EU will freien Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln bis 2020 durchsetzen – ein realistisches Ziel?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

15. Juni 2016

Milliarden Euro Steuergeld fließen in die medizinische Forschung. Hätte da die Gesellschaft nicht das Recht, kostenlos zu erfahren, wofür all ihr Geld ausgegeben wurde? Sollten nicht wenigstens die Unikliniken, Lehrkrankenhäuser, die Studierenden und Forschenden freien Zugang zu den Forschungsergebnissen haben? Die Antwort liegt auf der Hand.

Prof. Dr. Gerd Antes

Tatsächlich aber sei die Wissenschaftsgemeinde abhängig von einer Handvoll Verlage, die für ein horrendes Geld ihre Abonnements anbieten und zwar für so viel Geld, „dass es sich zum Beispiel manche Lehrkrankenhäuser nicht mehr leisten können“, sagt Prof. Dr. Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg. „Mit anderen Worten: Kommt ein junger Arzt von der Uni an ein betroffenes Lehrkrankenhaus, ist er von heute auf morgen von der Forschung abgeschnitten." Deshalb fordern Leute wie Antes „Open Access“, freien Zugang zu den Forschungsergebnissen der Medizin – und nicht nur dort, sondern in jeder Disziplin.

Jetzt erhalten sie Schützenhilfe vom Rat für Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union (EU), dem Competitiveness Council. Er hat Mitte Mai seine „Council Conclusions on the Transition towards an Open Science System“ formuliert [1]. Darin heißt es: „Ab 2020 müssen alle wissenschaftlichen Publikationen zu Ergebnissen öffentlich finanzierter Forschungsarbeiten frei zugänglich sein.“

Zwei Wege zum Open Access

Um den freien Zugang zu ermöglichen, kommen im Prinzip 2 Wege in Frage, der „grüne“ und der „goldene“ Weg. Die Forderung des Competitiveness Council laufe darauf hinaus, den grünen Weg zur Regel zu machen, sagt Dr. Birgit Schmidt, an der Universitätsbibliothek Göttingen für die Onlinepublikationen zuständig. Dieser besagt, dass die Arbeiten zunächst in einem Journal veröffentlicht werden, und nach einer Sperrfrist „wird eine Kopie in einer institutionellen Infrastruktur publiziert", so Schmidt. Also zum Beispiel auf einem Server der Universität Göttingen. „Weltweit wird schätzungsweise mit 13% bis 15% aller publizierten wissenschaftlichen Arbeiten so verfahren", sagt Schmidt. Voraussetzung ist natürlich, dass die Verlage und die Autoren einverstanden sind.

Vor allem die Verlage ringen dabei um eine möglichst lange Sperrfrist, damit sich die Leser trotz der Aussicht auf eine freie Veröffentlichung noch für den Kauf der Zeitschrift oder eines ihrer oft teuren Artikel im Internet entscheiden. Beim Journal of the American Medical Association (JAMA) zum Beispiel beträgt die Sperrfrist 6 Monate. Für die Verlage ist die Sache lukrativ. Mitunter kassieren sie nicht nur vom Leser, sondern auch von Autoren, denn wenn der seine Arbeit nach der Sperrfrist barrierefrei veröffentlich will, muss er zahlen: „Double Dipping“ heißt das einträgliche Geschäftsmodell der Verlage. „Die Verlage neigen gelegentlich dazu, ihre Oligopolstellung auszunutzen“, kommentiert Dr. Elmar Schultz, Beauftragter für Open Access der Deutschen Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

 
Ab 2020 müssen alle wissenschaftlichen Publikationen zu Ergebnissen öffentlich finanzierter Forschungsarbeiten frei zugänglich sein. Competitiveness Council
 

Der goldene Weg indessen würde bedeuten, die Arbeiten über entsprechende Portale ohne Umschweife barrierefrei ins Internet zu stellen. Bezahlt werden sie dann nur von den Autoren, beziehungsweise von ihren Instituten. Schmidt schätzt die durchschnittlichen Kosten pro Artikel dafür auf 1.000 bis 1.500 Euro. „Göttingen hat darum zwei Budgets – eins für die Open-access-Zeitschriften und eins für die Abonnements“, sagt Schmidt. Ein Beispiel für den goldenen Weg zeigt die Online-Plattform Public Library of Science, PLOS ONE, beziehungsweise PLOS Medicine. Klar, dass sich die Verlage nur dann auf eine solche Regelung einlassen würden, wenn sie keine Einbußen hätten.

