Spitzensport: Doping, Burnout, Existenzangst und bewusster Raubbau an der Gesundheit – die Kehrseite der Medaillen

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

26. Juli 2016

Die Athleten, die Deutschland zu den Olympischen Spielen schickt, sollen Spitzenleistungen erbringen, mental stark sein – und sie sollen Vorbilder sein: Kein Doping und keine Regelwidrigkeiten sollen die Gedanken von Fairplay, Freude am Sport und der Begegnung „der Jugend der Welt“ trüben – so der Grundgedanke der Wettkämpfe. Aber was ist übrig geblieben von den hehren Zielen der Gründerväter der Olympischen Spiele der Neuzeit?

Dr. Jochen Mayer

In nahezu allen Disziplinen ist von Dopingkontrollen und -nachweisen zu hören. Es werden Ausschlüsse von Athleten oder ganzen Nationen öffentlich diskutiert, und Ausfälle durch Verletzungen sind an der Tagesordnung. Auf der anderen Seite werden quer durch alle Sportarten ständig neue Weltrekorde aufgestellt, die sportliche Leistungsfähigkeit scheint immer weiter voranzuschreiten.

„Spitzenathleten sind so stark auf den aktuellen sportlichen Erfolg fokussiert, dass ihnen eine langfristige und damit auch die gesundheitsbezogene Lebensperspektive oftmals aus dem Blickfeld gerät“, erläutert Dr. Jochen Mayer, Arbeitsbereich Sozial- und Gesundheitswissenschaften des Instituts für Sportwissenschaft, Universität Tübingen.

Wo stehen dabei die Athleten selbst? Leben sie nur für das „schneller – höher – weiter“? Denken sie an persönliche Vorteile, ihre Gesundheit oder ihre Zukunft? Eine Studie der Sporthochschule Köln, die im Auftrag der Deutschen Sporthilfe durchgeführt wurde, sollte speziell mögliche Probleme der Athleten einschätzen, die sich beim Hochleistungssport ergeben könnten.

„Diese Untersuchung schärft das Bewusstsein dafür, dass Spitzenathleten ihre eigene Lage oft sehr viel belastender empfinden als jene, die sie bei Wettkämpfen verfolgen, sie bejubeln und auch als Vorbilder ansehen“, formulierte Dr. Michael Ilgner, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Deutsche Sporthilfe, im Vorwort dieser Studie.

Befragung der Stiftung Deutsche Sporthilfe deckt Missstände auf

Insgesamt beteiligten sich 1.154 Athletinnen und Athleten an der Online-Befragung, auf die zuvor durch Newsletter der Deutschen Sporthilfe hingewiesen worden war. Die Auswertung der Daten ergab, dass über 40% der deutschen Kader-Athleten für ihren Sport gesundheitliche Risiken bewusst in Kauf nehmen. Von den übrigen fast 60% beantworten allerdings lediglich die Hälfte mit „Nein“, die andere Hälfte beantwortete die Frage gar nicht.

Auch bei den Fragen nach Burnout, Depression, Essstörungen und regelmäßigem Gebrauch von Schmerzmitteln outeten sich rund 10% der Sportler, aber drei- bis viermal so viele blieben die Antwort schuldig. Lediglich die Hälfte der Athletinnen und Athleten verneinte diese Fragen explizit. 5,9% der Befragten gaben sogar regelmäßiges Doping zu. 40,7% antworteten gar nicht und lediglich 53,4% definitiv mit „Nein“.

Erfolgsdruck kommt von den Athleten selbst und aus ihrem Umfeld

 
Spitzenathleten sind so stark auf den aktuellen sportlichen Erfolg fokussiert, dass ihnen eine langfristige und damit auch die gesundheitsbezogene Lebensperspektive oftmals aus dem Blickfeld gerät. Dr. Jochen Mayer
 

Auf die Frage nach den Ursachen für diese besorgniserregenden Angaben antworteten 88,6% der Athleten mit dem eigenen Erfolgsdruck, der für 79,8% aber zusätzlich auch aus dem Umfeld komme. Das Streben nach Anerkennung (69,8%), Existenzangst (57,7%) und Profitgedanken (55,5%) wurden als häufige Ursachen genannt. Darüber hinaus gaben über 90% der A-Kader-Athleten an, sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft nach ihrer aktiven Zeit als Sportler zu machen.

„Wir brauchen ein Fördersystem, das den Druck nicht weiter erhöht, sondern jedem Sportler mit individuellen Lösungen weiterhilft“, lautet das Fazit von Ilgner.

