Wie Neuer, doch einarmig, oder Götze mit einem Bein – in Deutschland etabliert sich allmählich der Amputierten-Fußball

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

6. Juni 2016

Jawad Khamel hat nur ein Bein. Das zweite hat er während des Krieges in Bagdad verloren. Aber Fußballspielen ist für den jungen Iraker seine große Leidenschaft – auch heute noch. César Leszinskis Traum war es Fußball-Torwart zu werden. Als Kind in Angola ist er auf einen Strommast geklettert. Der Starkstrom hat ihn den rechten Arm gekostet. Trotzdem ist auch Cesars Traum wahr geworden. Er steht heute regelmäßig im Fußball-Tor – und dies sogar in der deutschen National-Auswahl.

Achim Altheimer, César Leszinski, Jawad Khamel, Sascha Herrmann (v.l.)


Sowohl Cesar als auch Jawad sind im Amputierten-Fußball aktiv. In Deutschland ist diese Sportart noch kaum bekannt. Und auch die Zahl der Aktiven ist derzeit mit etwa 30 Spielern deutschlandweit noch überschaubar. Es gibt neben der Nationalauswahl gerade 4 Vereine: die Spvgg 07 Ludwigsburg, die Sportfreunde Braunschweig, der von der Dietmar-Hopp-Stiftung geförderte Verein „Anpfiff ins Leben“ mit Trainingsstandort Hoffenheim und seit kurzem der TSV Obergünzburg.

Mit Krücken, aber trotzdem „richtiger“ Fußball

 
Fußball ist für mich sehr, sehr wichtig, ohne könnte ich nicht leben. César Leszinskis
 

Zum Training müssen die Spieler daher oft weit anreisen. Trainiert wird in den Vereinen dementsprechend oft ganztags, etwa am Samstag, und nur 1- bis 2-mal im Monat. Dem Spaß und der Begeisterung tut dies keinen Abbruch. „Fußball ist für mich sehr, sehr wichtig“, sagt Leszinski, „ohne könnte ich nicht leben.“ Der 32-Jährige spielt auch seit nunmehr 14 Jahren als Feldspieler bei Rot-Weiß Speyer. Beim Amputierten-Fußball mit Krücken ist es ihm wichtig, „zu zeigen, dass auch hier ‚richtiger‘ Fußball gespielt wird“.

Den Zuschauern wird dies schnell klar, wenn sie einer Begegnung folgen – etwa dem Länderspiel-Klassiker Deutschland – Holland, der Pfingsten in der Eifel stattfand. Das Spiel mit 2 Krücken und einem Bein „ist anstrengend“, bestätigt auch Achim Altheimer aus Würzburg. Er hat mit 16 Jahren bei einem Unfall sein rechtes Bein verloren. Und ist jetzt – mit 50 – einer der „alten Herren“ im Team.

Als „Fußballverrückter“ bezeichnet sich auch Bastian Pusch, 38 Jahre alt und aus Wolfenbüttel. Er hatte seine Beinamputation im Jahr 1996 und hat 2013, als er von der Möglichkeit erfahren hatte, wieder zum ersten Mal Fußball trainiert. „Es ist schon besonders nach mehr als 16 Jahren wieder gemeinsam einem Ball hinterher zu jagen und Fußball zu spielen“, berichtet er. „Zwar nur mit einem Bein, aber das geht nach erster Eingewöhnung schnell sehr selbstverständlich.“

Gespielt wird im Amputierten-Fußball immer ohne Prothese und mit 2 Krücken. Das könnte für manchen ein Hinderungsgrund sein, meint Altheimer. „Viele wollen sich nicht ohne Prothese öffentlich zeigen.“

Feldspieler haben nur ein Bein, der Torwart nur einen Arm

Die Regeln entsprechen im Großen und Ganzen denen des „regulären“ Fußballs. Gekickt wird auf einem Jugend-Feld (ca. 51 x 31 Meter) oder in einer normalen Sport- oder Soccerhalle sowie mit einem Jugend-Tor (2 x 3 Meter). Der Ball darf nur mit dem gesunden Bein gespielt werden. Das Stoppen oder Weitergeben des Balles mit der Krücke ist verboten und wird als Handspiel abgepfiffen. Auch mit dem Stumpf des amputierten Beines, der ja ganz unterschiedlich lang sein kann, darf aus Fairness-Gründen nicht gespielt werden.

