Beim Tier klappt‘s, beim Menschen nicht: Fischöl für Schwangere schützt den Nachwuchs nicht vor Übergewicht

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

7. Juli 2016

Eine Fischöl-basierte Ernährung mit wenig Fleisch in der Schwangerschaft schützt die Nachkommen nicht vor Übergewicht. Bislang war die Annahme „schlechte Fette“ wie die Omega-6-Fettsäuren erhöhten in der Schwangerschaft die Bildung kindlicher Fettzellen, „gute“ Omega-3-Fettsäuren dagegen schützten vor Übergewicht. Im Tiermodell hatte eine erhöhte Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren in Kombination mit reduzierter Arachidonsäure die Nachkommen tatsächlich vor Übergewicht bewahren können.

Mit der INFAT-Humanstudie hatten Dr. Christina Brei vom Else Kröner-Fresenius-Center für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München und Kollegen überprüft, ob dies auf den Menschen übertragbar ist und ihre Ergebnisse im American Journal of Clinical Nutrition veröffentlicht [1]. Es zeigte sich: Die spezielle Diät hat die Kinder weder schlanker noch dicker gemacht als die Kinder in der Kontrollgruppe.

Fischöl ohne Einfluss auf Körperfett

Die Münchner Wissenschaftler hatten 208 Frauen (Alter 32, BMI 22) ab der 12. Woche ihrer Schwangerschaft bis zum 4. Monat ihrer Stillzeit entweder auf Fischöl-Kapseln (1.020 mg Docosahexaensäure plus 180 mg Eicosapentaensäure täglich) und eine reduzierte Arachidonsäureaufnahme oder auf herkömmliche Ernährung randomisiert.

Im Follow-up wurden die Kinder über mehrere Jahre auf 3 verschiedene Arten untersucht: Gemessen wurde die Hautfaltendicke, hinzu kamen Ultraschall-Untersuchungen, um das Ausmaß des subkutanen und präperitonealen Fetts zu bestimmen und in einer Subgruppe wurden noch MRTs durchgeführt, um das Fett in der Bauchhöhle zu messen. Die Summe der Hautfaltenmessungen über die Jahre (4 Messungen) ergab für die Interventionsgruppe 23,9 ± 4,7 mm, (n = 57), für die Kontrollgruppe 24,5 ± 5,0 mm (n = 55). Auch im Ultraschall zeigten sich bei den Kindern der Interventions- und der Kontrollgruppe keine signifikanten Unterschiede in Umfang und Anteil des subkutanen und viszeralen Adipositasgewebes.

Frühere Supplementierung hätte am Ergebnis nichts geändert

Prof. Dr. Hans Hauner

„Unsere Ergebnisse stehen in gewisser Diskrepanz zu den tierexperimentellen Befunden. Dies zeigt ein weiteres Mal, dass Erkenntnisse, die im Tierexperiment gewonnen werden, nicht auf den Menschen übertragbar sind“, erklärt Prof. Dr. Hans Hauner, Leiter des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin und Studienleiter. Gleichwohl sei der Tierversuch ein attraktives Konzept gewesen. Denn hätten sich die Ergebnisse bestätigt, könnten Mütter frühzeitig dafür sorgen, dass ihre Kinder lebenslang vor Übergewicht und Adipositas bewahrt blieben.

Hätte ein früherer Diätbeginn – also noch vor der 12. Schwangerschaftswoche das Ergebnis verändert? Hauner ist skeptisch: „Wenn es um das Thema fetale Prägung geht, kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass die ersten drei Monate nach Konzeption relevant sind. Wir sind davon ausgegangen, dass Omega-3-Fettsäuren die Fettzelldifferenzierung beeinflussen“, erklärt Hauner gegenüber Medscape. Die Anlage des Fettgewebes beginne – nach der anatomischen Literatur – etwa um die 14. Schwangerschaftswoche, so dass die Studie eigentlich das kritische Fenster für die Fettgewebsentwicklung abdecke.

