Abschied vom polyzystischen Ovar-Syndrom: Neuer Name und viele offene Fragen

Manuela Arand

Interessenkonflikte

23. Juni 2016

New Orleans – Was heute noch polyzystisches Ovar-Syndrom (PCOS) heißt, könnte schon bald in metabolisch-reproduktives Syndrom (MRS) umgetauft werden. Denn viele Patientinnen haben gar keine Zysten, und jede dritte bis vierte gesunde Frau weist Zysten ohne Krankheitswert auf.

„Wir brauchen eine neue Bezeichnung für diese Entität, die dieses komplexe klinische Syndrom besser beschreibt“, betonte Prof. Dr. Andrea Dunaif, Feinberg School of Medicine, Universität Chicago, beim Kongress der American Diabetes Association (ADA) [1].

Sie hofft, dass ein adäquaterer Name auch die Forschung beflügeln könnte. Zurzeit tun sich aber selbst die Mitglieder der Kommission, die MRS als neue Bezeichnung etablieren möchte, schwer damit – die meisten reden weiter vom PCOS.

Hormone aus dem Gleichgewicht

 
Wir brauchen eine neue Bezeichnung für diese Entität, die dieses komplexe klinische Syndrom besser beschreibt. Prof. Dr. Andrea Dunaif
 

Die Argumentation für die Umbenennung: Im Zentrum des Syndroms stehen nicht Zysten, sondern Adipositas, Hormonveränderungen und Fertilitätsstörungen. Gonadotropin-Releasing- und Luteinisierendes Hormon sind erhöht, Follikel-Stimulierendes Hormon erniedrigt, was zu der oft massiven Störung der Ovarialfunktion führt. Testosteron steigt an, wird jedoch nur unzureichend zu Estrogen umgebaut, sodass dessen Spiegel sinkt. Das Übergewicht, das die meisten Patientinnen haben, verstärkt die hormonelle Fehlregulation.

In der Folge kommt es zu Hyperinsulinismus, Insulinresistenz und schon in jungen Jahren zum Typ-2-Diabetes mit steigendem kardiovaskulärem Risiko. Insulin erzeugt dabei nicht nur metabolische Effekte, sondern wirkt auch auf das reproduktive System, indem es beispielsweise die Testosteronsynthese in den Thekazellen des Ovars stimuliert und die Spiegel der Sexualhormon-bindenden Globuline senkt. Der Überschuss an freiem Testosteron führt zu Androgenisierung und Hirsutimus.

 
Therapeutisch stellt das PCOS uns vor große Herausforderungen, weil wir die Pathophysiologie noch nicht verstanden haben. Prof. Dr. David Ehrmann
 

Was den Patientinnen am meisten zu schaffen macht, sind nicht die metabolischen Risiken, sondern die Adipositas und die Fertilitätsstörungen, berichtete Prof. Dr. Helena Teede, Monash University, Melbourne. Patientinnen mit PCOS sind nicht nur eingeschränkt fruchtbar, sondern erleiden auch überdurchschnittlich häufig Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie (7-fach erhöht) und Gestationsdiabetes (3- bis 4-fach erhöht), unabhängig vom Body-Mass-Index.

Keine zugelassene Therapieoption

„Therapeutisch stellt das PCOS uns vor große Herausforderungen, weil wir die Pathophysiologie noch nicht verstanden haben“, sagte Prof. Dr. David Ehrmann, Universität Chicago. Natürlich lassen sich Therapieziele definieren und einzelne Symptome gezielt angehen, etwa Hirsutismus und Akne mithilfe von Antiandrogenen oder die Anovulation mit Gonadotropinen.

 
Ob die Adipositas Ursache oder Folge des PCOS ist, ist weitgehend irrelevant, denn die Beeinflussung des Syndroms und seiner Symptome durch die Gewichtsabnahme ist Fakt. Prof. Dr. David Ehrmann
 

Für das Syndrom an sich existiert jedoch bislang kein einziges zugelassenes Medikament. Auch Metformin, das breit eingesetzt wird, fehlt die behördliche Anerkennung für diese Indikation. Es scheint aber eine Reihe positiver Effekte auszuüben, indem es den Insulinspiegel durch Reduktion der hepatischen Glukoneogenese senkt und die Androgensynthese in den Thekazellen unterdrückt.

Derzeit gelten außerdem GLP1-Analoga und die bariatrische Chirurgie als vielversprechend. Das Inkretin GLP1 hat vielfältige Wirkungen, auch im ZNS, erläuterte Ehrmann. Das GLP1-Analogon Liraglutid ist mittlerweile auch als Antiadipositum zugelassen. Es senkt den Blutzucker, verbessert das Lipidprofil, dämpft Hunger und Appetit und führt zu einer deutlichen Gewichtsreduktion.

Noch stärkere Effekte lassen sich per Magenband und Magenbypass erzielen. In einer kleinen Studie an 17 Patientinnen mit PCOS konnte gezeigt werden, dass die Androgenisierungserscheinungen rückläufig sind, weil der Testosteronspiegel sinkt. Außerdem verbessern sich Insulinsensitivität und Stoffwechselprofil.

„Ob die Adipositas Ursache oder Folge des PCOS ist, ist weitgehend irrelevant“, meint Ehrmann, „denn die Beeinflussung des Syndroms und seiner Symptome durch die Gewichtsabnahme ist Fakt.“

MRS (früher PCOS) in hohem Maße hereditär

Geschwisterstudien haben gezeigt, dass genetische Einflüsse erheblich bei der Entstehung des MRS mitwirken. Frauen mit einer am MRS leidenden Schwester haben ein 40%iges Risiko, ebenfalls zu erkranken – fast 6-mal so hoch wie in der Durchschnittsbevölkerung (7%). Bei eineiigen Zwillingen beträgt das Risiko rund 70%.

„Das eine MRS-Gen wird es aber nicht geben“, dämpfte Dunaif in New Orleans vorschnellen Optimismus. Die Suche nach MRS-Genen gleiche einem Puzzlespiel. Unter 160 Kandidatengenen, die vor allem für Sexualhormon-Synthese, Follikulogenese, Insulinmetabolismus und Energiehomöostase zuständig sind, fand sich keines mit wirklich starkem Einfluss. Aktuell setzt die Forschung auf genomweite Assoziationsstudien und erhofft sich davon mehr Einblick.

 

REFERENZEN:

1. 76. Kongress der American Diabetes Association (ADA), 09.bis 14. Juni 2016, New Orleans/USA

 

Kommentar

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