Spitzensportler nehmen Gesundheitsrisiken bewusst in Kauf

Spitzensportler leben in einer „Kultur des Risikos“, wie es Prof. Dr. Ansgar Thiel, Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen, ausdrückt. Um die letzten physischen und psychischen Reserven für den entscheidenden Vorteil zu mobilisieren, gehen die Sportler in Training und Wettkampf bewusst Risiken für ihre Gesundheit ein. Für die Karriere wichtige Wettkämpfe werden trotz Verletzungen bestritten, Schmerzen und langfristige Beschwerden werden bagatellisiert und „mit allen Mitteln“ verdrängt.

Ärzte und Betreuer stellen sich oft in den Dienst des Erwartungsdrucks

 
Ärzte, die mit Spitzensportlern zusammenarbeiten, haben stets zwischen der Kultur des Risikos des Sports und der für das Medizinsystem typischen Kultur der Vorsicht zu vermitteln. Dr. Jochen Mayer
 

Auch Trainer und Betreuer bestimmen diese Kultur mit: „Fitmachen für den Wettkampf“ heißt das Ziel, dem sehr vieles untergeordnet wird. Ärzte und Physiotherapeuten beschränken sich häufig darauf, körperliche Beeinträchtigungen zu reparieren, wie eine sozialwissenschaftliche Analyse zeigte. „Ärzte, die mit Spitzensportlern zusammenarbeiten, haben stets zwischen der Kultur des Risikos des Sports und der für das Medizinsystem typischen Kultur der Vorsicht zu vermitteln“, erklärt Mayer. Ärzte und auch die Athleten selbst sehen ihre Rolle darin, die Beschwerden kurzfristig soweit zu beheben, dass sie im Wettkampfgeschehen keinen negativen Einfluss nehmen.

„Wird der vorhandene Leistungsdruck durch das sportliche Umfeld zusätzlich verstärkt, führt dies zu einer höheren gesundheitsbezogenen Risikobereitschaft bei den Athleten“, bestätigt Mayer. „Insbesondere vor und bei wichtigen Wettkämpfen steht auch das medizinische Betreuungspersonal unter einem hohen sportlichen Erwartungsdruck. Dies führt oftmals dazu, gesundheitliche Risiken kollektiv zu bagatellisieren, wenn Entscheidungen über Behandlungsmaßnahmen und das Einlegen von Genesungspausen getroffen werden sollen.“

Eine dauerhafte Heilung ist hierbei zweitrangig, weshalb auch Maßnahmen, um Risiken oder Langzeitfolgen zu minimieren, deutlich seltener ergriffen werden als die oft sehr guten und effektiven Programme zur akuten Wiederherstellung und Schadensbegrenzung.

 
Wird der vorhandene Leistungsdruck durch das sportliche Umfeld zusätzlich verstärkt, führt dies zu einer höheren gesundheits-bezogenen Risikobereitschaft bei den Athleten. Dr. Jochen Mayer
 

Jugendliche Sportler müssen besonders betreut werden

Ähnliches gilt für die Bearbeitung psychosozialer Probleme wie die Bewältigung von Leistungsdruck, Burnout-Phasen, Versagensängsten oder Depressionen. Das Auftreten dieser Probleme ist laut einer Analyse nicht höher als in der allgemeinen Bevölkerung, allerdings lässt sich dies bereits im Nachwuchsleistungssport feststellen. In der GOAL-Studie (German Young Olympic Athletes´ Lifestyle and Health) versuchen deshalb Sportwissenschaftler gemeinsam mit Spezialisten für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Tübingen, Anregungen für bessere Betreuungskonzepte junger Kadersportler zu finden.

„Aus Sicht von jugendlichen Kaderathletinnen und -athleten ist – neben einer möglichst optimalen Koordination von Schule und Leistungssport – besonders wichtig, dass sie individuell durch den Trainerstab unterstützt sowie ganzheitlich in Gesundheits- und Ernährungsfragen betreut werden“, betont Mayer.

 

REFERENZEN:

1. Breuer C, Hallmann K: Dysfunktionen des Spitzensports ISBN 897-3-7780-3389-0

2. Mayer J, Thiel, A (2016) International Review for the Sociology of Sport

3. Thiel A et al. (GOAL Study) BMC Public Health, 2014,11(1):410.

4. Diehl, K e al. Science & Sports2014, 29(6): e115–e125

 

Kommentar

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