Leistungssport trotz schwerer genetischer Rhythmusstörung CPVT: Laut Leitlinien kontraindiziert, doch laut Studie möglich

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

29. Juli 2016

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die unter der seltenen angeborenen und vererbten Herzkrankheit katecholaminerge polymorphe ventrikuläre Tachykardie (CPVT) leiden, müssen nach der Diagnose nicht zwangsläufig mit Leistungssport aufhören, sagen Herzspezialisten aus den USA. An der hochspezialisierten Klinik für genetisch bedingte Herzrhythmusstörungen der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota, haben Dr. Stuart Ostby und Kollegen die Auswirkungen von Leistungssport bei Patienten mit dieser Erkrankung untersucht. Die durch Katecholamine ausgelösten ventrikulären Arrhythmien können zu Synkope, Herzanfall oder plötzlichem Herztod führen [1].

 
Ereignisse können selbst bei CPVT-Patienten, die in hochspezialisierten Zentren bestens versorgt werden, auftreten – andererseits kennen wir die Risiken eines inaktiven Lebensstils. Dr. Michael Ackerman
 

Die kleine retrospektive Analyse von 63 CPVT-Patienten hatte gleiche Ereignisraten (14%) bei Athleten und Nicht-Sportlern nach der Diagnose gezeigt.

„Ereignisse können selbst bei CPVT-Patienten, die in hochspezialisierte CPVT-Zentren bestens versorgt werden, auftreten – andererseits kennen wir die Risiken eines inaktiven Lebensstils“, erklärt Studienleiter Dr. Michael Ackerman. „Zudem könnte das Aufgeben des Sports die Lebensqualität mindern.“ Den Ergebnissen der Studie zufolge sei das Risiko Wettkampfsport weiter zu betreiben „nach einer CPVT-Diagnose akzeptabel für Patienten, die gut behandelt werden und gut informiert sind“.

Prof. Dr. Thomas Paul

Leilinien verbieten Leistungssport

Die Studie liefere „interessante vorläufige Ergebnisse“, kommentiert Prof. Dr. Thomas Paul, Direktor der Klinik für Pädiatrische Kardiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Göttingen, wo auch Patienten mit CPVT behandelt werden, im Gespräch mit Medscape. „Diese ersten Daten veranlassen uns aber nicht dazu, unsere Empfehlungen für ein Sportverbot und die entsprechenden Leitlinien, die eine klare Vorgabe zu sportlicher Betätigung beinhalten, zu ändern.“ Es handle sich bei dem genetischen Arrhythmiesyndrom CPVT um eine lebensbedrohliche Erkrankung, bei der die Experten in Göttingen „strikt gemäß der Leitlinie beraten“. 

In der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderkardiologie zu Sport mit angeborenen Herzerkrankungen von 2015 spricht sich die Expertengruppe, zu der auch Paul gehört, klar gegen das Ausüben von Leistungssport für Patienten mit Ionenkanalerkrankungen wie CPVT aus. Wettkampfsport sei „kontraindiziert“, ist im Leitlinientext zu lesen. Ähnlich positionieren sich bisher auch die Experten in den USA. In beiden Ländern werden lediglich Sportarten mit geringer statischer und dynamischer Belastungsintensität als unbedenklich eingestuft, etwa Kegeln, Billard, Curling oder Golf.

Oft, schreiben die US-Autoren, werde die Krankheit bei jungen Athleten nach einem kardialen Ereignis während eines Wettkampfs entdeckt – und dem Patienten werde von anstrengenden körperlichen Aktivitäten strikt abgeraten.

Das Team von Ackermann hat an der Mayo Clinic von 1995 an insgesamt 63 Patienten ab 6 Jahren (34 weiblich, Durchschnittsalter bei der Diagnose:16,6 Jahre) mit dieser Inonenkanalerkrankung untersucht. Das Ziel der Studie war herauszufinden, ob die weitere Teilnahme am Leistungssport Auswirkungen auf die kardiale Ereignisrate der Teilnehmer hatte. Athleten waren in der Studie diejenigen, die einen Sport ausübten, der nicht zu den für CVPT-Patienten erlaubten Aktivitäten  (z. B. Billard, Kricket, Curling etc.) gehörte.

 
Diese Daten veranlassen uns nicht dazu, unsere Empfehlungen für ein Sportverbot und die entsprechenden Leitlinien, die eine klare Vorgabe zu sportlicher Betätigung beinhalten, zu ändern. Prof. Dr. Thomas Paul
 

31 der 63 Patienten gaben an, vor der Diagnose Leistungssport betrieben zu haben; zum Zeitpunkt der Diagnose waren es 24. 21 von ihnen entschieden gemeinsam mit der Familie und anderen Angehörigen auch nach der Diagnose nicht mit dem Wettkampfsport aufzuhören; 3 beendeten ihre sportliche Laufbahn. Diese Entscheidung und die Gespräche darüber, sagen die Forscher, seien immer komplex und müssten insbesondere bei Minderjährigen Familienmitglieder und Trainer mit einbeziehen.

