Wer soll das bezahlen: Sind medizinische Innovationen bald nicht mehr für alle Patienten zugänglich?

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

15. Juni 2016

Berlin – Medizinischer Fortschritt ist oft mit enormen Kosten verbunden. So werden etwa für eine 12-wöchige Therapie mit einem der neuen als bahnbrechend gefeierten Hepatitis-C-Medikamente pro Patient 50.000 € und mehr fällig, eine Immuntherapie als Hoffnungsträger gegen Krebs kann pro Jahr und Patient sogar eine hohe 6-stellige Summe verschlingen.

 
Hohe Preise auch bei zukünftigen Innovationen, stellen das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem vor erhebliche finanzielle und damit dezidiert auch ethische Herausforderungen. Prof. Dr. Dr. Dr. Eckhard Nagel
 

Welche ethischen Implikationen medizinischer Fortschritt vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen in unserem Gesundheitswesen hat, darüber diskutierten Experten auf dem Hauptstadtkongress Medizin & Gesundheit in Berlin bei der Veranstaltung „Innovationen und Ethik: Wie viel dürfen Innovationen kosten?“ [1].

Kostentreiber Arzneimittel

In erster Linie ging es dabei um den Kostentreiber Arzneimittel. „Medizinische Innovationen sind unabhängig von den Kosten ein segensreicher Fortschritt und das deutsche Gesundheitswesen ist eines der leistungsfähigsten der Welt“, sagte Prof. Dr. Dr. Dr. Eckhard Nagel vom Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth und Mitglied des Deutschen Ethikrates. Dennoch bestehe angesichts von Entwicklungen mit zum Teil exorbitant erscheinenden Arzneimittelpreisen die Sorge, dass nicht jeder, dem eine bestimmte Therapie helfen könnte, diese auch erhält bzw. dass er aus Kostengründen davon ausgeschlossen wird.

„Hohe Preise auch bei zukünftigen Innovationen“, so Nagel, „stellen das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem vor erhebliche finanzielle und damit dezidiert auch ethische Herausforderungen. Daher gewinnen Fragen einer gerechten Verteilung knapper Ressourcen an Bedeutung.“ In diesem Zusammenhang unausweichlich sei eine grundsätzliche öffentliche Debatte über Prioritäten und Verteilungsgerechtigkeit.

Solidarität und Subsidiarität als Grundprinzipien des Gesundheitswesens

Unverzichtbar sind Nagel zufolge Solidarität und Subsidiarität als Grundprinzipien des deutschen Gesundheitswesens, in dem karitatives, gemeinnütziges Engagement vor dem Hintergrund sozialer Verantwortung stattfinden soll. „Kosten- und Nutzenbewertungen bei der solidarischen Finanzierung der Arzneimittelversorgung sind zwar formal ökonomisch angelegt. Ob und wie solche Bewertungen gesundheitspolitisch relevant werden sollen, ist aber keine wertfreie Entscheidung nach ökonomischer Ratio.“ So sei bei der Preisfindung wie bei Entscheidungen über den Umfang solidarisch finanzierter medizinischer Leistungen medizinische und ökonomische, aber auch ethisch-moralische und juristische Expertise einzubeziehen.

 
Eine deutlich erhöhte Heilungschance, bessere Verträglichkeit und kürzere Behandlungsdauer sind ein Riesen-Therapiefortschritt, der auch einen gewissen Preis haben muss. Dr. Patrick Horber
 

Balance zwischen Wert und Kosten einer Innovation

Ein häufig gegenüber der Pharmaindustrie gemachter Vorwurf lautet, hohe Arzneimittelpreise für neue Produkte seien vor allem auf Gewinnstreben in diesem Markt zurückzuführen und die begrenzten Ressourcen des Gesundheitswesens würden dabei nur unzureichend berücksichtigt.

