Trotz Qualitätsunterschieden: Koloskopie-Screenings spüren einen Großteil der Polypen und Adenome auf

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

9. Juni 2016

Koloskopie-Screenings spüren einen Großteil der Polypen und Adenome in allen Abschnitten des Dickdarms auf. Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer großen, randomisierten klinischen Studie zur Früherkennung von Darmkrebs, über die Wissenschaftler um Prof. Dr. Michael Bretthauer vom Department of Health Management and Health Economics der Universität Oslo im Fachblatt JAMA Internal Medicine berichten [1].

Prof. Dr. Hermann Brenner

Allerdings hatten sich die Teilnahmeraten in den 4 untersuchten Ländern (Norwegen, Schweden, Polen und die Niederlande) sowie die individuelle Qualität der Darmspiegelungen deutlich voneinander unterschieden, schreiben die Forscher. Für die Zukunft befürwortet das Team zudem vermehrt einen Einsatz von Kohlenstoffdioxid anstelle von Raumluft, um den Darm zu weiten. Auf diese Weise ließen sich Beschwerden nach der Koloskopie entscheidend verringern.

Komplikationen treten sehr selten auf

„Die jetzt veröffentlichten Daten zeigen erneut, dass die Vorsorge-Koloskopie auch bei breiter Anwendung ein sicheres Verfahren ist, bei dem sehr selten Komplikationen auftreten“, sagt Prof. Dr. Hermann Brenner, Leiter der Abteilung für Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Genau das hätten Kritiker des Screenings immer wieder in Frage gestellt. „Aus meiner Sicht bestätigen die vorliegenden Daten, dass die Koloskopie eine gute und sichere Option im Repertoire der Vorsorgemöglichkeiten für Darmkrebs darstellt“, sagt Brenner im Gespräch mit Medscape.

Eher zurückhaltend beurteilt der Epidemiologe hingegen den Beitrag der Studie zum Nachweis der Wirksamkeit der Vorsorge-Koloskopie. Belastbare Ergebnisse zu der Frage, inwieweit das Screening die Neuerkrankungs- und Sterberate bei Darmkrebs senken könne, würden aus dieser Untersuchung frühestens in 10 bis 15 Jahren vorliegen – rund 20 Jahre nach der Rekrutierung der Teilnehmer.

Die jetzt veröffentlichten Daten zeigen erneut, dass die Vorsorge-Koloskopie auch bei breiter Anwendung ein sicheres Verfahren ist, bei dem sehr selten Komplikationen auftreten. Prof. Dr. Hermann Brenner

Dass die Entdeckung und Entfernung von Krebsvorstufen im Rahmen der Koloskopie das Darmkrebsrisiko drastisch senkten, hatten jedoch andere Studien inzwischen hinreichend gezeigt, sagt Brenner. „Und in Ländern wie den USA und Deutschland, in denen die Vorsorge-Koloskopie seit Jahren in breiterem Umfang eingesetzt wird, sehen wir bereits jetzt einen erheblichen Rückgang der Darmkrebsraten“, betont der Forscher:„Hätte man mit der Einführung der Vorsorge-Koloskopie auf die Ergebnisse der aktuellen Studie gewartet, wäre die Zahl der Neuerkrankungen und Sterbefälle in diesen Ländern heute sehr viel höher.“

Die Teilnahmeraten variieren stark zwischen den Ländern

Die „Nordic-European Initiative on Colorectal Cancer (NordICC) Study“, die im Jahr 2009 gestartet wurde, ist die erste randomisierte klinische Studie zur Darmspiegelung. Bretthauer und seine Kollegen rekrutierten dafür 31.420 Männer und Frauen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren mit einem durchschnittlichen Risiko für Darmkrebs aus Norwegen, Schweden, Polen und den Niederlanden. 12.574 der Probanden (40%) nahmen am Koloskopie-Screening teil. Dabei zeigte sich, dass die Teilnahmeraten in den einzelnen Ländern stark variierten. In Norwegen waren es 60,7%, in Schweden 39,8%, in Polen 33,0% und in den Niederlanden, wo die Teilnehmer anders als in den anderen Ländern einen Termin telefonisch vereinbaren mussten, nur 22,9%. Insgesamt zeigen sich die Forscher mit den Teilnahmequoten aber zufrieden.