„Shared decision-making“: Für und Wider

Diese partizipative Entscheidungsfindung, die es CPVT-Patienten unter idealen Versorgungsbedingungen und unter Einbeziehung der Angehörigen und Trainer unter gewissen Umständen und nach ausführlichem Abwägen der Vorzüge und Risiken erlaubt, weiter Wettkampfsport zu machen, steht Paul aktuell kritisch gegenüber. „Ich übernehme auch nach intensiver Beratung nicht die Verantwortung, wenn ein Athlet nach der CPVT-Diagnose weiter Leistungssport machen möchte – das tut er auf eigenes Risiko.“ Entscheide sich ein Patient seinen Sport weiter auszuüben, müssen sowohl Eltern als auch Trainer in Reanimationstechniken geschult werden und ein Defibrillator müsse greifbar sein.

In der US-Studie hatten 76% der 31 Athleten und 43% der Nicht-Athleten vor der Diagnose mindestens ein kardiales Ereignis. Insgesamt 9 der 63 Patienten (14%) erlitten trotz kontinuierlicher Medikation ein CPVT-assoziiertes Event während der Nachbeobachtung. 79% der Patienten erhielten Beta-Blocker, 35% das Antiarrhythmikum Flecainid, und 32% hatten einen implantierbaren Kardioverter Defibrillator (ICD).

 
Ich übernehme auch nach intensiver Beratung nicht die Verantwortung, wenn ein Athlet nach der CPVT-Diagnose weiter Leistungssport machen möchte – das tut er auf eigenes Risiko. Prof. Dr. Thomas Paul
 

Jedoch unterschieden sich die Ereignisraten von Athleten und Nicht-Athleten nicht – 3 Athleten erlitten je ein Ereignis (Follow-up im Mittel 9 Jahre); 6 Nicht-Athleten insgesamt 7 Ereignisse (durchschnittlicher Follow-up 5,5 Jahre). Nur eines der 9 Ereignisse fand während eines Wettkampfs statt. „Das ist eine neue Erkenntnis, die weiter erforscht werden sollte“, kommentiert Paul. Die Erkenntnis bedeute, dass ein kardiales Ereignis bei CPVT-Patienten nicht zwangsläufig durch körperliche Anstrengung hervorgerufen werde. Weitere Studien, sagt er, müssen nun bestätigen, dass das Sportverbot tatsächlich für manche der CPVT-Patienten gelockert werden könne. „Momentan raten wir zu Recht vom Leistungssport ab.“ Die meisten seiner Patienten, sagt Paul, akzeptieren das Sportverbot.

Jedoch, meint Dr. Andrew Krahn von der University of British Columbia in Vancouver, Kanada, in einem Editorial zu der Studie, habe die kleine Studie an der Mayo Clinic gezeigt, dass Leistungssport nicht zwangsläufig zu kardialen Ereignissen bei diesen Patienten führen müsse [2]. „Um es einfach zu sagen, hätte ein Sportverbot keines der in der Studie aufgetretenen Ereignisse verhindert“, schreibt er. Wettkampfsport sei nicht durchgehend belastend und gewinne durch Training an Sicherheit hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse. „Es ist möglich, dass ein CPVT-Patient, der regelmäßig trainiert, ein niedrigeres Risiko aufweist als ein untrainierter, der gelegentlich anstrengenden Sport ausübt“, vermutet Krahn.

 
Es ist möglich, dass ein CPVT-Patient, der regelmäßig trainiert, ein niedrigeres Risiko aufweist als ein untrainierter, der gelegentlich anstrengenden Sport ausübt. Dr. Andrew Krahn
 

Die in der Studie praktizierte Entscheidungsfindung durch Gespräche mit dem Patienten und dessen Familie bezeichnet er als „mutige Entwicklung für eine traditionell patriarchalische Profession“. Trotzdem mahnt auch Kahn zur Vorsicht und gibt zu bedenken, dass die Erkrankung komplex und selbst für Spezialisten anspruchsvoll zu behandeln sei. „Partizipative Entscheidungsfindung, unterstützt durch evidenzbasierte medikamentöse Therapie und stufenweise Interventionen bilden die Grundlage für eine tolerantere Herangehensweise, die Sport, auch Wettkampfsport, nicht nur erlaubt, sondern möglicherweise sogar dazu ermuntert“, so sein Fazit.

Allerdings sei immer zu bedenken, dass eine falsche Empfehlung bzw. eine Sporterlaubnis bei CPVT-Patienten leicht zum plötzlichen Herztod führen könne. Daher seien noch viele Studien notwendig, um festzulegen, welche Aktivitäten tatsächlich für diese Patienten zu empfehlen seien.    

 

REFERENZEN:

1. Ostby SA, et al: J Am Coll Cardiol EP 2016;2:253-62

2. Krahn AD, et al: J Am Coll Cardiol EP 2016;2:263-65

 

Kommentar

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