Dem entgegnete Dr. Patrick Horber, Geschäftsführer des Biopharma-Unternehmens AbbVie Deutschland, als Vertreter der forschenden Arzneimittelindustrie: „Auf der einen Seite ist es unsere Aufgabe, Innovationen auf den Markt zu bringen. Auf der anderen Seite tragen wir aber auch Verantwortung für ein nachhaltiges Gesundheitssystem, in dem die sozialen Systeme die Gesundheitskosten tragen können. Dabei gilt es, den Wert der Innovation mit deren Kosten in eine Balance zu bringen und beides nicht isoliert, sondern gemeinsam zu betrachten.“

So habe eine Hepatitis-C-Therapie vor 20 Jahren bei beträchtlichen Nebenwirkungen Heilungsraten von teilweise weniger als 40% gehabt, während mit den neuen Hepatitis-C-Medikamenten fast jeder Erkrankte – verträglicher und schneller – geheilt werden könne, betonte Horber. Dabei entsprächen die Kosten der Therapie heute in etwa denen einer Therapie zuvor – hier eingerechnet, dass die Patienten in der Vergangenheit auch 2- oder 3-mal behandelt werden mussten.

 „Eine durch die neue Hepatitis-C-Behandlung deutlich erhöhte Heilungschance, bessere Verträglichkeit und kürzere Behandlungsdauer sind ein Riesen-Therapiefortschritt, der auch einen gewissen Preis haben muss“, so Horber weiter. Ziel der Industrie sei es, einen Preis für Innovationen zu finden, der die Nachhaltigkeit eines sozialen Systems wie das der GKV sicherstelle, der Industrie aber gleichzeitig auch weiterhin bahnbrechende Forschung ermögliche.

Teure Spezialpräparate belasten die Etats der Kassen

„Als innovationsoffenes System adaptieren wir Innovationen früh und verbreiten sie schnell“, konstatierte Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK. Ursache der Ausgabensteigerungen des Gesundheitssystems sei dabei weniger der demographische Wandel als der medizinische Fortschritt – dieser allerdings könne dann in der Therapie von immer mehr älteren Menschen zur Anwendung kommen. Resultat: „Über die letzten Jahre und Jahrzehnte sind die GKV-Ausgaben immer schneller gestiegen als die Finanzierungsbasis der beitragspflichtigen Einnahmen.“ Diese gelte nicht nur, aber besonders für Medikamente.

So entfallen Straub zufolge bei den Arzneimittelausgaben der Barmer GEK derzeit knapp 40% der Ausgaben auf knapp 3% der Tagesdosen von Spezialpräparaten. Diese Situation werde sich verschärfen, wenn in Zukunft etwa neue Tumormedikamente auf den Markt kommen, bei denen die Therapie pro Patient 500.000 bis 800.000 € kosten kann.

Ausgabenbegrenzung durch normative Entscheidungen

„Wir wollen selbstverständlich Innovationen, und die Teilhabe am medizinischen Fortschritt ist eine der großen Stärken unseres GKV-Systems“, sagte Straub. „Dafür müssen wir aber an allen Punkten des Systems eingreifen, wo die Ausgaben sinnvoll zu begrenzen sind.“ Das könne die Preisfindung betreffen.

 
Wir müssen uns an teure Produkte gewöhnen – bevor wir aber rationieren oder falsch priorisieren, müssen wir erst mal rationalisieren. Dr. Rainer Hess
 

Straub betonte hier aber vor allem einen weiteren Punkt: „Wir können über normative Entscheidungen Therapien an denjenigen Zentren konzentrieren, wo sie wirklich qualifiziert erbracht werden können und damit teure Fehl- oder Überversorgungen möglichst vermeiden.“ So könnten als Voraussetzung für eine Kostenerstattung Mindestanforderungen an die strukturelle, personelle und apparative Ausstattung einer medizinischen Einrichtung sowie die dortige Erfahrung mit der jeweiligen Therapie festgelegt werden.

Moderator Dr. Rainer Hess, ehemaliger unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, brachte es mit folgendem Satz auf den Punkt: „Wir müssen uns an teure Produkte gewöhnen – bevor wir aber rationieren oder falsch priorisieren, müssen wir erst mal rationalisieren.“ Dies bedeute, Strukturen zu schaffen, in denen zunächst sorgfältig die Indikation geprüft und eine notwendige Therapie dann unter entsprechend qualifizierten Bedingungen realisiert wird.

 

REFERENZEN:

1. Hauptstadtkongress 2016 Medizin und Gesundheit, 10. Juni 2016, Berlin

 

Kommentar

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