„Watch and Wait“ beim Nierenzellkarzinom kann Patienten über Monate bis Jahre eine aggressive Therapie ersparen

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

15. August 2016

Bei einem Teil der Patienten mit fortgeschrittenem Nierenkarzinom kann bei sorgfältiger Überwachung zunächst auf eine aggressive Therapie verzichtet werden. Dieses Ergebnis einer kleinen Phase-2-Studie mit 52 sorgfältig ausgewählten Patienten mit begrenzter Metastasierung und maximal einem einzigen ungünstigen prognostischen Faktor hat eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Brian Rini, Cleveland Clinic Taussig Cancer Institute, Cleveland, USA, in Lancet Oncology publiziert [1].

„Es gibt die Vorstellung, dass alle Krebserkrankungen sofort behandelt werden sollten, weil sie alle ähnlich letal sind. Wir haben jedoch in dieser kleinen Phase-2-Studie gesehen, dass bei einer Untergruppe von Patienten mit fortgeschrittenem Nierenkarzinom die Erkrankung langsam fortschreitet, so dass sie mit aktiver Überwachung sicher kontrolliert werden kann. Dies kann dem Patienten für etwa ein Jahr – in einigen Fällen sogar für mehrere Jahre – die Unannehmlichkeiten und schwächenden Nebenwirkungen einer aggressiven Therapie ersparen, ohne dass sich Depression und Angst verschlechtern“, so Rini in einer Pressemitteilung.

Und Dr. Paul Russo vom Memorial Sloan Cancer Center, Weill Cornell College of Medicine, New York, USA, ergänzt in einem begleitenden Kommentar, dass „es keinen Hinweis in dieser Studie gibt, dass ein solche Phase der engen Beobachtung sich auf das Überleben des Patienten schädlich auswirkt“ [2]. Die Ergebnisse müssen allerdings in größeren Untersuchungen bestätigt werden.

 
Es gibt die Vorstellung, dass alle Krebserkrankungen sofort behandelt werden sollten, weil sie alle ähnlich letal sind … Prof. Dr. Brian Rini
 

Langsam wachsende Metastasen als Voraussetzung

Bei einer Subgruppe von Patienten mit einem metastasierten Nierenzellkarzinom wachsen Metastasen nur langsam. Einige Patienten, die nur wenige solcher Metastasen gebildet haben, konnten bislang schon erfolgreich mit einer chirurgischen Entfernung der Metastasen behandelt werden. Weil kaum prospektive Daten zu einer Watch-and-Wait-Strategie in der initialen Therapie solcher Patienten vorlagen, gingen Rini und Kollegen in einer kleinen prospektiven Phase-2-Studie der Frage nach, ob durch eine sorgfältige regelmäßige Überwachung die Zeit bis zur systemischen Therapie hinausgezögert werden kann.

In die Studie wurden zwischen August 2008 und Juni 2013 insgesamt 52 Patienten in 5 Kliniken in den USA, Spanien und Großbritannien aufgenommen, die operiert und/oder bestrahlt sein durften, jedoch keine systemische Therapie erhalten hatten. Die Entscheidung zur Aufnahme in die Studie fällten Arzt und Patient gemeinsam.

Alle Patienten wurden im ersten Jahr alle 3 Monate, im zweiten Jahr alle 4 Monate und dann alle 6 Monate computertomographisch untersucht. Gleichzeitig wurden der ECOG-Status erhoben und die Blutparameter untersucht. Zudem wurden Daten zur Lebensqualität, Angst und Depression erfasst. Die Patienten wurden solange intensiv überwacht, bis sich Arzt und Patient zu einer systemischen Therapie entschlossen.

Wenig Risikofaktoren und wenig metastasierte Organe bieten höhere Erfolgschance

 
Es gibt keinen Hinweis in dieser Studie, dass ein solche Phase der engen Beobachtung sich auf das Überleben des Patienten schädlich auswirkt. Dr. Paul Russo
 

Bei den 48 ausgewerteten Patienten dauerte die Überwachungsperiode bis zum Beginn der systemischen Therapie durchschnittlich 14,9 Monate. Multivariate Analysen ergaben, dass eine höhere Zahl von metastasierten Organen und von Risikofaktoren, definiert nach dem International Metastatic Database Consortium (IMDC), mit einer kürzeren Beobachtungsphase assoziiert waren.

Auf der Basis der multivariaten Analysen identifizierten Rini und seine Kollegen eine Gruppe mit günstiger Prognose, die durch keinen oder höchsten einen IMDC-Faktor und höchstens 2 mit Metastasen befallene Organe charakterisiert war. In der Studie waren 29 Patienten (60%) dieser Gruppe zuzuordnen. Sie hatten eine geschätzte mittlere Überwachungszeit von 22,2 Monaten, während sie bei den 19 Patienten mit ungünstiger Prognose bei 8,4 Monaten lag.

Ein ZNS-Befall erwies sich als Risiko, daher sollte das ZNS routinemäßig im Rahmen einer solchen Watch-and-Wait-Strategie untersucht werden. Wichtig aus Sicht der Autoren ist ferner, dass Lebensqualität, Angst und Depression sich bei dieser Strategie nicht verschlechterten.

 
Diese Publikation liefert internistischen und chirurgischen Onkologen einen Leitfaden, welchen Patienten … eine Phase enger Überwachung angeboten werden kann … Prof. Dr. Brian Rini
 

Nach Ansicht von Russo ist es wichtig, dass der betreuende Onkologe zwischen der Angst des Patienten vor der tödlichen Erkrankung und dem Wunsch nach einer aktiven Intervention einerseits und der Verzögerung therapiebedingter Toxizitäten und Unannehmlichkeiten andererseits abwägt.

In der Studie von Rini sei deshalb die intensive Arzt-Patienten-Beziehung Grundlage für den Einschluss in die Studie und die Beendigung der Watch-and-Wait-Strategie gewesen. „Diese Publikation liefert internistischen und chirurgischen Onkologen einen Leitfaden, welchen Patienten, die sich mit neu diagnostiziertem metastasiertem Nierenzellkarzinom mit begrenzter Metastasierung und in gutem körperlichen Zustand vorstellen, eine Phase enger Überwachung angeboten werden kann, die das Potenzial für ein längeres Überleben vor Progression und Beginn einer systemischen Therapie in sich birgt“, so der chirurgische Onkologe aus New York.

 

REFERENZEN:

  1. Rini BI, et al: Lancet Oncology (online) 3. August 2016  

  2. Russo P: Lancet Oncology (online) 3. August 2016

 

Kommentar

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