DGIM: Ökonomisierung in der Klinikmedizin bedroht Patienten und Ärzte – Positionspapier mit fünf Forderungen vorgestellt

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

25. Juli 2016

Prof. Dr. Ulrich R. Fölsch

Wachsender Kostendruck in den Krankenhäusern und ökonomisch orientierte Zielvorgaben an einen wirtschaftlichen Klinikbetrieb: Für die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) beeinträchtigt die damit verbundene Ökonomisierung der Medizin Ärzte in der Ausübung ihres Berufs und gefährdet die Patientenversorgung. Auf einer Pressekonferenz in Berlin stellten beide Gesellschaften ein Positionspapier mit Vorschlägen vor, wie den Risiken einer zunehmenden Ökonomisierung begegnet werden kann [1].

Prof. Dr. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der DGIM, beklagte einen wachsenden Druck, ärztliches Handeln einer betriebswirtschaftlichen Nutzenoptimierung bzw. Gewinnmaximierung des Krankenhauses unterzuordnen. Dafür machte er mehrere Faktoren verantwortlich: „Es begann damit, dass die Kommunen ihre Krankenhäuser nicht mehr finanzieren konnten und sie als Verlustbringer an private Träger abstießen. Hinzu kamen die Einführung des DRG-Systems bei der Abrechnung stationärer Krankheitsfälle und schließlich die fehlende Bereitschaft der Länder, ihren Investitionsverpflichtungen in den Kliniken nachzukommen.“ Letzteres führe nun dazu, dass die Krankenhausträger genötigt seien, aus ihren Erlösen auch Gelder für Investitionen abzuzweigen.

DRG-System mit unterschiedlicher Bewertung ärztlicher Leistungen

Als Hauptproblem beim Fallpauschalen- bzw. DRG-Vergütungssystem sieht Fölsch die unterschiedliche Bewertung der einzelnen stationären Leistungen: „Medizinisch-technische Maßnahmen werden relativ gut honoriert und ausgeweitet, damit der Umsatz stimmt. Die relativ schlecht bezahlte konservative, sprechende Medizin hingegen verschwindet bzw. wird auf ganz knappem Niveau gehalten.“ Zu den das Personal betreffenden Folgen der Ökonomisierung zählte Fölsch, „dass die Personaldecken ausgedünnt und Kolleginnen und Kollegen im ärztlichen oder auch im pflegerischen Bereich einem unerträglichen Druck ausgesetzt werden.“

Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger

Der Anspruch, dass das Wohl des Patienten in der medizinischen Versorgung immer im Zentrum stehen sollte, sei durch die DRGs deutlich verschoben worden, kritisierte die DGIM-Vorsitzende Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger: „Mit der Einführung der Fallpauschalen erfolgte eine ökonomische Neuordnung der Medizin – und jegliche Interventionen, ob diagnostisch oder therapeutisch, werden nunmehr nach ökonomischen Gesichtspunkten sortiert.“

„Sprechende“ Medizin hat das Nachsehen

Das habe zwangsläufig zur Folge, dass falsche Anreize gesetzt würden. Dadurch lassen sich zwar die Einnahmen einer Klinik erhöhen, es steigen jedoch gleichzeitig die Ausgaben für die Kostenträger bzw. das Gesundheitswesen insgesamt. „Während Krankenhausabteilungen, in denen gut dotierte etwa chirurgische und interventionelle Maßnahmen durchgeführt werden, mehr Unterstützung erfahren, treten im Vergleich dazu die Bereiche der sprechenden Medizin in den Hintergrund“, sagte die Münchner Internistin. Als Beispiele für dadurch benachteiligte Schwerpunkte der Inneren Medizin nannte sie die Diabetologie, Endokrinologie, Rheumatologie und Angiologie.

In diesen Fachgebieten werden sehr oft multimorbide Patienten mit chronischen Krankheiten behandelt, „bei denen es notwendig ist, nicht nur ambulant, sondern auch in hoch spezialisierten Krankenhäusern eine Behandlung auf hohem Niveau zu gewährleisten“, betonte Schumm-Draeger. In den vergangenen Jahren sei es demgegenüber in einem immer schnelleren Tempo dazu gekommen, dass genau diese Schwerpunkte der Inneren Medizin reduziert würden. Hier bestehe die Gefahr, dass Millionen von Patienten nicht mehr adäquat medizinisch versorgt werden könnten.

