Jeder fünfte Klinikarzt kurz vorm Burnout? Bayerische Umfrage: Wer keine leitende Position hat, ist eher gefährdet

Petra Plaum

Interessenkonflikte

9. August 2016

Droht jedem 5. in einer Klinik tätigen Arzt ein Burnout? Zumindest legt dies eine Studie nahe, die im Bundesland Bayern im Jahr 2013 erfolgte und deren Kernergebnisse Dr. Carla Albrecht von der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München gerade in Psychotherapie im Dialog und in Buchform publiziert hat [1;2]. „In Krankenhäusern sind tatsächlich jene Fachärzte, die in keiner leitenden Position sind, am stärksten gefährdet“, sagt sie im Gespräch mit Medscape und weiter: „Unabhängig von der Hierarchieebene gibt es Personen, die aufgrund ihrer Charakteristika ein höheres Risiko aufweisen – hier könnten Präventionsprogramme ansetzen.“

Dr. Carla Albrecht

Um herauszufinden, ob die Rate an gefährdeten Ärzten aktuell steigt oder sinkt, lädt Albrecht in Kooperation mit dem Marburger Bund Landesverband Bayern zurzeit zur Folgebefragung ein – mit großem Erfolg: „Seit dem 1. August ist der neue Fragebogen online, in den ersten drei Tagen haben ihn 700 Ärzte ausgefüllt“, berichtet die Diplom-Psychologin.

Je höher auf der Karriereleiter, desto weniger gefährdet

Die Vorgänger-Befragung im Rahmen von Albrechts Dissertation, deren Ergebnisse nun publiziert worden sind, lief von Juli bis September 2013. 1.045 Klinikärzte aus verschiedenen Fachrichtungen – davon 477 Männer und 568 Frauen – nahmen online teil. Das Durchschnittsalter der Männer lag bei 42, das der Frauen bei 37 Jahren; 64,8% der Teilnehmer arbeiteten in allgemeinen Krankenhäusern, 15,9% in Universitäts- und 10,8% in Spezialkliniken.

Das wichtigste Ergebnis: „21,5 Prozent der Teilnehmer gaben an, momentan unter klinisch relevanten depressiven Symptomen zu leiden. Dies entspricht in etwa der 12-Monats-Querschnittsprävalenz in der deutschen Bevölkerung“, so Albrecht.

Als besonders belastend empfanden die Teilnehmer mangelnde soziale Unterstützung bei der Arbeit, Gratifikationskrisen – ein Ungleichgewicht zwischen erlebten Belastungen und dafür erhaltenen Belohnungen – sowie illegitime Aufgaben. Als illegitime Aufgaben im Sinne der Umfrage galten solche, die einen Arzt entweder unter- oder überfordern oder aber als komplett unnötig angesehen werden.

3 von 4 befragten Ärzten fühlen sich vom direkten Vorgesetzten unzureichend unterstützt und haben das Gefühl, sich bei Schwierigkeiten nicht auf ihn verlassen zu können. Ähnliche Gefühle in Bezug auf Kollegen hat jeder Zweite. 79% der Studienteilnehmer betonen, gelegentlich bis sehr häufig unnötige Aufgaben übernehmen zu müssen. „Eine Gratifikationskrise betraf in unserer Studie fast 40 Prozent der Fachärzte, aber nur 14 Prozent der Chefärzte“, ergänzt Albrecht.

 
In Deutschland hängt die Zufriedenheit offenbar mit der Position innerhalb des Krankenhauses zusammen, anders als zum Beispiel in den USA. Dr. Carla Albrecht
 

Da verwundert es wenig, dass unter den befragten Fachärzten auch der Anteil der Teilnehmer mit Symptomen einer Depression erhöht war – unter den Ärzten in gehobener Position war dieser Anteil hingegen niedriger als im Durchschnitt. „In Deutschland hängt die Zufriedenheit offenbar mit der Position innerhalb des Krankenhauses zusammen, anders als zum Beispiel in den USA“, resümiert Albrecht.   

