EURO-SKI-Studie bei chronisch myeloischer Leukämie: Ein Therapiestopp ist möglich – unter bestimmten Voraussetzungen

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

17. Juni 2016

Kopenhagen – Bei Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie (CML), die auf Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) tief molekular ansprechen, kann die Therapie bei sorgfältiger Überwachung gestoppt werden. Dies bestätigten die Ergebnisse der EURO-SKI-Studie (Europe Stop Tyrosine Kinase Inhibitors) erneut, die Prof. Dr. Johan Richter, Abteilung für molekulare Medizin und Gentherapie an der Universität Lund, Schweden, beim  Jahreskongress der European Hematology Association (EHA) in Kopenhagen vorgestellt hat [1].

Prof. Dr. Johan Richter

Therapiestopp gut für den Patienten und das Gesundheitssystem

„Etwa sechs Jahre Imatinib-Behandlung könnten als optimale Dauer vor einem Stopp der Behandlung angesehen werden“, berichtete Richter weiter. Und: „Alle Patienten, die ein Rezidiv erlitten, reagierten auf eine erneute TKI-Therapie. Aber alle Patienten, die in die Studie eingeschlossen waren, hatten vor dem Stopp keine Resistenz auf einen TKI gezeigt.“

 
Etwa sechs Jahre Imatinib-Behandlung könnten als optimale Dauer vor einem Stopp der Behandlung angesehen werden. Prof. Dr. Johan Richter
 

Durch den Therapiestopp werden den Patienten nicht nur unerwünschte Wirkungen der Behandlung erspart, auch die Einsparungen für das Gesundheitssystem sind nicht zu verachten. Wie Prof. Dr. Francois-Xavier Mahon, Universität Bordeaux, bei einer EHA-Pressekonferenz berichtete, wurde anhand der Ergebnisse der beiden von ihm geleiteten STIM-Studien errechnet, dass sich durch den Stopp der TKI-Therapie alleinbei den insgesamt  224 Studienteilnehmern pro Jahr 20 Mio. Euro sparen lassen. Insgesamt werden die Kosten für die TKI-Therapie pro Patient und Jahr in Europa auf 30.000 bis 40.000 Euro geschätzt. Dagegen müssen die Kosten für die intensive Überwachung gerechnet werden.

Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) haben die Lebenserwartung von Patienten mit CML dramatisch verbessert. Weil viele Patienten ein sehr tiefes Ansprechen erreichen, besteht die Hoffnung, dass man die Erkrankung auch heilen kann. „Ein wichtiger Schritt in Richtung Heilung der CML ist es, die Rate an Patienten zu erhöhen, die nach einem Absetzen der TKI anhaltend in molekularer Remission bleiben“, so Richter. Verschiedene Studien, wie zum Beispiel die STIM-Studie oder die TWISTER-Studie, haben ergeben, dass bei 40 bis 60% der CML-Patienten in tiefer molekularer Remission die TKI-Therapie erfolgreich gestoppt werden kann.

 
Ein wichtiger Schritt in Richtung Heilung der CML ist es, die Rate an Patienten zu erhöhen, die nach einem Absetzen der TKI anhaltend in molekularer Remission bleiben. Prof. Dr. Johan Richter
 

EURO-SKI zur Klärung weiterer Fragen

Nach wie vor sind jedoch zum TKI-Stopp noch eine Reihe von Fragen offen, die nun zum Teil in der EURO-SKI beantwortet werden sollten, beispielsweise wie lange eine TKI-Therapie vor dem Stopp optimal dauern und wie lange das tiefe Ansprechen vor dem Stopp optimal anhalten soll.

In die EURO-SKI-Studie wurden zwischen Mai 2012 und Dezember 2014 insgesamt 760 Patienten aufgenommen, die mindestens 3 Jahre in Erstlinientherapie mit einem TKI behandelt worden waren und seit mindestens einem Jahr ein tiefes Ansprechen erreicht hatten. Patienten, die auf einen TKI nicht angesprochen hatten, waren ausgeschlossen. Ihre TKI-Behandlung wurde gestoppt und sie wurden engmaschig überwacht.

Drei Jahre nach Therapie-Stopp noch die Hälfte der Patienten in Remission

6 Monate nach dem Stopp der Tyrosinkinase-Inhibitor-Behandlung waren noch 62% der Patienten in Remission, nach 12 Monaten waren es 56%, nach 24 Monaten 52% und nach 36 Monaten 49%. „Die meisten Rückfälle treten relativ früh nach dem Therapiestopp auf. In der STIM-Studie werden die Patienten nach etwa acht Jahr nachbeobachtet, da zeigt sich, dass ein Plateau erreicht wurde“, so Richter. Alle Patienten mit einem Rezidiv sprachen auf eine erneute TKI-Behandlung wieder an.

 
Die meisten Rückfälle treten relativ früh nach dem Therapiestopp auf. Prof. Dr. Johan Richter
 

Univariate Analysen ergaben, dass die Dauer der Imatinib-Therapie und des tiefen Ansprechens signifikant mit dem MMR-Status nach 6 Monaten korrelierten. Ein weiteres Jahr Imatinib-Therapie und ein weiteres Jahr tiefen Ansprechens erhöhten jeweils die Chance auf Rezidivfreiheit 6 Monate nach Absetzen um 16%. Bei einer Imatinib-Behandlung über mehr als 5,8 Jahre betrug das molekulare rückfallfreie Überleben nach 6 Monaten 65,5%, bei Imatinib-Therapie mit bis zu 5,8 Jahren 42,6%. Bei etwa 30% der Patienten wurde ein TKI-Absetzsyndrom beobachtet, das sich in neu auftretenden, jedoch meist vorübergehenden muskuloskeletalen Beschwerden zeigte.

Zur Frage, ob TKI nun auch außerhalb von Studien abgesetzt werden sollten, wies Richter darauf hin, dass man dazu ein gutes Labor bräuchte und die Patienten sehr sorgfältig überwachen müsse: „So wie James Bond eine Lizenz zum Töten hatte, ist bei der Behandlung von CML-Patienten eine Lizenz zum Stopp erforderlich.“

 

REFERENZEN:

1. 21. Jahreskongress der European Hematology Association (EHA), 9. bis 12. Juni 2016, Kopenhagen

 

Kommentar

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