmangel besonders empfindlich ist“, sagt er. „Wenn sein Gewebe durch einen Schlaganfall mit zu wenig Blut versorgt wird und das Blut darüber hinaus zu wenig Sauerstoff enthält, hat ein Patient natürlich besonders schlechte Chancen.“

 
Eine besondere Stärke der neuen Studie liegt darin, dass Myint und seine Kollegen viele andere Einflussgrößen, etwa die Einnahme von Gerinnungshemmern, mitberücksichtigt haben. Prof. Dr. Armin Grau
 

Darüber hinaus habe man festgestellt, dass es bei einer Anämie oft zu einer höheren Fließgeschwindigkeit des Blutes komme – was vermutlich ein Versuch des Organismus sei, die mangelhafte Sauerstoffversorgung zu kompensieren. „Der schnellere Blutfluss kann bei einem Schlaganfall aber Nachteile haben“, erläutert Grau. Zum Beispiel könnten Blutgerinnsel verschleppt werden.

Rund 8.000 Registerdaten analysiert

Niedrige Hämoglobinwerte und Anämie sind unter älteren Menschen verbreitet. Auch ist bekannt, dass Patienten mit einem akuten Schlaganfall häufig zu wenig rote Blutzellen aufweisen. Etwa 30% aller Schlaganfall-Patienten seien anämisch, schreiben Myint und sein Team in ihrer Studie.

Um zu überprüfen, ob eine Blutarmut beziehungsweise der Hämoglobingehalt des Blutes die Überlebenschancen nach einem Schlaganfall beeinflussen, analysierten die Forscher retrospektiv die Daten von 8.013 Patienten mit einem Durchschnittsalter von knapp 78 Jahren, die zwischen 2003 und 2015 aufgrund eines Schlaganfalls ins Krankenhaus eingeliefert worden waren. Die Daten entstammen einem regionalen britischen Schlaganfallregister. Den Einfluss von Hämoglobinwerten und Anämie auf die Sterblichkeit berechneten die Wissenschaftler für mehrere Zeitpunkte: 7 und 14 Tage sowie 1, 3, 6 und 12 Monate nach der Einweisung in eine Klinik.

Niedrige und auch hohe Hämoglobinwerte für Patienten riskant

Zunächst stellten die Forscher um Myint fest, dass etwa ein Viertel ihrer Probanden anämisch war und dass deren Sterberisiko auch noch ein Jahr nach dem Schlaganfall gegenüber nicht blutarmen Patienten erhöht war – unabhängig davon, ob es sich um einen ischämischen oder hämorrhagischen Schlaganfall gehandelt hatte.

 
Wir Ärzte sollten daher stets kritisch überprüfen, ob unsere Patienten wirklich Gerinnungshemmer benötigen. Prof. Dr. Armin Grau
 

Lediglich bei Männern mit einem hämorrhagischen Schlaganfall war der Einfluss der Anämie auf die Mortalität weniger deutlich spürbar. Allerdings war die Fallzahl in dieser Patientengruppe recht niedrig, wodurch das Ergebnis womöglich verzerrt wurde. Erhöht wurde die Sterblichkeit im ersten Monat bei Männern mit ischämischem Schlaganfall aber nicht nur durch niedrige, sondern auch durch besonders hohe Hämoglobinwerte.

„Auch die Beobachtung, dass das Sterberisiko bei mittleren Hämoglobinwerten am geringsten ist, war zuvor schon gemacht worden“, sagt der DSG-Experte Grau. „Die neue Studie mit ihrer größeren Fallzahl konnte diesen Zusammenhang aber noch einmal sehr gut bestätigen.“

Um ihre Befunde zu überprüfen, nahmen Myint und seine Kollegen anschließend noch eine Metaanalyse vor, in die sie auch 20 frühere Studien einbezogen. Mit der Kohorte ihrer eigenen Untersuchung kamen sie so auf insgesamt knapp 30.000 Schlaganfall-Patienten aus zahlreichen Ländern der Welt. Ihre Analyse ergab, dass das Sterberisiko durch eine Anämie bei einem ischämischen Schlaganfall um den Faktor 2 und bei einem hämorrhagischen Schlaganfall um den Faktor 1,5 erhöht ist.

 
Es ist unsere Aufgabe, die konkreten Ursachen (einer Anämie) zu entdecken und dann zu beseitigen. Prof. Dr. Armin Grau
 

Als wichtigstes Limit der britischen Studie bewertet Grau die Tatsache, dass es sich um keine prospektive Studie gehandelt hat, bei der eine Kohorte gesunder Menschen wiederholt untersucht worden wäre. „Interessant wäre jetzt ein Langzeit-Follow-up mit gesunden Probanden, um herauszufinden, inwieweit sich die Hämoglobinwerte auf das Risiko eines Schlaganfalls und natürlich auch auf die Mortalität nach einem Schlaganfall auswirken“, sagt der Neurologe.

Verordnung von Gerinnungshemmern mit Augenmaß

Ob und, wenn ja, wie sich die Sterblichkeit durch zielgerichtete Interventionen bei anämischen Schlaganfall-Patienten senken lasse, müsse nun in weiteren Studien untersucht werden, betonen die Forscher um Myint. „Ein Beispiel einer Intervention könnte es sein, die zugrunde liegenden Ursachen der Anämie wie einen Eisenmangel zu behandeln, der in dieser Altersgruppe häufig ist“, wird der Erstautor der Studie, Raphae S. Barlas von der University of Aberdeen, in einer Pressemitteilung der American Heart Association zitiert.

Der Ludwigshafener Mediziner Grau nennt noch weitere mögliche Konsequenzen der Studie für das ärztliche Handeln. „Wir wissen, dass die Einnahme von Antikoagulantien wie Marcumar oder Aspirin das Risiko einer Anämie erhöht“, sagt er. „Wir Ärzte sollten daher stets kritisch überprüfen, ob unsere Patienten wirklich Gerinnungshemmer benötigen.“ Zu dieser Frage könne die aktuelle Studie allerdings keine endgültige Antwort geben.

Eine weitere wichtige ärztliche Aufgabe besteht Grau zufolge darin, Anämien bei Patienten überhaupt zu entdecken und insbesondere unter einer Therapie mit Antithrombotika den Hämoglobinwert regelmäßig zu kontrollieren. „Die Ursachen einer Anämie sind allerdings vielfältig“, betont der Mediziner. So könnten etwa Blutungen im Magen-Darm-Trakt, zum Beispiel bei Darmkrebs oder einem Magengeschwür, eine Blutarmut hervorrufen, ebenso ein Vitamin-B12-Mangel oder chronische Entzündungen, bei denen aufgenommenes Eisen nicht gut verwertet wird. „Es ist unsere Aufgabe“, sagt Grau, „die konkreten Ursachen zu entdecken und dann zu beseitigen.“

 

REFERENZEN:

  1. Barlas RS, et al: J Am Heart Assoc. 2016;5:e003019

 

Kommentar

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