Wie Klinikleitungen Abhilfe schaffen können

Wie aber Burnout und Depression verhindern? An der Stellschraube soziale Unterstützung, betont Albrecht, könnten Klinikleitungen relativ unaufwändig drehen: „Möglich sind etwa sogenannte Qualitäts- oder Gesundheitszirkel, bei denen sich Mitarbeiter aus verschiedenen Hierarchieebenen und Berufsgruppen regelmäßig, etwa einmal im Monat, austauschen“, nennt sie ein Beispiel. „Da können Diagnosen ebenso besprochen werden wie Belastungsfaktoren und Maßnahmen, die helfen sollen.“

Auch Supervisionen und gezielte Stresspräventionsprogramme bewegten etwas, betont Albrecht. „Bei den Stresspräventionsprogrammen weiß man allerdings inzwischen, dass universelle Angebote nicht so gut wirken wie Programme, die sich speziell an jene Mitarbeiter mit einem hohen Risiko für Burnout und Depressionen richten“, gibt die Diplom-Psychologin zu bedenken.

Vorgesetzte können die soziale Unterstützung im Team fördern, wenn sie signalisieren, dass sie Kollegen mit Burnout- oder Depressionssymptomen keinesfalls stigmatisieren, sondern dass sie sie entlasten. Albrecht empfiehlt auch niederschwellige Kursangebote zur Steigerung des Erholungserlebens für alle Mitarbeiter. In ihrem Rahmen kann sich zeigen, welche Teilnehmer Stress schlechter bewältigen und sich belasteter fühlen als andere und somit von weiteren, intensiveren Präventionsprogrammen am ehesten profitieren.

 
In Krankenhäusern sind tatsächlich jene Fachärzte, die in keiner leitenden Position sind, am stärksten gefährdet. Dr. Carla Albrecht
 

Ein grundsätzlicher Inhalt solcher Kurse sind Stressbewältigungsstrategien. „Wir unterscheiden zwischen zwei Strategien zur Stressbewältigung“, erklärt Albrecht. „Erstens gibt es den Versuch der Reaktionskontrolle. Hierbei wahren Betroffene den Schein, niemand darf ihre Belastungen bemerken. Zweitens gibt es den Versuch der Situationskontrolle. Der Betroffene fragt sich: Wie bin ich hier hineingeraten und was kann ich tun, um die Situation zu ändern? Die zweite Strategie hat sich als sinnvoller und gesundheitsfördernd erwiesen.“

Was stressgeplagte Ärzte selbst tun können

Wie aber ändern Klinikärzte, die Anzeichen von Burnout und Depressionen spüren, ihre Situation selbst? Die Klinik oder den Fachbereich wechseln, auf eine Stelle als niedergelassener Arzt hinarbeiten – und sei es in einer Praxisgemeinschaft – oder die Reduktion der Arbeitsstunden sind für manche eine Lösung. Die meisten fühlen sich jedoch schon durch kleine, aber regelmäßige Veränderungen im Alltag stabiler, weiß Albrecht.

„Viele Ärzte profitieren von einem bewussten Erholungserleben“, nennt Albrecht ein Beispiel. „Dafür setzt man nach Feierabend am besten auf solche Tätigkeiten, die nichts mit dem Beruf zu tun haben.“ Je nach Neigung kann zum Beispiel eine Tasse Tee eine Zäsur setzen, ein Spaziergang, Sport oder ein gutes Buch.

Wichtig ist, dass die Freizeitaktivität sich vom Berufsleben deutlich unterscheidet. Als Lektüre wählt ein Arzt also besser kein medizinisches Fachbuch, der Freundeskreis spricht idealerweise nicht nur über Krankheiten, und das berufliche E-Mail-Postfach auf dem Smartphone bleibt während der Freizeit unbeachtet.

 

REFERENZEN:

1. Albrecht C, Giernalczyk T: Psychother im Dial 2016;17(2):36-39
2. Albrecht C: Belastungserleben bei Lehrkräften und Ärzten. Neue Ansätze für berufsgruppenspezifische Prävention. Verlag Julius Klinkhardt 2016

 

Kommentar

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