Wenn weniger als die Hälfte der Patienten … sich entscheiden, daran teilzunehmen, ist die Effektivität des Programms reduziert. Dr. David Lieberman

Der US-Gastroenterologe Dr. David Lieberman von der Oregon Health & Science University in Portland ist bezüglich der Teilnehmerraten anderer Ansicht: Eine Teilnahmerate von 40% sei enttäuschend, schreibt er in einem Kommentar zu der Studie, der ebenfalls im JAMA Internal Medicine erschienen ist [2]: „Wenn weniger als die Hälfte der Patienten, denen das Screening angeboten wird, sich entscheiden, daran teilzunehmen, ist die Effektivität des Programms reduziert.“

Unter diesen Voraussetzungen sei es durchaus denkbar, dass eine Vorsorge mithilfe immunologischer fäkaler Okkultbluttests aufgrund einer höheren Teilnahmerate einem Koloskopie-Programm überlegen sei, so Lieberman.

Die Befürchtungen der Patienten sind vielfach unbegründet

„Viele Patienten gehen deshalb nicht zur Koloskopie, weil sie Beschwerden vor und nach der Untersuchung oder gar Komplikationen fürchten“, sagt der DKFZ-Experte Brenner. „Ihnen könnten die jetzt vorgelegten Ergebnisse helfen, sich für die Teilnahme an der Darmkrebsvorsorge zu entscheiden.“

Denn Komplikationen traten in der NordICC-Studie nur sehr selten auf. Die gefürchtete Perforation des Darms erfassten Bretthauer und seine Kollegen zwischen 2009 und 2014 bei mehr als 12.000 Koloskopien nur ein einziges Mal. Der betroffene Patient erholte sich vollständig. Blutungen infolge einer Polypektomie kamen lediglich bei 18 Probanden (0,14% der Teilnehmer) vor und konnten allesamt erfolgreich endoskopisch behandelt werden.

Kohlenstoffdioxid reduziert Beschwerden nach der Koloskopie

Häufiger verzeichnete das Team um Bretthauer Schmerzen der Patienten. Während die Untersuchung selbst auch ohne Kurzzeitnarkose im Allgemeinen recht gut toleriert wurde, klagte ein Teil der Probanden über Beschwerden nach der Koloskopie. Unter den Patienten, deren Darm mittels Raumluft geweitet wurde, waren dies immerhin 601 von 3.611 Probanden (16,7%).

Viele Patienten gehen nicht zur Koloskopie, weil sie Beschwerden vor und nach der Untersuchung oder gar Komplikationen fürchten. Prof. Dr. Hermann Brenner

Deutlich reduzieren ließen sich die Schmerzen im Anschluss an die Darmspiegelung, wenn die Ärzte anstatt Raumluft Kohlenstoffdioxid (CO2) verwendeten: Unter den auf diese Weise untersuchten Probanden hatten nur 214 von 5.144 (4,2%) Patienten später Beschwerden. Bretthauer und seine Kollegen fordern daher künftig den vermehrten Einsatz von CO2, auch um die Teilnahmeraten am Darmkrebs-Screening zu erhöhen.

Tatsächlich spürten die an der Studie beteiligten Mediziner bei 62 Patienten (0,5%) ein Darmkarzinom auf. Bei 3.861 Probanden (30,7%) entdeckten sie Adenome, von denen 1.304 als gefährliche Krebsvorstufe klassifiziert wurden. Die Entdeckungsraten im distalen und proximalen Abschnitt des Dickdarms unterschieden sich nicht wesentlich voneinander.

Das Einhalten von Qualitätsmaßstäben ist für den Erfolg des Screenings entscheidend

Die Studie zeigt einmal mehr, wie wichtig die Qualitätssicherung des Koloskopie-Screenings und ein entsprechendes Training der Gastroenterologen ist. Prof. Dr. Hermann Brenner

Auffällig seien jedoch recht große Qualitätsunterschiede bei den die Koloskopie durchführenden Gastroenterologen gewesen, berichten Bretthauer und sein Team. So sei es 17,1% der Mediziner nicht gelungen, mindestens 95% der Darmoberfläche zu untersuchen, wie allgemein angestrebt wird. 28,6% der Ärzte seien nicht auf die durchschnittliche Adenom-Entdeckungsrate von 25% gekommen.

„Die vorliegende Studie zeigt einmal mehr, wie wichtig die Qualitätssicherung des Koloskopie-Screenings und ein entsprechendes Training der durchführenden Gastroenterologen ist“, sagt Brenner. Das sieht auch der US-Mediziner Lieberman so. Ein Koloskopie-Programm könne nur so gut wie die Qualität der einzelnen Koloskopien sein, schreibt er. Den Leitern wissenschaftlicher Studien zur Koloskopie rät er, auf das Einhalten von Qualitätsmaßstäben besonderes Augenmerk zu legen: „Eine Steigerung der Qualität ist nur dann möglich, wenn man weiß, wie gut man ist.“

REFERENZEN:

1. Bretthauer M, et al: JAMA Intern Med (online) 23. Mai 2016

2. Lieberman D: JAMA Intern Med (online) 23. Mai 2016

Kommentar

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