Diabetische Retinopathie: Von jeder Phase intensiver Blutzuckereinstellung profitiert das Auge noch Jahre später

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

1. Juli 2016

New Orleans – Von einer Phase intensiver Blutzuckereinstellung profitiert das Auge auch noch Jahre später – und dies auch bei Menschen, die schon lange an Diabetes erkrankt sind. Patienten mit Typ-2-Diabetes, die in der ACCORD Eye Studie knapp 4 Jahre lang eine intensive blutzuckersenkende Therapie erhielten, hatten mehrere Jahre später nur halb so oft eine fortgeschrittene Retinopathie wie Patienten, die eine normale Blutzuckertherapie erhalten hatten [1]. Und das, obwohl beide Therapiegruppen bei der Nachuntersuchung vergleichbare HbA1c-Werte aufwiesen.

„Diese Studie ist eine wirklich gute Nachricht für Menschen mit Typ-2-Diabetes, die Angst davor haben, ihr Sehvermögen zu verlieren. Ein gut eingestellter Blutzucker hat einen positiven, messbaren und lang anhaltenden Effekt auf die Augengesundheit”, sagte Dr. Emily Y. Chew von der Division of Epidemiology and Clinical Applications des National Eye Institute in Bethesda, als sie die Ergebnisse bei den Scientific Sessions der American Diabetes Association (ADA) in New Orleans vorstellte [2].

„Das Follow-up der ACCORD Eye Study zeigt, dass es den Legacy-Effekt der Euglykämie nicht nur bei neu entdeckten Typ-2-Diabetes-Patienten gibt, sondern auch noch nach zehn Jahren Erkrankungsdauer und auch bei anderen Zeichen der Schädigung“, kommentierte Prof. Dr. Hans-Peter Hammes vom Beirat der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Auge der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) die Studienergebnisse.

 
Diese Studie ist eine wirklich gute Nachricht für Menschen mit Typ-2-Diabetes, die Angst davor haben, ihr Sehvermögen zu verlieren. Dr. Emily Y. Chew und Kollegen
 

Die langfristig positiven Auswirkungen einer intensivierten Blutzuckereinstellung bei Patienten mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes hatte bereits die UK Prospective Diabetes Study (UKPDS) gezeigt. „Dass es diesen Legacy-Effekt gibt, ist nicht so überraschend, aber sehr wohl, dass die Retina über diese längere Periode offenbar noch so ‚plastisch‘ reagiert“, ergänzt Hammes.

ACCORD, ACCORD Eye, ACOORDION Eye

Für die ACCORD-Studie (2003-2009) wurden Patienten mit Typ-2-Diabetes auf eine intensive oder normale Therapie des Blutzuckers (HbA1c < 6,0% vs 7,0-7,9%), des Blutdruckes (< 120 vs 140 mmHg) und der Dyslipidämie (Fenofibrat 160 mg plus Simvastatin vs Placebo plus Simvastatin) randomisiert. Ein Teil der Patienten (n = 1.310), für die Augenuntersuchungen und Fundusaufnahmen vorlagen, nahm an der ACCORD Eye Study teil.

Sie wurden in der ACCORD Follow-On (ACCORDION) Eye Study (2010-2014) – deren Ergebnisse Chew nun beim Kongress vorstellte - 4 Jahre nach Ende der ACCORD- bzw. ACCORD Eye-Studie nachuntersucht. Primärer Endpunkt der Untersuchung war das Fortschreiten der diabetischen Retinopathie um 3 oder mehr Schritte auf der Early Treatment Diabetic Retinopathy Study Skala.

Nur Blutzuckereinstellung mit Legacy-Effekt

 
Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine intensive Blutzuckertherapie dauerhaften Schutz vor dem Fortschreiten einer diabetischen Retinopathie bietet. Dr. Emily Y. Chew und Kollegen
 

Die Follow-up-Untersuchung der Patienten 4 Jahre nach Ende der randomisierten Therapiephase ergab: Patienten, die 8 Jahre zuvor auf die intensive Blutzuckereinstellung randomisiert worden waren, profitierten immer noch von der Phase intensiver Therapie: Bei nur 5,8% von ihnen war die diabetische Retinopathie fortgeschritten, verglichen mit 12,7% der Patienten, die eine normale Blutzuckereinstellung erhalten hatten (Odds Ratio: 0,42; p < 0,0001).

