Fentanyl-Opfer Prince: Ein wertvolles Schmerzmittel mit hohem Suchtpotenzial wird tendenziell zu großzügig verordnet

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

9. Juni 2016

Dr. Gerhard Müller-Schwefe

Der Popstar Prince starb an einer Überdosis Fentanyl. Noch ist unklar, wie der Sänger in den Besitz des Opioids gelangt ist. Fest steht aber: „Prince – der ja an Knie- und Hüftschmerzen gelitten haben soll – hätte das Mittel nie verschrieben bekommen dürfen“, betont Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) und Leiter des Schmerz-und Palliativzentrums Göppingen.

Das synthetische Opioid ist ein sehr starkes Schmerzmittel. Es wird vor allem in der Krebstherapie bei den krankheitstypischen Durchbruchschmerzen verwendet, kommt aber auch in der Palliativpflege zum Einsatz, ebenso wie bei starken, chronischen Schmerzen. In der Anästhesie wird es in Kombination mit Schlafmitteln und auch postoperativ angewandt.

 
Prince – der ja an Knie- und Hüftschmerzen gelitten haben soll – hätte das Mittel nie verschrieben bekommen dürfen. Dr. Gerhard Müller-Schwefe
 

Aus Sicht der DGS ist Fentanyl eine wertvolle Substanz – wenn sie in der Versorgung von Schmerzpatienten von erfahrenen Medizinern verantwortungsvoll eingesetzt wird. Das Opioid kann intravenös, als Nasenspray oder Lutschtablette verabreicht werden. Zur Langzeittherapie in der Schmerzmedizin werden häufig Pflaster eingesetzt.

„Fentanyl ist sehr stark wirksam, die Wirkung von 100 Mikrogramm Fentanyl pro Stunde entspricht der Wirksamkeit von 30 Mikrogramm Morphin über zwölf Stunden“, erklärt Müller-Schwefe im Gespräch mit Medscape. In Deutschland ist es das am häufigsten verordnete stark wirksame Opiat. Die Verordnungszahlen aus dem Arzneiverordnungs-Report 2015 zeigen: Mit 59,2 Millionen DDD (Daily Defined Dose) steht Fentanyl an der Spitze, gefolgt von Oxycodon (36,9 Mio.), Hydromorphon (24,3 Mio.) und Morphin (16,3 Mio.). Dabei dürfte die Mehrzahl der Verordnungen nicht für Tumorpatienten, sondern für Patienten mit nicht tumorbedingten Schmerzen erfolgen, so Müller-Schwefe.

 
Fentanyl ist sehr stark wirksam, die Wirkung von 100 Mikrogramm Fentanyl pro Stunde entspricht der Wirksamkeit von 30 Mikrogramm Morphin über 12 Stunden. Dr. Gerhard Müller-Schwefe
 

Vorteil ist die transdermale Verabreichung via Pflaster

Ein Vorteil des Mittels ist, dass es transdermal verabreicht werden kann. Es diffundiert ins Unterhautfettgewebe und gelangt so ins ZNS. „Das ermöglicht eine kontinuierliche Abgabe über einen längeren Zeitraum. Es ist aber auch ein träges System – es dauert zwischen 14 und 17 Stunden, bis die Maximalspiegel erreicht sind“, erklärt Müller-Schwefe. Ein solches Pflaster wirkt zwischen 2 und 3 Tagen.

„Ein Problem bei den Pflastern ist allerdings: Die Dosierung muss stimmen.“ Denn kommt es bei der Pflasteranwendung zu einer Überdosierung, ist diese aufgrund der trägen Kinetik auch durch Antagonisten wie Naloxon nur schwierig rückgängig zu machen.

