Gesundheitswarnung in den USA: Urethritis durch Meningokokken – Übertragung durch Oralsex?

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

16. Juni 2016

Gesundheitsexperten in den USA haben auf einen lokalen Ausbruch von Urethritis-Erkrankungen, die durch Neisseria-meningitidis-Bakterien hervorgerufen wurden, aufmerksam gemacht [1]. In ihrem Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR) mahnen die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) Ärzte und anderes Gesundheitspersonal zur Wachsamkeit hinsichtlich des Bakterienstamms, der offenbar durch oralen sexuellen Kontakt verbreitet wird.

Der Bakterienstamm hatte bei fast allen Betroffenen, die dem CDC 2015 aus 2 Kliniken in Columbus, Ohio, und Oakland, Michigan, gemeldet worden waren, zu einer Urethritis geführt. Die beiden Kliniken nehmen am Gonokokken-Isolat-Untersuchungsprojekt des CDC teil.

„Dieser Bericht beschreibt einen Anstieg der Fälle von Urethritis, die durch Neisseria meningitidis hervorgerufen werden“, schreiben die Experten vom CDC um Dr. Jose Bazan vom Ohio State University College of Medicine in Columbus, Ohio, USA. Es handelte sich bei den Infizierten um Männer um die 30 Jahre mit heterosexueller Orientierung. Alle 52 aus Columbus und alle 12 aus Oakland untersuchten Patienten hatten angegeben, Oralsex gehabt zu haben, und 97% von ihnen hatten eine symptomatische Urethritis infolge der Meningokokken-Infektion entwickelt.

Dr. Ulrich Marcus

Von Januar bis November 2014 waren in Columbus keine derartigen Fälle, im Dezember 2014 dann 2 und von Januar bis September 2015 sogar 52 Fälle aufgetreten. In der Klinik in Oakland County waren es 2 Fälle in 2013; 8 in 2014 und 15 Fälle von Januar bis Oktober 2015.

„Diese Meldungen über einen lokalen Ausbruch muss man ernst nehmen und weiter beobachten“, sagt Dr. Ulrich Marcus von der Abteilung Infektionsepidemiologie am Robert Koch-Institut (RKI) gegenüber Medscape.

Seit längerer Zeit bereits treten auf der ganzen Welt, auch in Deutschland, immer wieder Fälle von Urethritis durch Neisseria-meningitidis-Erreger auf, die gewöhnlich den Mund-Rachen-Bereich besiedeln und nur sehr selten zu invasiven Erkrankungen wie Meningitis oder Sepsis führen, erläutert Marcus. Dagegen löst das verwandte Bakterium Neisseria gonorrhoeae bekanntlich die bakterielle Infektionskrankheit Gonorrhoe, umgangssprachlich auch als „Tripper“ bezeichnet, aus, bei der die Schleimhäute von Harn- und Geschlechtsorganen befallen werden.

Unter dem Mikroskop seien die beiden Erreger nicht unterscheidbar, wohl aber durch eine auch vom CDC angewendete PCR (Polymerase Chain Reaction)-Testung, erklärt Marcus.

Meningokokken vom Rachenraum in die Harnröhre: Übertragung durch Oralverkehr?

In Deutschland gibt es etwa 10.000 bis 20.000 Menschen pro Jahr, die mit Gonorrhoe infiziert sind; eine invasive Meningokokken-Erkrankung findet sich bei etwa 300 bis 350. „Es gibt aber eine viel größere Zahl von Menschen, bei denen Meningokokken als harmlose Besiedler im Mund-Rachenraum vorkommen und keine Erkrankungen verursachen“, sagt Marcus.

 
Diese Meldungen über einen lokalen Ausbruch muss man ernst nehmen und weiter beobachten. Dr. Ulrich Marcus
 

Etwa 70% der Meningokokken-Erkrankungsfälle werde durch die Serogruppe B verursacht. Gegen die Serogruppen A, C, W, Y und B seien Meningokokken-Impfstoffe verfügbar, wobei der Serogruppe-B-Impfstoff nicht gegen alle Meningokokken-B-Stämme schütze, erklärt der RKI-Experte.

Bei den Urethritis-Patienten in den USA, deren Erreger am CDC untersucht wurden, konnte die Serogruppe nicht eindeutig identifiziert werden, berichten die Forscher. In Genanalysen wiesen 11 der 12 Isolate der Neisseria-meningitidis-Erreger aus Oakland County das gleiche Genprofil auf wie alle Erreger aus Columbus. Da alle Patienten aus Columbus und 93% aus Oakland County angaben, Oralverkehr gehabt zu haben, gehen die Forscher von einer lokal gehäuften Übertragung des Erregers durch sexuellen Kontakt vom Rachenraum in die Harnröhre aus.

