Die ersten tausend Tage: Ernährung in Utero und den ersten beiden Lebensjahren bestimmt, wer später zur Adipositas neigt

Dr. Thomas Meißner

Interessenkonflikte

24. Juni 2016

Dresden – Um den Globus rollt eine Adipositaswelle. Eine Ursache für die Zunahme Adipositas-kranker Menschen ist unter anderem die Ernährung in den ersten 1.000 Tagen des Lebens.

Prof. Dr. Berthold Koletzko

Die ersten 1.000 Tage – gemeint sind damit 270 Tage Schwangerschaft sowie die ersten beiden Lebensjahre. Sie seien ein Zeitraum mit „enormer entwicklungsbiologischer Plastizität“, so Prof. Dr. Berthold Koletzko von der Ludwig-Maximilians-Universität München beim Dreiländertreffen „Ernährung 2016“ in Dresden [1]. Der international renommierte Pädiater und Wissenschaftler koordiniert derzeit unter anderem das internationale EarlyNutrition-Projekt. Das von der Europäischen Union finanzierte Vorhaben ist das weltweit größte, um Auswirkungen der metabolischen Programmierung in der frühen Kindheit zu erforschen.

Von der Befruchtung der Eizelle bis zum Ende des 2. Lebensjahres nehme allein die Körpermasse um das 2.500-Millionen-Fache zu, sagte Koletzko, Gewebe und Organe würden verschaltet, der Körper metabolisch programmiert. Das hat weitreichende Bedeutung für die Gesundheit des einzelnen Menschen, seine Leistungsfähigkeit und seine Krankheitsrisiken.

„Wir haben gelernt, dass Umwelt und Ernährung in dieser Zeit lebenslang eine wichtige Rolle dafür spielen, was aus uns wird“, erklärte Koletzko. Eine verbesserte Ernährung in den ersten 1.000 Tagen sei eine „unglaubliche Chance“ für Krankheitsprävention, auch mit Blick auf das Verhindern von Fehlbildungen, für die Hirnentwicklung oder für die Ausprägung von Allergien.

„Es nützt nichts, mit 60 zu intervenieren, wir müssen mehr Prävention betreiben“, unterstützte Prof. Dr. Johannes G. Wechsler, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Ernährungsmediziner, die Vorschläge Koletzkos.

Nicht für zwei essen, sondern für zwei denken!

Auf Adipositas programmiert sind sowohl Säuglinge, die bereits im Bauch der Mutter überernährt worden sind, etwa weil die Mutter selbst adipös ist oder an Diabetes mellitus leidet, als auch Säuglinge, die postnatal überfüttert worden sind. So verdoppelt die mütterliche Adipositas das Risiko des Kindes, selbst einmal adipös zu werden. Seine Lebenszeit ist verkürzt.

In Europa sei ein linearer Zusammenhang zwischen zunehmendem Geburtsgewicht und späterer Adipositas nachgewiesen, sagte Koletzko in Dresden. Auch die Diskrepanz von fetaler Unterernährung und postnataler Überernährung, wie sie in Entwicklungsländern oder bei plazentarer Dysfunktion vorkommt, kann dafür sorgen, dass das Kind im weiteren Leben an einem metabolischen Syndrom mit allen bekannten Folgen erkrankt.

 
Wir haben gelernt, dass Umwelt und Ernährung in dieser Zeit lebenslang eine wichtige Rolle dafür spielen, was aus uns wird. Prof. Dr. Berthold Koletzko
 

„Frauen, die schwanger werden wollen, sollten ihr Körpergewicht dem Normalgewicht soweit es geht annähern“, empfahl Koletzko im Gespräch mit Medscape. Für Frauen sei die geplante Schwangerschaft in diesem Punkt eine große Motivation abzunehmen und damit nicht nur für sich, sondern auch für das Kind etwas zu tun. „Nicht für zwei essen, sondern für zwei denken!“, lautet das Motto des Kinderarztes. „Was meine Großmutter noch geglaubt hat, ist falsch: Das Baby müsse einen Löffel mehr Milchpulver im Fläschchen haben, um rund und gesund zu sein – und damit es geschützt ist vor der nächsten Durchfallepisode.“

