Zehn Haupt-Risikofaktoren gilt es zu vermeiden, dann könnten die meisten Schlaganfälle verhindert werden

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

10. August 2016

10 beeinflussbare Risikofaktoren sind für 90 Prozent aller Schlaganfälle weltweit verantwortlich. Damit ist der größte Teil der Schlaganfälle eigentlich vermeidbar. Das hatte zwar bereits die erste Phase der INTERSTROKE-Fall-Kontroll-Studie mit 6.000 Teilnehmern aus 22 Ländern gezeigt. Jetzt wurden im Lancet jedoch die Ergebnisse der zweiten und weitaus aussagekräftigeren Phase dieser Studie mit nun fast 27.000 Teilnehmern aus 32 Ländern rund um den Globus veröffentlicht [1].

Prof. Dr. Joachim Röther

„Die sehr viel breitere Datenbasis dieser anspruchsvollen Untersuchung erlaubt nun differenzierte Aussagen zur Bedeutung der einzelnen Risikofaktoren in unterschiedlichen geografischen Regionen, für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sowie je nach Art des Schlaganfalls“, sagt dazu Prof. Dr. Joachim Röther, Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Asklepios Klinik Hamburg-Altona und Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft im Gespräch mit Medscape.

Studien-Endpunkt: Populationsattributables Risiko

Im Zeitraum 2007 bis 2015 verglichen die Untersucher die Daten von knapp 13.500 Patienten mit erstmaligem akutem Schlaganfall mit der gleichen Anzahl von Kontrollen ohne Schlaganfall-Anamnese. Differenzierungen erfolgten nach 7 geografischen bzw. sozioökonomischen Gruppen für die Regionen Westeuropa/Nordamerika/Australien, Ost-und Zentraleuropa/Naher Osten, Südamerika, China, Südasien, Südostasien sowie Afrika.

Endpunkte waren die Odds Ratio (OR) und das sogenannte populations-attributable Risiko (PAR): „Mit diesem lässt sich quantifizieren, wie hoch prozentual gesehen in der jeweiligen Bevölkerung der Beitrag eines bestimmten Risikofaktors am Gesamtrisiko – in diesem Fall für einen Schlaganfall – ist“, erläutert Röther. Dabei kann die Summe aller PAR höher als 100% sein, da sich einige Risikofaktoren gegenseitig beeinflussen.

Am gefährlichsten ist die Hypertonie

Das bedeutendste Risiko bei der weltweiten Gesamtbetrachtung aller Schlaganfälle (ischämisch und hämorrhagisch bedingte) ist – nicht ganz unerwartet – der Hypertonus (140/90 mmHg oder höher) mit einem PAR von 47,9%.

Es folgen (mangelnde) körperliche Bewegung mit 35,8%, Fette (Quotient aus Apolipoprotein B zu A1) mit 26,8%, Ernährungsfehler mit 23,2% und abdominale Adipositas (Taille-Hüft-Verhältnis) mit 18,6%.
Die weiteren mit einem Schlaganfall assoziierten Risiken waren psychosoziale Faktoren (17,4%), aktuelles Rauchen (12,4%), Herzerkrankungen (9,1%), übermäßiger Alkoholkonsum (5,8%) und Diabetes mellitus (3,9%).

Interessant bei dieser Studie ist vor allem die Aufschlüsselung der Risikofaktoren, die zum Beispiel zeigt, dass das Rauchen einer Schachtel Zigaretten pro Tag die Gefahr eines … Schlaganfalls mehr als vervierfacht. Prof. Dr. Joachim Röther

„Interessant bei dieser Studie ist vor allem die Aufschlüsselung der Risikofaktoren, die zum Beispiel zeigt, dass das Rauchen einer Schachtel Zigaretten pro Tag die Gefahr eines ischämischen Schlaganfalls mehr als vervierfacht“, so Röther. „Solche Daten helfen gerade auch Hausärzten, ihren Patienten zu vermitteln: ‚Es gibt gewisse Dinge, die haben Sie als Patient selbst in der Hand, um Ihr Schlaganfallrisiko zu senken – etwa indem Sie an einem Raucherentwöhnungskurs teilnehmen.‘“

