Gefährlich auch bei normalem Blutdruck: Ist Salzsensitivität ein kardiovaskulärer Risikofaktor per se?

Michael Simm

Interessenkonflikte

12. August 2016

Eine verstärkte Körperreaktion auf Kochsalz könnte das kardiovaskuläre Risiko ebenso erhöhen wie ein hoher Blutdruck, warnt die American Heart Association (AHA) in einer umfangreichen Stellungnahme [1]. Das Dokument mit insgesamt 453 Literaturverweisen wurde von einem 10-köpfigen Komitee erstellt und ist in der Fachzeitschrift Hypertension erschienen.

„Wichtig ist: Die Salzsensitivität beeinflusst nicht nur den Blutdruck, sondern sie ist ein Marker für das kardiovaskuläre Risiko“, sagt Prof. Dr. Cheryl Laffer, die das Komitee geleitet hat und Direktorin für Bluthochdruck an der Vanderbilt University School of Medicine in Nashville ist. „Menschen, die salzsensitiv sind, haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko, auch wenn ihr Blutdruck nicht erhöht ist“, fügt Laffer hinzu.

Eher kritisch wird die neue Verlautbarung von Prof. Dr. Martin Middeke beurteilt: „Zwar ist das eine grandiose Fleißarbeit, aber ich bin sehr überrascht, dass man hier die Salzsensitivität als neuen Risikofaktor deklariert“, sagt der Leiter des Hypertoniezentrums München gegenüber Medscape. „So etwas sollte man nur machen, wenn man sowohl testen als auch eingreifen kann“, ergänzt Middeke in seiner Funktion als Mitglied der Sektion für Sport und nichtmedikamentöse Hochdrucktherapie und Prävention der Deutschen Hochdruckliga.

 
Menschen, die salzsensitiv sind, haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko, auch wenn ihr Blutdruck nicht erhöht ist. Prof. Dr. Cheryl Laffer
 

Jeder Vierte salzsensitiv?

In den USA soll einer Studie aus dem Jahr 1996 zufolge jede 4. Person trotz normalem Blutdruck salzsensitiv sein, unter Afro-Amerikanern liegt dieser Anteil sogar nahe 75%. Salzsensitivität wird dabei definiert als eine Blutdruckzunahme nach Salzkonsum, die größer ist als bei salzresistenten Personen. Dies zu testen, ist aber nur mit großem Aufwand unter Laborbedingungen möglich, außerdem gibt es keinen Konsens über die beste Prüfmethode und es gibt auch keine standardisierten Schwellenwerte.

Für die AHA-Stellungnahme war Salzsensitivität definiert als ein anhaltender Abfall des systolischen Blutdruckwertes um mindestens 10 mmHg in einem Test, bei dem die Natrium-Zufuhr erst erhöht und dann stark begrenzt wird. Die damit verbundenen bis zu 24-stündigen Messungen erfordern einen 3-tägigen Klinikaufenthalt. Alternativ verfolgen manche Forscher auch die mit einer wechselnden Ernährung verbundenen Blutdruckschwankungen über mehrere Wochen hinweg.

 
Ich bin sehr überrascht, dass man hier die Salzsensitivität als neuen Risikofaktor deklariert. Prof. Dr. Martin Middeke
 

Neue Erkenntnisse zur Physiologie des Salzhaushalts

Wie Middeke erläutert, sind die Regulationsmechanismen des Salzhaushaltes bisher nur unzulänglich geklärt. So haben deutsche Forscher erst kürzlich herausgefunden, dass Salz auch in den Muskeln und in der Haut gespeichert wird. „Völlig überraschend kam auch die Entdeckung, dass die Salzausscheidung offenbar einem 7-Tage-Rhythmus unterliegt, sodass eine einmalige Messung irreführend sein kann“, so Middeke.

Immerhin weiß man, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen auf Salz mit größeren Blutdruckerhöhung reagieren. Dazu gehören neben Hypertonikern auch Diabetiker, Übergewichtige und Ältere. „Salzsensitivität per se ist meines Erachtens keine Erkrankung, sondern eine Regulationsstörung, die im Laufe unserer frühen Evolution eher ein Vorteil war“, sagt Middeke.

Die vielen Unbekannten werden auch in dem AHA-Dokument angesprochen. Beispielsweise hat man bei Ratten schon zahlreiche genetische Merkmale gefunden, die mit der Salzsensitivität korrelieren. Beim Menschen sucht man solche Marker aber bislang vergebens. Einen einfachen Labortest für dieses Merkmal zu entwickeln, wäre „unser Traum“, so Laffer. Ihr Co-Autor Prof. Dr. Fernando Elijovich, ebenfalls von der Vanderbilt University fügte hinzu: „Vielleicht werden wir in weniger als zehn Jahren einen vernünftigen Test haben, den wir in der Klinik nutzen können.“

Reduktion der Salzaufnahme bleibt Empfehlung für alle

 
Auch wenn die Zusammenhänge kontrovers diskutiert werden, gilt hoher Salzkonsum meines Erachtens zu Recht als Risikofaktor. Prof. Dr. Martin Middeke
 

Selbst wenn man wüsste, dass ein Patient mit hohem Blutdruck salzsensitiv ist, würde das die Therapie und die Ernährungsratschläge nicht beeinflussen, meint Middeke: „Auch wenn die Zusammenhänge kontrovers diskutiert werden, gilt hoher Salzkonsum meines Erachtens zu Recht als Risikofaktor.“ Umstritten ist aber auch, wie viel Salz zu viel ist.

Während die Deutsche Gesellschaft für Ernährung eine Höchstmenge von täglich 6 g Kochsalz empfiehlt, rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einer Obergrenze von 5 g. Die AHA wiederum rät US-Amerikanern zu maximal 1,5 g Natrium täglich, was umgerechnet 3,8 g Kochsalz entspricht. Letzteres hält Middeke für übertrieben, rät seinen Patienten aber weiterhin zur Reduktion der Salzaufnahme. „Angesichts eines durchschnittlichen Konsums von 10,0 g bei Männern und 8,4 g bei Frauen in Deutschland sollte man auf jeden Fall eine Reduktion der Kochsalzaufnahme empfehlen.“

 

REFERENZEN:

  1. Elijovich F, et al: Hypertension (online) 21. Juli 2016

 

Kommentar

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