Hirnmetastasen bei Brust- und Lungenkrebs: Mit stereotaktischer Radiochirurgie länger leben als mit Ganzhirnbestrahlung?

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

13. Juli 2016

Mammakarzinom- oder Lungenkrebs-Patienten mit weniger als 4 Hirnmetastasen überlebten bei Behandlung mit stereotaktischer Radiochirurgie länger als bei Ganzhirnbestrahlung. Dies zeigte eine retrospektive Studie aus den USA, die von einer Arbeitsgruppe um Dr. Lia Moriguchi Halasz, Radioonkologin, Seattle, USA, in Cancer publiziert wurde [1].

„Die Studie bestätigt den aktuellen Trend weg von der Ganzhirnbestrahlung, zumindest als frühe Therapiemaßnahme“, kommentierte Prof. Dr. Michael Weller, Direktor der Klinik für Neurologie, Universitätsspital Zürich, in einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Aus neurologischer Sicht sei dieser Trend zu begrüßen, weil die Ganzhirnbestrahlung vor allem bei längerer Überlebenszeit ein hohes Risiko für neurokognitive Defizite berge.

Die Prognose von Krebspatienten, die Hirnmetastasen entwickeln, ist mit einer medianen Überlebenszeit von 1 bis 2 Monaten sehr schlecht. Mit der Ganzhirnbestrahlung konnte Mitte der 1990er-Jahre das Überleben auf 4 bis 6 Monate verlängert werden. Technische Fortschritte ermöglichten die Entwicklung der stereotaktischen Radiochirurgie, bei der mit Hilfe bildgebender Systeme das Ziel genau lokalisiert und dann exakt und hochdosiert bestrahlt werden kann.

 
Die Studie bestätigt den aktuellen Trend weg von der Ganzhirn-bestrahlung, zumindest als frühe Therapie-maßnahme. Prof. Dr. Michael Weller
 

Als Vorteile der Ganzhirnbestrahlung sieht Halasz die Möglichkeit, auch in der Bildgebung nicht erkannte Metastasen zu erfassen, sowie die weite Verbreitung der Methode. Vorteile der stereotaktischen Radiochirurgie seien die Vermeidung neurokognitiver Defizite und die kürzere Behandlungsdauer.

Gestreut versus gezielt

Halasz und ihre Kollegen analysierten nun retrospektiv das Gesamtüberleben von 400 Patienten mit nicht kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) und 387 Frauen mit Mammakarzinom, die an 5 großen US-Krebszentren wegen Hirnmetastasen eine Ganzhirnbestrahlung oder eine stereotaktische Radiochirurgie erhalten hatten. Von den NSCLC-Patienten waren 111 (27,8%), von den Brustkrebs-Patientinnen 52 (13,4%) mit stereotaktischer Radiochirurgie behandelt worden. Bis auf wenige Ausnahmen hatten diese Patienten weniger als 4 Hirnmetastasen von weniger als 4 cm Durchmesser. Mit einer Propensity-Score-Analyse versuchten die Autoren, potenzielle Einflussfaktoren auszugleichen, aufgrund derer Patienten bevorzugt die eine oder die andere Bestrahlung bekommen hatten – etwa Zahl und Größe der Metastasen, Ausbreitung des Tumors, Jahr der Diagnose und behandelnde Klinik.

 
Es bleibt das Problem, dass den Patienten die jeweilige Therapie ja vermutlich aus gewissen Gründen zugeordnet wurde und nicht zufällig. Prof. Dr. Michael Weller
 

Aufgrund der Analysen kamen Halasz und ihre Kollegen zu dem Schluss, dass Patienten mit weniger als 4 Hirnmetastasen, die kleiner als 4 cm waren, länger überleben, wenn sie primär stereotaktisch radiochirurgisch behandelt wurden. Das Hazard-Ratio betrug bei den NSCLC-Patienten 0,58 (p = 0,01), bei den Brustkrebspatientinnen 0,54 (p = 0,02).

Begrenzte Aussagekraft, weil retrospektiv

Weller weist jedoch auf die begrenzte Aussagekraft der retrospektiven Analyse hin: „Die Beobachtung ist grundsätzlich interessant. Aber es bleibt das Problem, dass den Patienten die jeweilige Therapie ja vermutlich aus gewissen Gründen zugeordnet wurde und nicht zufällig. Wenngleich die Autoren sich bemüht haben, prognostische Faktoren zu kontrollieren, können wir aus diesen Daten keine sicheren Rückschlüsse ziehen.“

Wesentliche Fragen bleiben also weiterhin offen: Ist die Tumorkontrolle bei stereotaktischer Radiochirurgie tatsächlich besser? Oder sterben die Patienten früher, weil die Ganzhirnbestrahlung ihren kognitiven Zustand so verschlechtert, dass sie weniger Zweit- und Drittlinien-Therapien, zum Beispiel weniger Chemotherapie, erhalten?

„Um für unsere Patienten wirklich die beste Behandlung auswählen zu können, brauchen wir Daten aus prospektiven randomisierten Studien“, so der Züricher Neurologe.

 

REFERENZEN:

1. Halasz LM, et al: Cancer 2016;122(13): 2091–2100

 

Kommentar

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