Fußball-EM: Deutsche Diabetes Gesellschaft und foodwatch protestieren beim Werberat gegen DFB-Kooperation mit Coca-Cola

Christian Beneker

Interessenkonflikte

29. Juni 2016

Das zischt zu sehr, finden Diabetologen und Ernährungswissenschaftler: Vor und nach jedem Spiel der Fußball-Europameisterschaft rückt die Regie ein Glas eisgekühlter, perlender Coca-Cola ins Blickfeld der Fernsehzuschauer. Bei all dem Schweiß der deutschen Nationalmannschaft sollen sich auch die Fans nach einer Erfrischung sehnen, so das Kalkül der Werber. Aber während Jogis Spieler zur Wasserflasche greifen, sollen die Fans die süße Brause kaufen und trinken. Besonders Kinder dürften reagieren und gerne zur Cola-Dose greifen („Hol Dir das Team auf 24 Sammeldosen“), wenn Kroos, Khedira oder Müller darauf abgebildet sind, meinen Kritiker.

 
Wenn es der Deutsche Werberat mit seinen selbst gesetzten Verhaltensregeln ernst meint, muss er dem Treiben von Coca-Cola ein Ende setzen. Oliver Huizinga
 

Solche Konnotation von potentiell gesundem Sport und fitten Sportlern auf der einen Seite und zuckersüßen Erfrischungen auf der anderen wollen die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und die Verbraucherorganisation foodwatch nicht akzeptieren. Nun haben sie sich beim Deutschen Werberat über die Zusammenarbeit des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Coca-Cola beschwert [1]. Mit den Gesichtern der deutschen Nationalelf verlocke Coca-Cola Kinder zum Kaufen ungesunder Zuckergetränke und trage damit bei zum Anstieg von Übergewicht, Typ-2-Diabetes und anderen chronischen Krankheiten, protestieren DDG und foodwatch. Deshalb beantragen die Beschwerdeführer, „die Werbemaßnahmen umgehend zu stoppen."

Dem Treiben ein Ende setzen

„Coca-Cola betreibt knallhartes Marketing auf Kosten der Kindergesundheit. Der Konzern wirbt mit den Idolen Müller, Schweinsteiger und Co. für seine zuckrigen Cola-Getränke und torpediert damit die Bemühungen zahlreicher Eltern und Lehrer, Kinder für eine gesunde Ernährung zu gewinnen", so Oliver Huizinga, Experte für Lebensmittelmarketing bei foodwatch. „Wenn es der Deutsche Werberat mit seinen selbst gesetzten Verhaltensregeln ernst meint, muss er dem Treiben von Coca-Cola ein Ende setzen.“

In der Tat schreibt zwar der Werberat, dass die Lebensmittelwerbung kein entscheidender Grund für das „gesellschaftliche Problem des Übergewichtes" sei. Aber er konstatiert in seinen Grundsätzen zu Lebensmitteln auch: „Kommerzielle Kommunikation soll einem gesunden aktiven Lebensstil nicht entgegenwirken. Kommerzielle Kommunikation für Lebensmittel soll einer ausgewogenen, gesunden Ernährung nicht entgegenwirken." Zudem soll Werbung nicht direkt zum Kauf auffordern.

Prof. Dr. Baptist Gallwitz

Nach Ansicht von foodwatch und der Deutschen Diabetes Gesellschaft verstoße die Werbung aber gleich gegen 3 Verhaltensregeln des Deutschen Werberats über die kommerzielle Kommunikation für Lebensmittel: Erstens sei die Kampagne eine „direkte Aufforderung zum Kauf oder Konsum an Kinder“. Zweitens nutze Coca-Cola das besondere Vertrauen aus, das Kinder etwa den Fußballern Bastian Schweinsteiger oder Mats Hummels entgegenbrächen. Drittens erschwere die Kampagne das „Erlernen einer ausgewogenen, gesunden Ernährung.“

DGG-Präsident: Cola erhöht das Risiko

Zuckergetränke wie Coca-Cola gelten nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als unausgewogene Lebensmittel, für deren Absatz Hersteller kein Kindermarketing betreiben sollten, so die Argumentation der Beschwerdeführer. „Flüssiger Zucker in Form von Cola und Limonaden ist besonders gefährlich. Schon eine Dose am Tag erhöht das Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes“, sagt DDG-Präsident Prof. Dr. Baptist Gallwitz. „Und die Getränke sind geradezu Zuckerbomben."

Das Problem sei „unbewusste hyperglykämische Ernährung", sagt Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland, Vorstandsmitglied der Deutschen Diabetes Gesellschaft und ihr Sprecher, zu Medscape: „Zucker führt viele Kalorien zu, ohne zu sättigen. Er steigert sogar den Hunger. Die Folge ist Übergewicht." Die WHO empfehle deshalb, höchstens 5% des täglichen Energiebedarfs durch Zucker aufzunehmen. Das entspricht bei einer erwachsenen Frau 25 Gramm Zucker am Tag. Ein halber Liter Cola enthält mit 52 Gramm Zucker mehr als das Doppelte, hieß es.

 
Flüssiger Zucker in Form von Cola und Limonaden ist besonders gefährlich. Schon eine Dose am Tag erhöht das Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Prof. Dr. Baptist Gallwitz
 

Coca-Cola und der DFB halten sich raus

„Die Beschwerde braucht nun einige Tage, weil wir auch das betroffene Unternehmen hören müssen", sagt Anne Grote vom Deutschen Werberat zu Medscape. Erst dann könne die Sache dem 15-köpfigen Gremium des Rates zur Beurteilung vorgelegt werden. Der Deutsche Werberat entscheidet über Verstöße gegen seinen eigens formulierten Verhaltenskodex, dazu gehören Regeln zu Lebensmittelwerbung, Kinder- und Alkoholwerbung oder sexistischer Werbung. Beschwerden über Lebensmittel werden beim Deutschen Werberat relativ häufig geführt. Im Jahr 2015 lagen sie unter 36 Branchen mit 24 Fällen auf Platz 6.

Coca-Cola ist Hauptsponsor der EM 2016 und Premium-Partner des Deutschen Fußball-Bundes. Der DFB war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Coca-Cola blieb zurückhaltend. Auf Nachfrage von Medscape teilte der Konzern mit: „Coca-Cola gibt keine Stellungnahme ab."

 

REFERENZEN:

1. Deutsche Diabetes Gesellschaft: Pressemitteilung, 28. Juni 2016

 

Kommentar

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