Lösung mit Nebenwirkungen

Allerdings hätte eine solche Lösung Nebenwirkungen, wie Antes meint. Zwar könnten die 50% der derzeit gar nicht veröffentlichten Studien per Open Access endlich das Licht der Öffentlichkeit erblicken, sagt er. Andererseits würde der Markt nicht mehr von der Nachfrage gelenkt, sondern vom Angebot. So könnten offene Online-Portale den Markt mit schlechten Texten zahlender Autoren aufblasen, fürchtet Antes. „Die Menge guter Autoren ist eben endlich, ebenso wie die Menge der Reviewer.“ So bräuchte es eine sorgfältige Qualitätskontrolle, was nicht einfach ist.

Zudem bleibe offen, wie die renommierte Wissenschaft reagieren würde. „Das größte Problem ist die Fächer- und Reputationskultur“, sagt Dr. Elmar Schultz von der HRK. „Science oder Nature haben sich in über 100 Jahren etabliert. Für den, der da einen Artikel platziert, ist das wie ein kleiner Nobelpreis und sehr wichtig für seine Berufungsfähigkeit.“ Mit anderen Worten: Nicht nur die Verlage setzen auf Exklusivität der großen Namen, sondern auch die Autoren.

„Auch deshalb taucht in deutschen Zeitschriften relevantes medizinisches Wissen nicht mehr auf", sagt Antes. Der so genannte Impact-Factor, der angibt, wie oft ein Artikel in einer anderen Zeitschrift zitiert wurde, liege „bei deutschen Publikationen bei 2 oder 3 aber beim JAMA bei 50“. Klar, dass Wissenschaftler ihre Ergebnisse lieber in einem der „Big Five“ lesen – dem JAMA, Lancet, dem New England Journal of Medicine (NEJM), dem British Medical Journal (BMJ) und den Annals of Internal Medicine – als irgendwo anders.

 
Die Verlage neigen gelegentlich dazu, ihre Oligopolstellung auszunutzen. Dr. Elmar Schultz
 

Paradebeispiel Norwegen

Dem sei nur mit „Graswurzelarbeit“ beizukommen, meint Schultz. Will sagen, Wissenschaftler, die den Rang ihrer Arbeit längst bewiesen haben, müssten sich für den goldenen Weg entscheiden und in frei zugänglichen Online-Magazinen publizieren und sie dadurch aufwerten. Man müsse „langfristig Open-Access-Journale aufbauen“, sagt Schultz. Klar, dass dies nicht von heute auf morgen geht. Die Frist bis 2020, die der Competitiveness Council der EU vorgegeben hat, findet Antes jedenfalls „vollkommen unrealistisch“.

 
Norwegen hat eine gute Lösung gefunden. So etwas müsste auch auf Deutschland-Ebene funktionieren. Prof. Dr. Gerd Antes
 

Mancher Deutsche Doktorand blickt deshalb sehnsuchtsvoll nach Oslo. Denn in Norwegen hat der Staat mit der „Norwegian Electronic Health Library“ ein Exempel geschaffen und mit den Verlagen für eine nationale Lizenz pauschales Geld ausgehandelt. Dafür kann nun jeder Bürger kostenfrei in der Gesundheitsbibliothek lesen. Jeder Hausarzt aus Trondheim oder Hammerfest kann auf Knopfdruck kostenlos unter anderem die Onlineveröffentlichungen der „Big Five“ studieren.

„Norwegen hat eine gute Lösung gefunden“, sagt Antes. „So etwas müsste auch auf Deutschland-Ebene funktionieren, geschaffen von einer kleinen Gruppe, die nicht von Partikularinteressen getrieben ist.“ Bezahlen sollen die deutschen forschungsunterstützenden Ministerien, und zwar nicht nur über Anschubfinanzierungen, sondern dauerhaft, wie Antes fordert. 

Perfekt indessen wäre auch diese Lösung nicht. Denn letztlich zahlt auch hier der Steuerzahler 2-mal – einmal für die Forschung selbst und ein zweites Mal für die Veröffentlichung.

 

REFERENZEN:

1. Draft Council conclusions on the transition towards an Open Science, 26. bis 27. Mai 2016

 

Kommentar

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