Allgemeinmedizin stärken, aber wie? Studierende lehnen geplante Pflichtpraktika und Prüfungen ab

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

6. Juli 2016

Hausärztlicher Nachwuchs wird händeringend gesucht. Nach Angaben der KBV gab es 2015 54.385 Hausärzte, 2010 waren es noch 54.462. Bei den Hausärzten ist der Anteil der über 60-Jährigen besonders hoch, er liegt bei 33%, weitere 38% sind zwischen 50 und 60 Jahre alt. Es fehlen die Jungen. Doch wie lassen sich Medizinstudierende zur Niederlassung als Hausarzt motivieren? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Für den deutschen Hausärzteverband (DHÄV) ist mit der am 1. Juli in Kraft getretenen Vereinbarung zur Förderung der Weiterbildung ein wichtiger Schritt getan: „Sie kann einen großen Beitrag dazu leisten, dass sich wieder mehr junge Menschen für eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin entscheiden. Es war für uns als Verband ein sehr wichtiges Anliegen der letzten Jahre, hier immer wieder für faire Rahmenbedingungen einzutreten, denn bisher wurden die jungen Kolleginnen und Kollegen klar benachteiligt. Damit ist jetzt hoffentlich Schluss“, sagt Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, in einer Pressemitteilung.

Die Vereinbarung schreibt fest, dass künftig 7.500 Förderstellen in der Weiterbildung Allgemeinmedizin und 1.000 Förderstellen in anderen fachärztlichen Bereichen bundesweit angeboten und mit einer Vergütung versehen werden müssen, die im Krankenhaus üblich ist. Damit erhalten Weiterbildungsassistenten künftig 4.800 Euro pro Monat.

Medizinstudierende begrüßen Weiterbildungsvereinbarung

Positiv bewertet das Malte Schmieding, Vizepräsident für Externes der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd), gegenüber Medscape : „Wir hatten ja auch kritisiert, dass die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin bislang schlechter bezahlt war, einer unserer Vorschläge war gewesen, das finanziell anzugleichen.“ Die Angleichung ist aus Sicht der bvmd eine wichtige Stellschraube. In vielen Positionen, so Schmieding und verweist auf ein bvmd-Positionspapier, stimme man mit der Jungen Allgemeinmedizin (JADE) überein.

 
Um auch zukünftig den enormen Bedarf nach hausärztlicher Versorgung zu decken, braucht es … zwingend auch eine Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium. Ulrich Weigeldt
 

Weitere Verbesserungsvorschläge sieht die bvmd in Weiterbildungsverbänden, die universitär angebunden sein sollten. „Dazu gehören auch Fortbildungen für die weiterbildenden Ärzte, beispielsweise Angebote in Medizindidaktik“, so Schmieding. Ein weiterer Vorschlag ist, dass nicht nur – wie bislang – 6-monatige Blöcke, sondern auch 3-monatige Blöcke anerkannt werden können.

Masterplan Medizinstudium 2020 soll es richten

Während die Weiterbildungsvereinbarung einhellig auf Zustimmung trifft, ist das beim „Masterplan Medizinstudium 2020“ erwartungsgemäß anders. Die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) der Länder hat am 30. Juni den Masterplan einstimmig beschlossen und damit – so sieht es der Hausärzteverband – die Allgemeinmedizin im Studium gestärkt. „Um auch zukünftig den enormen Bedarf nach hausärztlicher Versorgung zu decken, braucht es – neben der neuen Weiterbildungsvereinbarung - zwingend auch eine Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium“, betont Weigeldt.

Nach Beschluss der GMK kann die Allgemeinmedizin jetzt als verpflichtendes mündliches Prüfungsfach im dritten Staatsexamen festgelegt werden. Ferner sollen Studierende im Praktischen Jahr ein ambulantes Quartal in vertragsärztlichen Praxen verbringen. „Eine konsequente Umsetzung dieser Maßnahmen würde zu einer deutlichen Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium führen und damit auch dazu beitragen, dass sich zukünftig wieder mehr Studierende für den Hausarztberuf entscheiden“, gibt sich Weigelt in einer weiteren Stellungnahme überzeugt.

Studierende gegen verpflichtende Einheiten für Allgemeinmedizin

Verpflichtende Einheiten im Medizinstudium findet die bvmd hingegen wenig sinnvoll: „Wir glauben, dass das eher abschreckt. Zumindest hilft es nicht“, meint Schmieding. Als Beispiel nennt er die Chirurgie, auf die ein längerer Pflichtteil des Studiums entfällt und die deutlich mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat. „Pflicht weckt nicht die Motivation. Man muss aber motiviert sein um sich niederzulassen, um sich auch speziell auf dem Land niederzulassen“, betont Schmieding.