Notwendigkeit einer besseren Vernetzung über Sektorengrenzen hinweg

Prof. Dr. Baptist Gallwitz

Die Betreuung chronisch kranker Patienten erfordert eine Vernetzung zwischen ambulantem und stationärem Sektor. „Hierzu brauchen wir bessere Strukturen über Sektorengrenzen hinweg, um Patienten mit komplexen Krankheitsbildern wie Diabetes einen möglichst guten Übergang zwischen der jeweiligen Ebene der Hausärzte, der niedergelassenen Spezialisten und des Krankenhauses zu ermöglichen“, sagte Prof. Dr. Baptist Gallwitz, Präsident der DDG.

 
Durch die Fallpauschalen erfolgte eine ökonomische Neuordnung der Medizin – und jegliche Interventionen, ob diagnostisch oder therapeutisch, werden nunmehr nach ökonomischen Gesichtspunkten sortiert. Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger
 

Leider kommt es Gallwitz zufolge zum Beispiel in Klinikabteilungen mit operativem Schwerpunkt immer wieder vor, dass Patienten mit einer Diabetes-Begleiterkrankung vorschnell entlassen würden, ohne dass klargestellt sei, wer die weitere Behandlung zu Hause übernimmt. Umgekehrt sollte ein Diabetes bereits vor der Krankenhausaufnahme zu einer planbaren Operation gut eingestellt und Anästhesisten und Chirurgen über dessen Behandlung informiert sein.

„Die Behandlung multimorbider chronisch kranker Patienten“, so der Diabetologe, „erfordert Therapeuten mit viel Spezialwissen und viel Erfahrung.“ Das setzt eine entsprechende Weiterbildung in den Kliniken voraus, die im Zuge der kritisierten Ökonomisierung im Bereich der Inneren Medizin gefährdet erscheint.

Positionspapier mit fünf Forderungen

Mit dem Ziel, sowohl die Patientenversorgung als auch die dafür notwendige Weiterbildung von Ärzten in allen Teilgebieten der Medizin weiterhin adäquat zu gewährleisten, stellte die DGIM in Berlin ein Positionspapier mit 5 Forderungen vor:

1. Regeln des ökonomischen Wettbewerbs dürfen das medizinische Handeln zu keinem Zeitpunkt dominieren.
2. Die Einengung von Tätigkeitsfeldern in der Inneren Medizin auf wirtschaftlich ertragreiche Schwerpunkte in Krankenhäusern ist nicht akzeptabel und muss verhindert werden.
3. Die Weiterbildung der Ärzte zum Facharzt für Innere Medizin und aller entsprechenden internistischen Schwerpunkte gehört zur Dienstaufgabe leitender Krankenhausärzte und muss unabhängig vom DRG-System personell und finanziell gewährleistet werden.
4. Unternehmerische Krankenhausentscheidungen müssen im ausgewogenen Verhältnis zwischen leitenden Ärzten, kaufmännischen Direktoren und Pflegeleitung getroffen werden.
5. Betriebswirtschaftliche Entscheidungen dürfen nicht zu einer ökonomischen Abhängigkeit führen, die ärztliche Entscheidungen in Diagnostik und Therapie beeinflusst.

„Ärzte-Klinik-Kodex“ für Patientenvertrauen und Versorgungssicherheit

 
Mit dieser Initiative soll ein Leitbild für Krankenhäuser entstehen, welches das Patientenvertrauen und die Glaubwürdigkeit des Krankenhauses erhält. Prof. Dr. Ulrich R. Fölsch
 

In ihrem Positionspapier schlägt die DGIM zudem die Entwicklung eines „Ärzte-Klinik-Kodex“ (Arbeitstitel: Medical Corporate Governance-Leitlinie für den Kliniksektor) vor, in die auch die Politik und der Gesetzgeber eingebunden sein sollten. „Mit dieser Initiative“, so DGIM-Generalsekretär Fölsch in Berlin, „soll ein Leitbild für Krankenhäuser entstehen, welches das Patientenvertrauen und die Glaubwürdigkeit des Krankenhauses gegenüber den gesellschaftlichen Interessengruppen erhält.“ Gleichzeitig solle es Versorgungssicherheit dahingehend garantieren, dass alle Krankenhausleistungen vorgehalten werden, die für die Bevölkerung erforderlich sind und nicht bevorzugt diejenigen, die Geld bringen.

 


REFERENZEN
:

1. Gemeinsame Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Berlin, 14. Juli 2016

 

Kommentar

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