 
Unsere Ergebnisse stehen in gewisser Diskrepanz zu den tierexperimentellen Befunden. Dies zeigt ein weiteres Mal, dass Erkenntnisse, die im Tierexperiment gewonnen werden, nicht auf den Menschen übertragbar sind. Prof. Dr. Hans Hauner
 

Omega-3-Fettsäuren, insbesondere DHA, seien auch für die Gehirnentwicklung der Föten kritisch, so Hauner. „Aber inzwischen wissen wir, dass der dafür benötigte, relativ geringe Bedarf an DHA immer von der Schwangeren, weitgehend unabhängig von der Ernährung, bereitgestellt werden kann. Ich persönlich glaube daher nicht, dass wir bei früherer Supplementierung ein anderes Ergebnis erreicht hätten und plane deshalb keine weitere Studie dazu“, betont er.

Dass die ersten 1.000 Tage – 270 Tage Schwangerschaft und die ersten beiden Lebensjahre - für die Entwicklung einer späteren Adipositas entscheidend sind, hatte Prof. Dr. Berthold Koletzko beim Kongress Ernährung in der Messe Dresden im Juni 2016 dargestellt, wie Medscape berichtet hatte. Koletzko bezeichnete die ersten 1.000 Tage als Zeitraum von „enormer entwicklungsbiologischer Plastizität“. Die Ergebnisse der Studie von Brei und ihren Kollegen widersprechen der These.

Hauner meint dazu: „Die von Koletzko vertretene These steht nach wie vor auf sehr schwachen Beinen. Die ‚Evidenz‘ basiert weitgehend auf retrospektiven Beobachtungsstudien mit schwerwiegenden Limitationen. Auch wenn die Sache attraktiv klingt, für mich gibt es derzeit keine ausreichende Basis, um diese These zu vertreten. Dennoch ist weitere Forschung nötig.“

GeLiS: Lebensstil-Interventionsprogramm soll Schwangere und ihre Kinder schützen

Wie Hauner berichtet, konzentriert man sich am Institut derzeit auf das Thema ‚Überernährung in der Schwangerschaft‘. „Das führt zu einer starken Gewichtszunahme mit einem möglicherweise erhöhten Adipositasrisiko der Kinder (und ihrer Mütter). Wir sind kurz davor, unsere laufende GeLiS-Studie (Gesund leben in der Schwangerschaft) fertigzustellen. Das könnte auch für den Gestationsdiabetes sehr relevant sein.“

 
Wir empfehlen eine ausgewogene, eher pflanzlich betonte Mischkost, mit dem Ziel eine übermäßige Gewichtszunahme zu vermeiden und den geringen Mehrbedarf für einige wenige Nährstoffe … zu decken. Prof. Dr. Hans Hauner
 

GeliS ist ein Lebensstil-Interventionsprogramm und wird unter der Leitung von Hauner in Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum für Ernährung und den Fachzentren Ernährung/Gemeinschaftsverpflegung in 10 Studienregionen Bayerns in Frauenarztpraxen Hebammen durchgeführt. Eingeschlossen sind 2.500 Schwangere (Einschlusskriterium Schwangerschaftswoche ≤ 12; Prä-Gestations- BMI ≥ 18.5 kg/m2 und ≤ 40 kg/m2).

Die Interventionsgruppe erhält 3 Schulungen zu gesunder Ernährung, regelmäßiger Bewegung, ein Gewichtsmonitoring während der Schwangerschaft und noch eine Sitzungseinheit nach der Geburt. Zeigen die Interventionen die gewünschte Effektivität, könnten sie in die reguläre Schwangerschaftsvorsorge mit aufgenommen werden, schreiben die Studienautoren.

Als Konsequenz der Langzeit-Ergebnisse der INFAT können Schwangere auf Fischöl-Kapseln offenbar verzichten. „Wir empfehlen eine ausgewogene, eher pflanzlich betonte Mischkost, mit dem Ziel eine übermäßige Gewichtszunahme zu vermeiden und den geringen Mehrbedarf für einige wenige Nährstoffe (Folsäure, Jod, eventuell Eisen) zu decken“, so Hauner. Derzeit gäbe es keine Evidenz für anderweitige Empfehlungen.

 

REFERENZEN:

1. Brei C, et al: Am J Clin Nutr. (online) 6. April 2016

 

Kommentar

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