Schnelles Anfluten hat Vor- und Nachteile

Besonders hilfreich ist Fentanyl bei Durchbruchschmerzen bei ansonsten gut eingestellten Krebspatienten. „Dabei kommt es zu heftigsten, massiven und schnellen Schmerzverstärkungen. Bei 80 Prozent der Patienten klingen diese Schmerzen im Durchschnitt nach 39 Minuten wieder ab“, berichtet Müller-Schwefe. Fentanyl ist lipophil: Als Tablette unter die Zunge gegeben oder als Nasenspray verabreicht flutet es nach 5 Minuten schnell an, die Schmerzreduktion setzt sehr rasch ein. „Eine Tablette mit Morphin beispielweise erreicht eine so schnelle Schmerzreduktion nicht“, erklärt der Schmerzexperte.

Klar ist aber auch: Immer dann, wenn ein Opioid schnell anflutet, besteht die Gefahr der Überdosis. „Das schnelle Anfluten löst nicht nur eine Schmerzreduktion, sondern auch Euphorie aus, man muss also sehr genau dosieren.“ Hinzu kommt: Die transmukosale Form als Tablette oder Spray ist eigentlich Tumorpatienten vorbehalten. „Ein Patient mit anderen Schmerzursachen sollte das Mittel in dieser Form nicht verschrieben bekommen“, betont Müller-Schwefe. Schon die Zulassung mache das entsprechend kenntlich.

Transmukosale Fentanyl-Gabe an Nicht-Tumorpatienten ist ein Kunstfehler

 
Ein Problem bei den Pflastern ist allerdings: Die Dosierung muss stimmen. Dr. Gerhard Müller-Schwefe
 

Die Praxis allerdings sieht bisweilen anders aus. „Ich habe Patienten erlebt, die nicht krebskrank waren und dieses Medikament transmukosal erhalten hatten. Diese Patienten wiesen rasante Dosissteigerungen und eine schnelle, hochgradige Abhängigkeit auf“, berichtet Müller-Schwefe. Einem Nicht-Tumorpatienten das Mittel in dieser Form zu verabreichen, sei ein Kunstfehler, betont der Schmerzexperte.

Wie viele Fälle von Falschverschreibungen es gebe, lasse sich nicht sagen, so Müller-Schwefe. Er meint aber: „Das wird nicht so publik gemacht. Aus meiner Praxis kann ich aber sagen, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt.“ Derartige Verschreibungen kämen sowohl bei niedergelassenen Kollegen als auch bei Klinikern vor. Er berichtet von einem 19-jährigen Patienten, der 12-mal am Knie operiert werden musste und der in der Klinik aufgrund seiner Schmerzen auf Fentanyl transmukosal eingestellt worden war. „Wir hatten große Probleme, den jungen Mann wieder aus seiner Abhängigkeit heraus zu bekommen.“

 
Fentanyl-Pflaster werden gesammelt, ausgekocht, der Sud aufgezogen und dann gespritzt. Dr. Gerhard Müller-Schwefe
 

Gefahr für Kinder

Aufgrund der schnellen, Euphorie auslösenden Anflutung ist Fentanyl auch bei Drogenabhängigen beliebt. „Fentanyl-Pflaster werden gesammelt, ausgekocht, der Sud aufgezogen und dann gespritzt“, berichtet Müller-Schwefe. Fentanyl macht – wie jedes schnell anflutende Opiat – sehr schnell süchtig. Vor allem Fentanyl-Pflaster sind sehr verbreitet und genießen eine hohe Akzeptanz – zumal sie nicht nur bei Tumorschmerzen, sondern auch bei starken Rückenschmerzen eingesetzt werden. „In Deutschland wird mit diesen Pflastern etwas zu großzügig umgegangen“, ist Müller-Schwefes Einschätzung.

Dabei sind die Pflaster alles andere als harmlos – es sind mehrere Fälle von Vergiftungen von Kindern bekannt. So kann sich z.B. ein Fentanyl-Pflaster, das ein Patient aufgrund seines Krebsleidens trägt, während des Schlafs lösen, das ins Bett kommende Enkelkind gerät damit in Berührung, das Pflaster haftet versehentlich an dem Kind – und eine lebensgefährliche oder tödliche Vergiftung ist möglicherweise die Folge.

 

Kommentar

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