Blutfett-Studie deckt überraschende Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf – und mögliche negative Effekte der Pille

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

5. August 2016

Prof. Dr. Jürgen Gräßler

„Männer sind anders. Frauen auch“ – was dem US-Bestseller-Autor John Gray zufolge für Paarbeziehungen gilt, lässt sich wohl auch auf die Beurteilung von Blutfetten übertragen. Denn diese unterscheiden sich zwischen den Geschlechtern wesentlich stärker als bislang angenommen, wie Dresdner Wissenschaftler nun herausgefunden haben [1]. Prof. Dr. Jürgen Gräßler und seine Kollegen vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus sowie vom Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik haben 36 junge Männer und 35 junge Frauen untersucht: 112 der 281 analysierten Blutfettmoleküle zeigten hochsignifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern

„Aus früheren Studien wussten wir, dass es Unterschiede bei den Blutfettwerten gibt. Das betrifft insbesondere das HDL-Cholesterin. Man konnte davon ausgehen, dass auch andere in den HDL-Partikeln vorkommende Lipide Unterschiede aufweisen. Den Umfang der Unterschiede hatten wir aber so nicht erwartet. Die beobachteten Unterschiede gehen weit über die mit dem HDL-Cholesterin assoziierten Unterschiede hinaus“, erklärt Gräßler, Leiter des Bereiches für Pathologische Biochemie der Medizinischen Klinik 3 an der TU Dresden, gegenüber Medscape.

Laut Gräßler lassen sich mit modernen Analysemethoden wie der Massenspektrometrie mehr als 280 Fettmoleküle im Blut bestimmen. Unklar sei allerdings noch, welche dieser Moleküle die wichtigen Informationen über Krankheitsentstehung und deren Verlauf liefern. Um diese Frage beantworten zu können, sei die Definition eines „gesunden Blutfettmusters“ notwendig.

Bei ihrer Arbeit zur Definition eines solchen gesunden Blutfettmusters stießen die Wissenschaftler auf die beträchtlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Diese sind allerdings nicht nur genetisch bedingt, wie Gräßler bestätigt: „Wir denken, dass die Unterschiede aus dem Wechselspiel von Genetik, hormoneller Konstitution und Ernährung – und eventuell auch weiteren Umwelteinflüssen – resultieren“, so Gräßler.

Frühe Anzeichen für Metabolisches Syndrom bei normalen Blutfettwerten

 
Die beobachteten Unterschiede gehen weit über die mit dem HDL-Cholesterin assoziierten Unterschiede hinaus. Prof. Dr. Jürgen Gräßler
 

Bei einem Teil der Männer (20%) zeigten die Analysen, dass bei noch normalen Blutfettwerten frühe Anzeichen eines gestörten Fettstoffwechsels erkennbar waren, die in Richtung Metabolisches Syndrom gingen und die Gefahr einer späteren Gefäßschädigung in sich trugen. Von diesen Veränderungen waren die Forscher überrascht, wie Gräßler betont: „Wir sind bisher davon ausgegangen, dass vor allem die viszerale Adipositas der Trigger für eine steigende Insulinresistenz ist, die über eine nachfolgend kompensatorische Hyperinsulinämie zum Metabolischen Syndrom führt. Die sehr früh veränderte metabolische Konstitution deutet darauf hin, dass der genetische Einfluss stärker ist, als bisher vermutet, und dass mit hoher Wahrscheinlichkeit noch andere Faktoren am Anfang der Entwicklung des Metabolischen Syndroms stehen. Hier könnte etwa das Darmmikrobiom eine Rolle spielen“, so Gräßler.

 
… alle Frauen, die Hormonpräparate zur Kontrazeption nehmen, [sollten] sorgfältig und regelmäßig hinsichtlich ihrer Leberfunktion und auf Leberenzyme im Blut untersucht werden. Prof. Dr. Jürgen Gräßler
 

Dies würde bedeuten, dass die biochemische Signatur eines Metabolischen Syndroms offenbar schon lange vor der klinischen Ausprägung vorhanden ist. „Für die Erkennung einer Prädisposition zum Metabolischen Syndrom können die lipidomischen Profile sehr wohl von enormem Nutzen sein, betont Gräßler. Allerdings müssten in weiteren Untersuchungen erst noch die entscheidenden Lipidmetabolite identifiziert werden, die jemanden für ein Risikoscreening qualifizieren.

Reizung der Leberzellen: Vorsicht bei oralen Kontrazeptiva

Von den 35 untersuchten Frauen nahmen 19 orale Kontrazeptiva ein, 16 nicht. Im Vergleich der Blutfettwerte innerhalb der Frauengruppe zeigte sich ein weiterer Unterschied: Die bisher für den Stoffwechsel als harmlos angesehenen Präparate scheinen Auswirkungen auf den Fettstoffwechsel zu haben. „Es kam zu auffälligen Veränderungen, die auf eine Reizung der Leberzellen und einer damit einhergehenden allgemein erhöhten Entzündungsaktivität schließen lassen“, so Gräßler. Berichte von Frauen, die nach Einnahmebeginn von Kontrazeptiva über eine Zunahme des Körperfetts klagen, stützen diesen Befund.

„Aus unserer Sicht heißt das vor allem, dass alle Frauen, die Hormonpräparate zur Kontrazeption nehmen, sorgfältig und regelmäßig hinsichtlich ihrer Leberfunktion und auf Leberenzyme im Blut untersucht werden sollten. Cholesterin, Triacylglycerole und Entzündungswerte sollten regelmäßig kontrolliert werden, um einer potenziellen Leberschädigung vorzubeugen“, betont Gräßler. Dieser gravierende Effekt der oralen Kontrazeption auf das Blutfettmuster müsse bei künftigen Studien unbedingt Beachtung finden.

 

REFERENZEN:

1. Sales S, et al: Nature (online) 14. Juni 2016

 

Kommentar

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