 
Wir sehen es als Fehler der Berufsverbände an, Verpflichtungen im Studium als Stellschraube der Versorgungspolitik zu benutzen. Malte Schmieding
 

„Wir sehen es als Fehler der Berufsverbände an, Verpflichtungen im Studium als Stellschraube der Versorgungspolitik zu benutzen. Dadurch verleiten sie Politik dazu, durch Zwänge für hausärztlichen Nachwuchs sorgen zu wollen, anstatt sich für bessere und fairere Rahmenbedingungen der Berufsausübung einzusetzen. Letztendlich ist damit weder den aktuellen Hausärzten, noch den angehenden Hausärzten, noch den Patienten geholfen“, bilanziert Schmieding.

Auch Idee, die Allgemeinmedizin als verpflichtendes mündliches Prüfungsfach zu etablieren, lehnt die bvmd deshalb ab. Schmieding hält es für sinnvoller, in den Prüfungen fächerunabhängig die Grundfertigkeiten des Arztes abzufragen. Die Idee eines verpflichtend ambulant abzuleistenden Quartals im PJ hält die bvmd für besser als ein Pflichtquartal in der Allgemeinmedizin. „Eine Stärkung der ambulanten Medizin im Studium ist nicht auf die Allgemeinmedizin zu beschränken. Auch hierbei gilt, dass man Interesse und Begeisterung nicht durch Vorschriften und Verpflichtungen weckt", sagt Schmieding.

„Misstrauensvotum gegenüber erwachsenen Menschen …“

Auch Stefanie Weber, Vorsitzende des Sprecherrats der Medizinstudierenden im Marburger Bund, spricht sich gegen noch mehr Pflichten aus: „Die Beschlüsse der Gesundheitsminister der Länder zum Masterplan Medizinstudium 2020 sind für die Medizinstudierenden in mehrfacher Hinsicht enttäuschend: Anstatt die bisherigen Reformen und Modellversuche auszuwerten, soll gleich das nächste Experiment zu Lasten der ohnehin geringen Wahlfreiheit im Studium gestartet werden.“

 
Unserer Erfahrung nach neigen diejenigen Studierenden, die während des Studiums in einer Hausarztpraxis waren, eher dazu, sich auch niederzulassen. Vincent Jörres
 

Weber spricht in einer Pressemitteilung von einem „Misstrauensvotum gegenüber erwachsenen Menschen, die durch immer neue Zwangsmaßnahmen in die hausärztliche Praxis gedrängt werden sollen. Schon jetzt gibt es mit der Pflichtfamulatur und dem Blockpraktikum im Studium ausreichend Gelegenheit, die Allgemeinmedizin besser kennenzulernen. Mehr Pflicht wollen wir nicht.“

Werden die Beschlüsse so umgesetzt, bleibt nur noch ein 3-monatiger Wahlabschnitt im Praktischen Jahr zur freien Verfügung. Bisher können die Medizinstudierenden nach den beiden Pflichttertialen Innere Medizin und Chirurgie im abschließenden 4-monatigen Wahlabschnitt frei darüber entschieden, wo und in welchem Fachgebiet sie praktische Erfahrungen sammeln möchten.

Vincent Jörres, Sprecher des Hausärzteverbandes, hebt hervor, dass die Medizinstudierenden reflektiert und differenziert mit dem Thema Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium umgingen: „Da gibt es keine grundsätzliche Blockadehaltung. Wir haben nur teils unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die Allgemeinmedizin am besten gestärkt werden kann. Vor allem, was die verpflichtenden Prüfungen angeht“, erklärt Jörres gegenüber Medscape. Er findet es wichtig, dass im Masterplan 2020 Einwände der Studierenden mit berücksichtigt wurden. „Man muss aber eben auch vom Bedarf her denken. Die Maßnahmen der GMK sind ein guter und wichtiger Schritt.“

Problem sind die Arbeits- und Niederlassungs- und Lebensbedingungen vor Ort

Der Marburger Bund (MB) hatte sich in der Reformdebatte dafür stark gemacht, die Struktur des Praktischen Jahres in der bestehenden Form beizubehalten und die Zahl der Lehrstühle und Institute für Allgemeinmedizin zu erhöhen wie Medscape berichtet hatte.

Sowohl Weber als auch der MB betonen, dass die Gründe für den prospektiven Mangel an Ärztinnen und Ärzten in bestimmten Regionen in den Arbeits- und Niederlassungsbedingungen und grundsätzlichen Lebensbedingungen vor Ort lägen. Dies habe das MB-Studi-Barometer 2016 auch gezeigt. Für 49% komme demnach nach dem Studium eine Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in Betracht. Grundsätzlich verbesserte Bedingungen (z.B. geregelte Arbeitszeiten, gute Verdienstmöglichkeiten, überschaubares finanzielles Risiko) würden bei 3 Viertel der Studierenden die Motivation erhöhen, als niedergelassener Hausarzt tätig zu werden.

Hausärzte als Einzelkämpfer mit unsicheren finanziellen Rahmenbedingungen?