Stillen schützt vor Adipositas

So genannte „Flaschenkinder“ sind signifikant schwerer im Vergleich zu Kindern, die 6 Monate oder länger gestillt worden sind, haben Koletzko und seine Mitarbeiter bereits vor 15 Jahren festgestellt – international ist das in Beobachtungsstudien bestätigt worden. Aus Metaanalysen geht hervor, dass Stillen eine Reduktion der Adipositasrate um 12 bis 24% bewirkt. Muttermilch enthält nicht nur weniger Energie als Flaschenmilch, problematisch ist zudem eine übermäßige Proteinzufuhr über die Flaschennahrung.

Koletzko und seine Mitarbeiter hatten das im Childhood Obesity Project geprüft: Knapp 1.700 reife Säuglinge aus 5 EU-Ländern hatten in den ersten 12 Lebensmonaten unterschiedlich viel Protein bei gleicher Energiezufuhr erhalten. Im Alter von 6 Jahren waren 10% der konventionell ernährten Kinder adipös, aber nur 4% der mit wenig Protein gefütterten Kinder und 3% der gestillten Kinder.

Das heißt, mit einer sehr einfachen Intervention – nämlich dem Stillen mindestens im ersten Lebenshalbjahr und mit einem verminderten Protein- und Zuckergehalt der Beikost oder der Flaschennahrung – kann das Adipositasrisiko auf ein Drittel reduziert werden. Außerdem sollten Säuglinge im ersten Lebensjahr keine Kuhmilch erhalten, denn diese enthält dreimal mehr Protein als Muttermilch.

Hintergrund ist die Tatsache, dass Säuglinge nur begrenzt verzweigt-kettige Aminosäuren abbauen können. Die hohe Proteinzufuhr führt zu einer überproportionalen Zunahme verzweigt-kettiger Aminosäuren, die Verarbeitungskapazität der Säuglinge wird überschritten. Diese Aminosäuren sind Signalmoleküle, welche verschiedene Wachstumsfaktoren, besonders IGF-1 (Insulin-like growth factor 1), stark induzieren. Letzterer ist ein Treiber der Gewichtszunahme im Säuglingsalter, er hat aber offenbar auch Jahre später noch einen signifikanten Einfluss auf das Körpergewicht.

 
Es nützt nichts, mit 60 zu intervenieren, wir müssen mehr Prävention betreiben. Prof. Dr. Johannes G. Wechsler
 

Koletzko und seine Kollegen haben diesen Zusammenhang verglichen mit genetischen Einflüssen oder Einflüssen des Geschlechts. Doch im Vergleich dazu hatte die Ernährung im Säuglingsalter einen geradezu dramatischen Effekt. Auch Rauchen in der Schwangerschaft erhöht das Risiko einer späteren Adipositas des Kindes, obwohl das Geburtsgewicht dieser Kinder eher erniedrigt ist.

Prävention in der Kindheit günstiger und effektiver

Die Erfolge der Behandlung adipöser Menschen sind unbefriedigend, Übergewicht und Adipositas nehmen weltweit zu. Daher müsse stärker als bislang auf frühe präventive Maßnahmen gesetzt werden, fordert Koletzko. „Die Effektgröße im Erwachsenenalter ist moderat und vergleichsweise teuer. Die gleiche Investition in der Kindheit ist günstiger und effektiver“, erklärte er und verwies auf Analysen des Wirtschafts-Nobelpreisträgers James Heckman. „Für einen investierten Dollar erhalte ich neun Dollar Return on Investment“.

Soll heißen: Das Stillen muss gefördert und geschützt werden, Flaschennahrungen sollen vergleichsweise wenig Protein enthalten und die Beikost für Säuglinge sollte nicht übermäßig viel Zucker und tierisches Protein enthalten.

 

REFERENZEN:

1. Ernährung 2016, 9. bis 11. Juni 2016, Dresden

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....