Rückschlüsse auf die Therapie-Effizienz

Wie bedeutend ein bestimmter Risikofaktor ist, variiert teilweise erheblich, wenn verschiedene geografische bzw. sozioökonomische Regionen miteinander verglichen werden. So beträgt das populationsattributierte Risiko der Hypertonie für die Gesamtheit aller Schlaganfälle der INTERSTROKE-Analyse zufolge in Südostasien knapp 60%, in Westeuropa, Nordamerika und Australien bei etwa vergleichbarer Hypertonie-Prävalenz hingegen nur etwa 39%. „Aus solchen Unterschieden lässt sich unter anderem darauf schließen, wie gut ein erhöhter Blutdruck im Bevölkerungsdurchschnitt eingestellt ist“, erklärt Neurologe Röther.

Abdominale Adipositas hingegen spielt in Westeuropa, Nordamerika und Australien mit einem PAR von 32,1% beim Schlaganfall eine erheblich größere Rolle als etwa in China, wo der PAR-Wert für das Taille-Hüft-Verhältnis bei lediglich 7,8% lag. Markante regionale Unterschiede gab es auch im Hinblick auf das Alter, in dem ein Schlaganfall auftritt: So wurde der Anteil der sogenannten juvenilen Schlaganfall-Patienten (jünger als 45 Jahre) für Westeuropa, Nordamerika und Australien mit 7,4% errechnet, während er in Afrika mit 21% fast 3-mal so hoch war.

Die meisten Risikofaktoren betreffen ischämische und hämorrhagische Insulte

In den westlichen Industrieländern waren mehr als 9 von 10 Schlaganfällen (93,3%) ischämisch bedingt, in Südostasien jedoch nur 2 von 3 – in jedem dritten Fall (33,3%) war damit dort eine intrazerebrale Blutung Ursache des Schlaganfalls. Röther zufolge dürften sich auch diese Unterschiede in erster Linie mit der Effizienz der antihypertensiven Behandlung erklären lassen. 7 Risikofaktoren spielten sowohl beim ischämischen wie beim hämorrhagischen Schlaganfall eine Rolle, wobei der Hypertonus besonders kritisch für die zerebrale Blutung war. Rauchen, Diabetes mellitus und erhöhte Blutfette waren hingegen nur für die ischämischen Insulte relevant.

Betrachtet man die Einflüsse des Geschlechts, so spielten Rauchen und Alkohol als Risikofaktoren bei Männern eine größere Rolle als bei Frauen, während die abdominale Adipositas und Herzkrankheiten bei den Frauen mehr als bei den Männern ins Gewicht fielen.

Patienten bewusst machen, was sie selbst tun können

„Natürlich ist es illusorisch zu denken, dass eine effektive Behandlung oder Vermeidung dieser für 90 Prozent aller Schlaganfälle verantwortlichen Risikofaktoren auch 90 Prozent der Schlaganfälle verhindern könnte“, schränkt Röther ein. „Dennoch lässt sich das Schlaganfall-Risiko ganz erheblich reduzieren, wenn sich konsequente Therapie und Bewusstsein des Patienten für bei ihm vorhandene Erkrankungen sowie für einen adäquaten Lebensstil ergänzen.“ So gebe es Untersuchungen, die für den Fall einer optimalen Beeinflussung aller Risikofaktoren eine mögliche Senkung des Schlaganfall-Risikos von bis zu 70% errechnet hätten.

Die Ergebnisse der aktuellen INTERSTROKE-Fall-Kontroll-Studie können nach Ansicht der Studienautoren für globale wie auch regionalspezifische Präventionsprogramme gegen den Schlaganfall genutzt werden. „Wichtig ist aber ebenso“, betont Neurologe Röther, „dass Ärzte und insbesondere Hausärzte nicht nachlassen, ihren Patienten immer und immer wieder bewusst zu machen, wie viel sie selbst dazu beitragen können – und müssen – einen Schlaganfall zu vermeiden.“

REFERENZEN:

1. O´Donnell MJ, et al. The Lancet (online) 15. Juli 2016

Kommentar

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