 
Da sich der Bakterienstamm offenbar durch sexuellen Kontakt verbreitet, ist eine erhöhte Achtsamkeit geboten. Dr. Jose Bazan und Kollegen
 

Vor fast genau 3 Jahren, berichtet Marcus, kam es in Berlin und Paris zu einer lokal gehäuften Übertragung eines speziellen Bakterienstamms von Neisseria meningitidis unter homosexuellen Männern. Molekulargenetische und Stoffwechsel-Untersuchungen konnten zeigen, dass dieser Bakterienstamm eine Stoffwechsel-Eigenschaft besaß, die ihm ein besseres Wachstum in der Harnröhre ermöglichte. Diese Eigenschaft besitzen auch Gonokokken.

Forscher, unter anderem vom RKI, vermuten, dass die sexuelle Übertragung bei dieser Häufung ebenfalls eine Rolle gespielt haben könnte, wie sie in einem kürzlich auf PLoS ONE veröffentlichten Artikel erklären. In Berlin waren 4 Männer infolge der Meningokokken-Erkrankung gestorben. Daraufhin hatten die zuständigen Behörden des Landes Berlin homosexuelle Männer zu Impfungen gegen den Erreger aufgerufen – kurze Zeit später war die Infektionswelle gestoppt.

Auftreten von Urethritis durch Meningokokken-Erreger in Deutschland unbekannt

In Deutschland, sagt Marcus, gebe es keine systematischen Erkenntnisse über die Häufigkeit von Urethritis durch Meningokokken-Erreger. Bisher sind lediglich anekdotische Fälle bekannt geworden. Der aktuelle lokale Ausbruch von N. meningitidis-Urethritiden in den USA werde nun zum Anlass genommen, Labore, die Urethritis-Patienten normalerweise auf Neisseria gonorrhoeae untersuchen, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, dass N. meningitidis dieselben Symptome verursachen könne, sagt Marcus.

 
Falls sich bei weiteren Untersuchungen zeigen sollte, dass Meningokokken in Deutschland in nennenswertem Umfang bei Erwachsenen zu Harnröhren-entzündungen führen, müsste man überlegen, ob man die Impfempfehlungen für besonders betroffene Gruppen erweitert. Dr. Ulrich Marcus
 

Verdächtige Bakterienisolate sollen dann an das Nationale Referenzzentrum für Meningitis-Erreger des RKI an der Universität Würzburg weitergeleitet werden. Dort werden Ärzte zu Meningokokken-Infektionen beraten und detaillierte Typisierungen von Meningokokken-Stämmen durchgeführt.

„Da sich der Bakterienstamm offenbar durch sexuellen Kontakt verbreitet, ist eine erhöhte Achtsamkeit geboten“, warnen die Experten aus den USA. Ärzten wird empfohlen, eine durch Meningokokken hervorgerufene Urethritis genauso zu behandeln wie eine Urethritis durch Gonokokken-Erreger (Einzeldosis 250 mg Ceftriaxon intramuskulär, plus Einzeldosis 1g Azithromycin oral).

Die Ständige Impfkommission (STIKO) des RKI empfiehlt seit 2006 für alle Kinder im 2. Lebensjahr eine einmalige Impfung gegen Meningokokken C. Die meisten Erwachsenen, sagt Marcus, haben dagegen keinen Impfschutz. „Falls sich bei weiteren Untersuchungen zeigen sollte, dass Meningokokken in Deutschland in nennenswertem Umfang bei Erwachsenen zu Harnröhrenentzündungen führen, müsste man überlegen, ob man die Impfempfehlungen für besonders betroffene Gruppen erweitert“, bemerkt der Experte. Dies gelte allerdings nur, falls es sich um bekapselte Meningokokken-Stämme handeln sollte, die durch die verfügbaren Impfstoffe verhindert werden könnten.

Obwohl in Europa seit 2013 ein Impfstoff gegen B-Meningokokken zugelassen ist, wie Medscape berichtete, empfiehlt die STIKO diese Impfung bislang nur für Personen mit erhöhtem Risiko für eine invasive Meningokokken-Erkrankung.  

 

REFERENZEN:

1. Bazan JA, et al: MMWR (online) 3. Juni 2016

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....