„Brücken bauen, nicht einreißen“: Gehandicapter Weitspringer Markus Rehm gibt Olympia-Doppelstart auf

Christian Beneker

Interessenkonflikte

3. August 2016

Bei den Olympischen Spielen 1904 in St. Louis errang der deutschstämmige US-Amerikaner George Eyser im Turnen 3 Goldmedaillen, 2 Silbermedaillen und 1 bronzene. Eyser trug ein Holzbein. 2012, bei der Olympiade in London, schaffte es der an beiden Beinen teilamputierte Läufer Oscar Pistorius aus Südafrika, auf 2 High-Tech-Prothesen bis ins Halbfinale des 400-Meter-Rennens zu laufen.

Markus Rehm

© Sport-Pressefoto Schüler

Was vor über 100 Jahren in St. Louis/Missouri möglich war oder 2012 in London, wollte auch der Deutsche Weitspringer Markus Rehm in seiner Disziplin schaffen: Die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro/ Brasilien. Rehm trägt nach einem Unfall eine Karbon-Prothese des rechten Unterschenkels. Rehm wäre allerdings – anders als George Eyser – außerhalb der Wertung gestartet.

Rehm zieht Forderung zurück

Anfang Juli zog Rehm aber seinen Anspruch auf die Teilnahme an der Olympiade und damit den Doppelstart bei den Olympischen Spielen und den Paralympics zurück. „Brücken bauen, nicht einreißen, das ist mein heutiges Fazit einer kurzen aber konstruktiven Reise nach Monaco!", schrieb Rehm auf seinem Facebook-Account, nachdem er Ende Juni in Genf mit dem Generalsekretär des internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF), Jean Gracia, gesprochen hatte. „Zeitlich und politisch komplizierte Abläufe machen einen Start bei den Olympischen Spielen in Rio leider nicht mehr möglich, aber wir sind einen wichtigen Schritt weiter und es gibt zukünftig eine enge Zusammenarbeit mit dem IAAF [1]."

Der internationale Leichtathletikverband (IAAF) hatte Rehms Start bei der Olympiade nicht akzeptieren wollen. Es sei unklar, ob ihm seine Prothese einen Vorteil gegenüber den anderen Sportlern verschaffen würde, hieß es. Zuvor hatte eine Studie keine eindeutige Antwort auf diese Frage gefunden. Das Handout der Studie der Deutschen Sporthochschule Köln, der University of Colorado, Boulder, USA und des National Institute of Advanced Industrial Science and Technology, Japan, liegt Medscape vor. Nach der IAAF-Regel 144.3 (d) für internationale Wettkämpfe werden Leichtathleten mit Prothesen von den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ausgeschlossen, wenn sie nicht nachweisen können, dass ihnen die „mechanische Hilfe“ keinen Vorteil verschafft. Eben dies hatte Rehm mit der Studie nachweisen lassen wollen.

 
Brücken bauen, nicht einreißen, das ist mein heutiges Fazit einer kurzen aber konstruktiven Reise nach Monaco! Markus Rehm
 

Der Weitspringer sei mit einer Prothese zugleich im Vorteil und im Nachteil, ergab aber die Studie. Weil die Anlaufgeschwindigkeit durch die „passiv-elastische Laufprothese" grundsätzlich begrenzt sei, stelle ihre Nutzung beim Anlauf zum Sprung einen Nachteil da. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit kann Rehm das Tempo nicht mehr steigern. Eine Prothese ist nicht trainierbar. Auf der anderen Seite konnten Springer, die eine Prothese benutzen, eine bessere Absprungtechnik entwickeln. „Dies indiziert, dass die Nutzung der Prothese einen Vorteil im Weitsprung darstellt", wie es in dem Handout heißt.

Die grundsätzlich verschiedenen Bewegungstechniken von Springern mit und ohne Prothese machten eindeutige Aussagen zur Ausgangsfrage nicht möglich. „Zu diesem Zeitpunkt kann nicht eindeutig ausgesagt werden, dass die Prothese von Markus Rehm ihm beim Weitsprung einen oder keinen Gesamtvorteil bietet", so die Conclusio der Forscher.

Für den Start Rehms auf nationaler Ebene genügt dieses vage Urteil der Sportwissenschaftler, es wäre ohnedies nicht notwendig gewesen. „Denn Markus Rehm konnte schon in den vergangenen drei deutschen Meisterschaften außerhalb der Konkurrenz starten", sagt Eberhard Vollmer, Sprecher des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) zu Medscape. Das heißt, Rehm musste wie alle anderen die Norm erfüllen, um teilzunehmen, sprang dann mit wie jeder andere Athlet, aber erhielt am Schluss nach eigener Wertung auch eine eigene Siegerehrung. „Vor allem im Breitensport sind eine Menge gehandicapter Athleten unterwegs", sagt Vollmer. „Zum Beispiel Blinde oder Gehörlose bei einem City-Marathon." Gehandicapte Athleten auf Weltniveau, wie Rehm, gebe es in Deutschland abgesehen von dem Leverkusener Weitspringer allerdings keine, so Vollmer.

 
Warum muss Rehm beweisen, dass er von der Prothese keinen Vorteil hat? Dann müsste Usain Bolt vor seinen Läufen auch nachweisen, dass er nicht gedopt ist. Friedhelm Julius Beuche
 

So hätte es nach Rehms Wunsch wie auf nationaler Ebene auch in Rio sein sollen. Aber dem IAAF genügte die Aussage der Studie nicht, und der Weltverband verwies auf die Paralympics, die Rehm offenstünden – und an denen er jetzt auch teilnehmen wird.

Behindertensportbund fordert angepasste Regeln

„Der IAAF hat sich in die Büsche geschlagen", kritisiert der Präsident des Deutschen Behindertensportbundes, Friedhelm Julius Beuche, die Entscheidung des Weltleichtathletikverbandes. „Warum muss Rehm beweisen, dass er von der Prothese keinen Vorteil hat? Dann müsste Usain Bolt vor seinen Läufen auch nachweisen, dass er nicht gedopt ist." Bolt ist 6-facher Olympiasieger, vielfacher Weltmeister und Weltrekordhalter in der 4-mal-100-Meter-Staffel, im 100- und im 200-Meter-Lauf.

Das Mittel der Wahl ist für den Behindertensportbund ein angepasstes Regelwerk, damit gehandicapte und nicht gehandicapte Sportler ihre Leistungen fair messen können, wie Vizepräsident Dr. Karl Quade sagt. „Dass einarmige Schwimmer nicht mit beiden Händen anschlagen können, ist klar. Hier müsste im Sinne der Gehandicapten eine Änderung her." Ähnlich beim Schießen. Das Regelwerk verbiete es, beim Schuss zu sitzen, weil die Sportler sonst ruhiger zielen könnten als Stehende. „Wenn man aber etwa die Rücklehnen der Rollstühle von Querschnittgelähmten verkürzt, wäre auch dieser Vorteil relativiert", sagt Quade. Allerdings müssten die jeweiligen Prothesen oder Hilfsmittel direkt an den Sportler angepasst und zertifiziert werden, wie Quade sagt.

© Heimspiele/Peter Eilers

Markus Rehm will nun bei den Weltmeisterschaften 2017 in London teilnehmen und wurde zur IAAF-Arbeitsgruppe eingeladen, die die nötigen Regeländerungen für einen Start an der Themse auch für Gehandicapte beraten soll. „Ich hoffe auf eine ehrliche und respektvolle Zusammenarbeit!", schreibt Rehm.

 

REFERENZEN:

1. Markus Rehm, Facebook-Posting vom 1. Juli 2016

 

Kommentar

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