Neues Formular zur Patienten-Motivation: Ärzte können künftig Präventionskurse empfehlen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

16. August 2016

Sportkurse, Ernährungsberatung, Rauchentwöhnung oder Entspannungstechniken: Ab Januar 2017 können niedergelassene Ärzte Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Präventionsleistungen auf einem Formular empfehlen. Dies ist das Ergebnis eines Beschlusses des Gemeinsamen Bundesausschusses G-BA vom 21. Juli zur Ausgestaltung des Präventionsgesetzes [1]. Ziel dabei ist, individuelle verhaltensbezogene Risikofaktoren zu senken, die für das Entstehen von Erkrankungen verantwortlich sein können, teilt der G-BA mit.

Schriftliche ärztliche Empfehlung als Motivationsschub

Viele Kassen tragen die Kosten von zertifizierten Präventionskursen zu Bewegung, Ernährung, Stressmanagement und Suchtmittelkonsum. Bislang mussten das Mitglieder selbst beantragen, etwa mit einer formlosen ärztlichen Empfehlung. Versicherte können auch weiterhin Präventionsleistungen ohne ärztliche Empfehlung beantragen, stellt Dr. Harald Deisler, unparteiisches Mitglied im G-BA klar. Aber: „Ärzte haben mit dem Ausstellen von Präventionsempfehlungen zukünftig eine weitere Möglichkeit, Versicherte zu motivieren, an gesundheitsbezogenen Kursen teilzunehmen“, so Deisler.

„Selbstverständlich haben Hausärztinnen und Hausärzte ihren Patienten auch in der Vergangenheit schon Empfehlungen für Präventionsmaßnahmen gegeben. Durch die neuen Regelungen wird das jetzt noch einmal konkretisiert, wobei es am Ende an den Krankenkassen liegt, ob die Kosten dann auch übernommen werden. An diesem Punkt sind also die Kassen in der Verantwortung“, sagt dazu Vincent Jörres, Sprecher des Hausärzteverbandes.

 
Ärzte haben mit dem Ausstellen von Präventions-empfehlungen zukünftig eine weitere Möglichkeit, Versicherte zu motivieren, an gesundheits-bezogenen Kursen teilzunehmen. Dr. Harald Deisler
 

Die Deutsche Hochdruckliga e.V. DHL® begrüßt in einer Pressemitteilung den G-BA-Beschluss ausdrücklich. „Ziel des Beschlusses ist es, im Rahmen der Gesundheitsuntersuchung jene Menschen zu erreichen, bei denen der Präventionsbedarf und das gesundheitsfördernde Potenzial verhaltensbezogener Kurse besonders groß ist“, sagt Prof. Dr. Hans-Georg Predel, Sprecher der Sektion für Prävention und nicht-medikamentöse Hochdrucktherapie der Hochdruckliga aus Köln. Dazu gehören etwa Menschen in beruflich und familiär belastenden Lebenssituationen, mit sprachlich, sozial oder kulturell bedingten Barrieren im Hinblick auf die Inanspruchnahme von präventiven Leistungen sowie chronisch kranke Menschen, bei denen das Auftreten weiterer Erkrankungen oder zusätzlicher gesundheitlicher Belastungen vermieden werden soll.

Mehr Sport, weniger Gewicht, weniger Alkohol, weniger Salz und möglichst gar keine Zigaretten – das reduziere die im Präventionsgesetz benannten Risikofaktoren und damit auch das Auftreten von Bluthochdruck. „Die Präventionsleistungen auf ärztliche Empfehlung mittels Formular verleihen einer ärztlichen Beratung sicherlich zusätzliches Gewicht“, meint Predel. Zielgruppe dieser Empfehlungen sollten aus Sicht der Deutschen Hochdruckliga Menschen mit erhöhtem Risiko für eine Hochdruckerkrankung durch Übergewicht, Bewegungsmangel oder Suchtmittelkonsum sowie auch Patienten mit leichter oder mittelschwerer Hypertonie sein.

Unter „Sonstiges“ kann empfohlen werden, was die Kassen nicht fördern

 
Die Präventionsleistungen auf ärztliche Empfehlung mittels Formular verleihen einer ärztlichen Beratung sicherlich zusätzliches Gewicht. Prof. Dr. Hans-Georg Predel
 

Die gesetzlichen Kassen bezuschussen oder bieten selbst ein umfangreiches
Angebot an Leistungen zur individuellen Verhaltensprävention an. Nach § 20 Abs. 5 SGB V sollen Krankenkassen bei ihrer Entscheidung über die Leistungen zur verhaltensbezogenen Prävention eine ärztliche Empfehlung berücksichtigen. Dabei handeln sie nach den im Leitfaden Prävention festgelegten Kriterien. Entsprechen Maßnahmen diesen Vorgaben nicht, dürfen sie von den Kassen nicht durchgeführt oder gefördert werden.

Die in der Gesetzesbegründung genannten Bereiche Bewegung, Ernährung, Stressmanagement und Suchtmittelkonsum sind in den Kriterien des Leitfadens Prävention nicht abschließend festgelegt, deshalb ist im Empfehlungsformular das Feld „Sonstiges“ vorgesehen. Unter „Sonstiges“ können auch Maßnahmen empfohlen werden, die von der Krankenkasse aufgrund derer Vorgaben nicht gefördert werden können. Es wird daher in dem Vordruck „Präventionsempfehlung“ ein Hinweis für die Versicherten aufgenommen: „Bitte informieren Sie sich bei Ihrer Krankenkasse über die geprüften und anerkannten Präventionsangebote und die Fördervoraussetzungen.“

 
Prävention, nicht Krankheit, muss sich in unserem Gesundheitssystem rechnen. Prof. Dr. Martin Hausberg
 

Bescheinigung sollte durch eine Verordnung ersetzt werden

„Der Beschluss ist ein Schritt in die richtige Richtung“, betont auch der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Hochdruckliga, Prof. Dr. Martin Hausberg aus Karlsruhe. „Wir würden uns für die weitere Ausgestaltung des Präventionsgesetztes zur Gesundheitsuntersuchung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen wünschen, dass die ärztliche Bescheinigung durch eine ärztliche Verordnung ersetzt würde.“ Aus dieser entstünde ein Leistungsanspruch – für den Patienten und den Arzt: „Prävention, nicht Krankheit, muss sich in unserem Gesundheitssystem rechnen“, fordert Hausberg. Dafür müsse vom G-BA auch ein Standard für das ärztliche Präventionsgespräch unter Patientenbeteiligung erarbeitet werden.

 
Der Hausarzt ist derjenige, der seine Patienten und ihr familiäres und soziales Umfeld am besten kennt. Er sollte daher eine zentrale Rolle einnehmen. Vincent Jörres
 

„Aus unserer Sicht ist bei der Frage der Prävention entscheidend, dass die einzelnen Maßnahmen koordiniert ablaufen. Hierbei spielen natürlich die individuellen Lebensumstände der Patienten eine entscheidende Rolle. Der Hausarzt ist derjenige, der seine Patienten und ihr familiäres und soziales Umfeld am besten kennt. Er sollte daher eine zentrale Rolle einnehmen. Diese Leistungen müssen dann natürlich auch entsprechend vergütet werden“, sagt Jörres.

Zur Anregung aus der Empfehlung eine Verschreibung zu machen, teilt Kristine Reis, Pressesprecherin des G-BA, mit: „Ob es zu weitergehenden Regelungen durch den G-BA kommen wird, hängt vom gesetzlichen Auftrag ab.“

 

REFERENZEN:

  1. Gemeinsamer Bundesausschuss: Pressemitteilung, 21. Juli 2016

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....