Das vom MB zitierte Studi-Barometer bezeichnet Jörres als nicht repräsentativ. Die Befragung von 1.700 Studierenden hatte ergeben, dass die „Allgemeinmedizin ein großes Nachwuchspotenzial“ aufweise. „Diese Umfrage des Marburger Bundes kommt damit zu ganz anderen Ergebnissen als andere Umfragen, beispielsweise das Berufsmonitoring Medizinstudenten 2014.“, so Jörres. Auch die vom MB abgeleitete Schlussfolgerung „ein Einzelkämpfer-Dasein in eigener Praxis mit unsicheren finanziellen Rahmenbedingungen kann sich kaum einer der Medizinstudierenden vorstellen“, hält er für so nicht zutreffend: Das entspreche so nicht mehr der Realität.

Das betont auch Prof. Dr. Antje Bergmann, Sprecherin der Sektion Studium und Hochschule der DEGAM. In einer Stellungnahme schreibt sie: „Diese Schlussfolgerung aus den vorhandenen Daten zu ziehen, ist eine offensichtliche Verdrehung der Tatsachen. Diese Versorgungsform entspricht erstens immer weniger der Realität und zum anderen würden gerade Maßnahmen wie ein verpflichtender Abschnitt in einer hausärztlichen Praxis im Praktischen Jahr helfen, mit den hier genannten Vorurteilen aufzuräumen.“

Auch aus Jörres´ Sicht ist das Problem eher, dass Medizinstudierende im Studium die Arbeit eines Hausarztes kaum kennen lernen. „Unserer Erfahrung nach neigen diejenigen Studierenden, die während des Studiums in einer Hausarztpraxis waren, eher dazu, sich auch niederzulassen“, sagt er. Deshalb sei es so wichtig, die Allgemeinmedizin stärker im Studium zu etablieren. Dem Vorwurf, dass zu viel Pflicht im Studium eher abschrecke hält er entgegen, dass es ja bereits jetzt Pflichtprüfungen in anderen Fächern gäbe die das Studium auch jetzt schon strukturierten.

Gute Rahmenbedingungen, gute Vorbilder und gute Lehrer als Motivation

 
Wichtige Parameter sind die Arbeitsbedingungen und die Arbeitszeiten, also etwa, ob diese familienfreundlich sind. Malte Schmieding
 

Was motiviert Studierende sich als Allgemeinmediziner niederzulassen? Schmieding nennt gute Rahmenbedingungen, gute Vorbilder und gute Lehrer als wichtigste Punkte. Sinnvoll sei deshalb auch, mehr Lehrpraxen in die Ausbildung zu integrieren und Notaufnahmen und Hochschulambulanzen ebenfalls in den ambulanten Bereich der Lehre mit aufzunehmen. Darüber hinaus müsse sichergestellt werden, dass es an jeder medizinischen Fakultät einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin gibt. „Das ist zwar noch nicht so, aber es hat sich schon Einiges getan.“

Schmieding wirbt dafür, die Allgemeinmedizin stärker in der Lehre zu verankern, am besten longitudinal mit einem möglichst frühen Beginn. Pflichtprüfungen und Pflichtpraktika hält er hingegen für den falschen Weg, Nachwuchs-Hausärzte zu rekrutieren: „Wir glauben, dass das nicht die richtige Stellschraube ist. Wichtige Parameter sind die Arbeitsbedingungen und die Arbeitszeiten, also etwa, ob diese familienfreundlich sind.“

Der klassische Hausarzt, der auf sich gestellt in seiner Praxis arbeitet ohne geregelten Feierabend ist für viele kein erstrebenswertes Modell mehr. Auch arztfremde Tätigkeiten wie der hohe bürokratische Aufwand schrecken manchen von der Niederlassung ab. „Speziell die Kliniken bemühen sich um gute Arbeitsbedingungen. Aber auch im ambulanten Bereich tut sich inzwischen einiges“, so Schmieding.

Der bvmd kritisiert, dass Gesundheitsminister Hermann Gröhe die Verantwortung, die hausärztliche Tätigkeit und die Allgemeinmedizin attraktiver zu machen, nun den Verbänden in die Schuhe geschoben habe. Wie die WAZ berichtet, fordert Gröhe von den Kassenärztlichen Vereinigungen größere Anstrengungen zur Behebung des Hausärztemangels.

Die KVen sollten die gesetzlichen Möglichkeiten nutzen und gezielt Anreize für die Niederlassung von Ärzten setzen – etwa durch Zuschüsse für die Praxis-Neueröffnung, Stipendien für angehende Landärzte und die Förderung flexibler Arbeitsmodelle. „Wir hätten uns erhofft, dass im Rahmen der Masterplan-Debatte die Ärzte- und Studierendenschaft geschlossener für bessere Arbeits- und Studienbedingungen eintreten, um deutlicher zu machen, dass die Politik gefragt ist, die Fakultäten dabei zu unterstützen, das Medizinstudium weiterzuentwickeln“, schließt Schmieding.

 

Kommentar

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