In der ACCORD Eye Study hatte auch die intensivere Therapie der Dyslipidämie noch einen günstigen Effekt gehabt. Dieser war nun nicht mehr messbar: In der Gruppe, die zusätzlich zu Simvastatin Fenofibrat erhalten hatte, war die diabetische Retinopathie bei 11,8% fortgeschritten, in der Gruppe, die nur Simvastatin erhalten hatte, bei 10,2% (OR: 1,13%; p = 0,06).

„Die zusätzliche Fenofibrattherapie war nach Ende von ACCORD abgesetzt worden“, schreiben die Autoren um Chew in ihrem zeitgleich zum Kongress in Diabetes Care veröffentlichten Artikel. „Die Unterschiede der Cholesterin- und Triglyzeridwerte zwischen den beiden Gruppen gingen dadurch verloren.“ Beim Kongress ergänzte Chew:„Das könnte bedeuten, dass die Fenofibrattherapie fortgeführt werden muss, um den Nutzen aufrecht zu erhalten, aber dies bedarf der weiteren Erforschung.“

„Da Fenofibrat in ACCORD keinen günstigen Effekt auf kardiovaskuläre Ereignisse gezeigt hatte, wird es von Ärzten nicht routinemäßig zur Therapie zu hoher Blutfettwerte eingesetzt. Und Augenärzte verschreiben selten Medikamente, die in anderen Organsystemen als dem Auge wirken“, schreiben die Autoren weiter. „In diesem Fall wäre es wichtig, dass die Ärzte, die den Diabetes behandeln, und Ophthalmologen zusammenarbeiten und die Rolle von Fenofibrat zur Behandlung der diabetischen Retinopathie noch einmal überdenken.“

 
Das Mortalitätsrisiko steigt, wenn man es mit der Senkung des Blutzuckers übertreibt. Prof. Dr. Hans-Peter Hammes
 

Bei der Blutdrucktherapie wurde schon in der ACCORD Eye Study kein Effekte auf die Progression der Retinopathie beobachtet und daran hatte sich auch 4 Jahre später nichts geändert: Unter intensiver Blutdrucksenkung erreichten 7,5% der Patienten den primären Endpunkt, unter normaler Blutdrucksenkung 6,0% (OR: 1,21; p = 0,59).

Im Gegensatz dazu hatte die UKPDS bei den diagnostizierten Typ-2-Diabetikern nach 7,5 Jahren noch eine signifikante Reduktion der Retinopathie-Progression unter intensiver Blutdruckkontrolle gezeigt. „Offenbar kommt es hier auf das Stadium der Erkrankung an, möglicherweise spielt die Blutdruckkontrolle vor allem in einem engen Zeitfenster und nur bei bestimmten Subgruppen eine Rolle“, so Hammes.

Nutzen für die Augengesundheit – aber erhöhte Mortalität?

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine intensive Blutzuckertherapie dauerhaften Schutz vor dem Fortschreiten einer diabetischen Retinopathie bietet“, schlussfolgern Chew und ihre Kollegen. Doch übertreiben sollte man es nicht: Die ACCORD-Studie war nach 3,7 Jahren gestoppt worden, als deutlich wurde, dass die Patienten in der Gruppe mit intensiver Blutzuckereinstellung ein im Vergleich zur normalen Blutzuckereinstellung erhöhtes Sterberisiko hatten. Zum Zeitpunkt des Studienabbruchs hatten die Patienten mit intensiver Therapie einen HbA1c von 6,4% und diejenigen mit normaler Therapie einen Hba1c von 7,7%.

„Das Mortalitätsrisiko steigt, wenn man es mit der Senkung des Blutzuckers übertreibt“, betonte Hammes gegenüber Medscape. „Der HbA1c-Zielwert zur Retinopathie-Prävention liegt laut Leitlinien bei 7% und nicht darunter – insbesondere dann nicht, wenn sich daraus ein Risiko für die Patienten ergibt.“

 

REFERENZEN:

1. Chew EY, et al: Diabetes Care 2016;39(7):1089-100

2. 76th American Diabetes Association Scientific Sessions, 10. bis 14. Juni 2016, New Orleans/USA

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....