Begünstigt Paracetamol in der Schwangerschaft Verhaltensauffälligkeiten beim Kind? Studie sagt ja, Experte zweifelt

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

18. August 2016

Paracetamol gilt eigentlich als sicher in der Schwangerschaft und wird von vielen schwangeren Frauen eingenommen. Handelt es sich dabei aber möglicherweise um eine Fehleinschätzung? In JAMA Pediatrics berichten britische Wissenschaftler, einen Zusammenhang zwischen der Einnahme des Schmerzmittels in der Schwangerschaft und späteren Verhaltensproblemen bei den Kindern gefunden zu haben [1]. „Kinder, die vor der Geburt mit Paracetamol in Kontakt kommen, haben ein erhöhtes Risiko für verschiedene Verhaltensauffälligkeiten“, schreiben Dr. Evie Stergiakouli von der University of Bristol und ihre Kollegen.

Prof. Dr. Christof Schaefer

Für Prof. Dr. Christof Schaefer, der an der Charité-Universitätsmedizin Berlin das Pharmakovigilanzzentrum Embryonaltoxikologie leitet, ist diese allgemeine Schlussfolgerung jedoch „unverantwortlich“. „Es wird damit unterstellt, dass in der Studie ein kausaler Zusammenhang bewiesen wurde, was nicht der Fall ist“, sagt er im Gespräch mit Medscape und betont: „An den Empfehlungen für Schwangere wird diese Studie nichts ändern.“

Soziale Faktoren als Ursache ausgeschlossen?

Stergiakouli und ihre Koautoren analysierten die Daten von 7.796 Müttern, die von 1991 bis 1992 zusammen mit ihren Kindern und Partnern an der Avon Longitudinal Study of Parents and Children teilgenommen hatten. Per Fragebogen wurden die Mütter nach der Einnahme von Paracetamol in der 18. und der 32. Schwangerschaftswoche sowie nach der Geburt befragt. Als die Kinder 7 Jahre alt waren, machten die Mütter zudem Angaben zu eventuellen Verhaltensauffälligkeiten ihrer Sprösslinge.

Die Auswertung der Fragebögen ergab, dass 53% der Mütter in der 18. Schwangerschaftswoche Paracetamol eingenommen hatten, in der 32. Schwangerschaftswoche waren es 43%. Postnatal gaben 89% der Frauen die Anwendung des Schmerzmittels an. 5% der Kinder wiesen der Studie zufolge im Alter von 7 Jahren Verhaltensprobleme auf.

 
An den Empfehlungen für Schwangere wird diese Studie nichts ändern. Prof. Dr. Christof Schaefer
 

Die pränatale Einnahme von Paracetamol in der 18. und 32. Schwangerschaftswoche war mit signifikant erhöhten Risiken für Störungen des Sozialverhaltens sowie für Hyperaktivitätssymptome assoziiert. Die Einnahme von Paracetamol in der 32. Schwangerschaftswoche war außerdem mit einem höheren Risiko für emotionale Symptome und Schwierigkeiten insgesamt bei den Kindern assoziiert.

Stergiakouli und ihr Team gehen davon aus, dass die Verhaltensprobleme der Kinder auf einen intrauterinen Mechanismus in der Schwangerschaft zurückgehen – und nicht etwa auf soziale Faktoren. Um diese These abzusichern, erfassten sie nicht nur die Paracetamoleinnahme der Mutter, sondern auch die des Partners, meist des Vaters des Kindes. Weder die postnatale Paracetamol-Einnahme der Mutter, noch die Anwendung von Paracetamol durch den Vater war mit Verhaltensproblemen bei den Kindern assoziiert.

Möglicherweise nur ein Zufallsbefund?

Schaefer hegt dagegen Zweifel an einer möglichen Kausalität, hält den statistischen Zusammenhang sogar eher für einen Zufallsbefund: „Einige Ergebnisse sind zwar statistisch signifikant, doch die Untergrenzen der Konfidenzintervalle liegen teilweise nur knapp über 1,0. Und bei weiterer Adjustierung auf Einflussfaktoren wie Alter der Mutter, Sozialstatus, Alkoholkonsum und Rauchen schwächt dies den statistisch Zusammenhang, teilweise verschwindet die Signifikanz vollständig. Diese Ergebnisse finden sich aber erstaunlicherweise nicht im Hauptaufsatz sondern nur in den Hintergrundmaterialien im Internet.“

 
Stärkere Schmerzen in der Schwangerschaft und insbesondere unbehandeltes hohes Fieber können für das ungeborene Kind riskant sein. Behandelt man dann nicht, ist das der größere Fehler. Prof. Dr. Christof Schaefer
 

„Ein methodischer Mangel der Studie ist außerdem, dass die Studienautoren keine Informationen darüber hatten, wie oft und wieviel Paracetamol die Frauen eingenommen haben – einmalig 500 mg oder wochenlang die Höchstdosis. Stünden diese Informationen zur Verfügung, ließe sich möglicherweise eine Dosis-Wirkungs-Beziehung beobachten, diese könnte dann ein Indiz für Kausalität sein.“

Verzicht auf Paracetamol kann riskant sein

Während Stergiakouli und ihre Koautoren in ihren Ergebnissen wichtige Implikationen für die Empfehlungen sehen, die man Schwangeren gibt, warnt Schaefer davor, aufgrund dieser Studie auf die Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft zu verzichten. Zwar könne man bis zur 28. Schwangerschaftswoche Ibuprofen als Alternative empfehlen. Im letzten Drittel der Schwangerschaft könnten Ibuprofen und verwandte Mittel aber den fetalen Kreislauf stören.

„Es ist bekannt, dass Paracetamol bei Überdosierung die Leber schädigen kann. Es ist kein harmloses Medikament und sollte, insbesondere von Schwangeren, nicht unkritisch eingenommen werden“, räumt er ein. Doch: „Stärkere Schmerzen in der Schwangerschaft und insbesondere unbehandeltes hohes Fieber können für das ungeborene Kind riskant sein. Behandelt man dann nicht, ist das der größere Fehler. Und im letzten Drittel der Schwangerschaft hat man keine Alternative zum Paracetamol – es sei denn, man will bei jedem Schmerz Opioide einsetzen.“

 

REFERENZEN:

  1. Stergiakouli E, et al: JAMA Pediatrics (online) 15. August 2016

 

Kommentar

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