Eine Mannschaft hat 6 Feld-Spieler und einen Torwart. Dieser hat zwar 2 gesunde Beine, ist aber arm- bzw. handamputiert. Der Torwart darf nicht außerhalb des Strafraums spielen. Abseits gibt es nicht – und statt des nicht möglichen Einwurfs wird der Ball nach einem Aus eingekickt. Eine Halbzeit dauert 25 Minuten, das ganze Spiel dementsprechend 50 Minuten – mit 10-minütiger Halbzeit-Pause.

In Deutschland ist Amputierten-Fußball erst seit 2009 etabliert – und damit noch eine sehr junge Disziplin. In anderen Ländern sieht es da ganz anders aus. „In der Türkei gibt es zwei Profiligen, in Russland und Brasilien wird schon seit 25 Jahren Amputierten-Fußball gespielt. Dort, aber auch in Polen, England oder Usbekistan hat dieser Sport einen ganz anderen Stellenwert“, berichtet Mittelfeldspieler Christian Heinz aus der Eifel, dem mit 26 Jahren nach einem Autounfall der rechte Unterschenkel amputiert werden musste.


Beim letzten World Cup schied Deutschland gegen Brasilien aus

Es gibt sogar eine offizielle Weltmeisterschaft der World Amputee Football Federation. Diese wird alle 2 Jahre ausgespielt – inzwischen schon zum 14. Mal. Beim letzten World Cup im Krückenfußball war (zum 7. Mal) das russische Team siegreich. Es gewann den Cup vor Angola, der Türkei und Polen. Die deutschen Amputierten-Fußballer waren damals (anders als ihre Kollegen bei der WM 2014) gegen Brasilien ausgeschieden.

Derzeit veranstaltet die European Amputee Football Federation vom 14. Mai bis zum 12. Juni 2016 ihre „Amputee Football Weeks Initiative“. In deren Rahmen finden in 10 Ländern Europas Events, Turniere, Demonstrationen und Junior-Camp-Trainings statt. Das Ziel ist es, den Bekanntheitsgrad des Amputierten-Sports zu erhöhen. Auch das Match der deutschen National-Auswahl gegen Holland an Pfingsten war Teil dieser Initiative. Das erste Spiel hatte Deutschland übrigens 0 zu 3 verloren. Das Rückspiel am Folgetag konnten die deutschen Krückenfußballer allerdings dann mit 1 zu 0 für sich entscheiden.

Das Ziel ist, die Bekanntheit zu erhöhen und mehr Mitstreiter zu finden

Wer sich dafür interessiert, kann gerne zum Kennenlernen der Sportart vorbeikommen – unabhängig von Alter oder Nationalität und auch Frauen sind willkommen. Kontaktdaten und weitere Informationen finden sich z.B. auf der Website http://www.amputierten-fussball.de/. Es finden auch immer wieder Freundschaftsspiele gegen reguläre Fußballmannschaften statt. 2-beinige Kicker dürfen bei solchen Spielen dann natürlich auch nur ein Bein zum Spielen des Balles nutzen.

Und auch für die Jüngsten gibt es Angebote: Mitte 2015 fand z.B. in der Sportschule Malente in Schleswig-Holstein ein einwöchiges Camp der „Ampukids“ statt, an dem 16 amputierte Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 4 und 18 Jahren teilnahmen – auch hier wurde ein Fußball-Turnier, gemeinsam mit den Eltern, ausgetragen.

Der Plan ist es, so viele Sportler wie möglich für den Amputierten-Fußball zu begeistern, so dass – wie in anderen Ländern schon länger – ein organisierter Spielbetrieb aufgebaut werden kann. Mittelfristig so hoffen die Athleten, könnte der Amputierten-Fußball dann auch Teil des Programms der Paralympics werden.  

 

Kommentar

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