Meinung

Wenn die Standard-Therapie nicht reicht: Cannabis als Option bei Übelkeit und Schmerzen

Sabine Ohlenbusch

Interessenkonflikte

24. Mai 2016

In diesem Artikel

Weltweite Demonstrationen und ein gelockerter Umgang in der Verschreibungspraxis: Viele fordern die Legalisierung von Hanfprodukten. Zu unterscheiden sind aber strikt der berauschende Freizeitgebrauch als Droge und der therapeutische Nutzen in verschiedenen Bereichen. Dr. Johannes Horlemann ist bei gegebener Indikation ein Befürworter von Cannabis als Medikament. Er ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin und leitet das regionale Schmerzzentrum in Kevelaer. Medscape hat mit ihm darüber gesprochen, wann Cannabis helfen kann und wie er die Entscheidung in seiner Praxis trifft, es einem Patienten zu verschreiben.

Dr. Johannes Horlemann

Medscape: Cannabis kann Schmerzen und Übelkeit lindern, das ist unbestritten. Wie sehen Sie Forschungen zu heilsamen Effekten – so wie einer gewissen Tumortoxizität?

Dr. Horlemann: Ich weiß, dass es hierzu Forschung gibt. Aber bisher existieren keine fassbaren Ergebnisse, die belegen, dass Cannabis antitumorös wirken kann. Dies ist nach den Maßstäben der Evidenz nicht zu belegen. In Deutschland und auch in meiner Praxis findet es als Mittel zur Symptomkontrolle Einsatz, nicht zur Heilung. Dort sehe ich das Präparat bisher nicht gut aufgestellt.

Medscape: Welche Vorteile kann Cannabis gegenüber üblichen Medikamenten bei Übelkeit und Schmerz bringen?

Dr. Horlemann: Vielfältige Symptome, wie sie bei schwerstkranken und terminalen Patienten auftreten, lassen sich zuverlässig durch Cannabis kontrollieren. Es ist nachweislich analgetisch wirksam. Außerdem ist es schwach euphorisierend. Auch dies spielt bei vielen Patienten eine positive Rolle.

Die Wirkung gegen Übelkeit ist in der Palliativmedizin geschätzt. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit wird Cannabis bei dieser Indikation eingesetzt. Der Mechanismus hinter dieser Wirkung funktioniert über zentrale hypothalamische Rezeptoren. In Kombination mit Antiemetika lassen sich Cannabis-Präparate als Wirkverstärker einsetzen.

Aber nicht nur Palliativpatienten profitieren von Cannabis. Bei Patienten mit Multipler Sklerose wird es als Antispastikum eingesetzt. Auch dort hat es eine seit vielen Jahren belegte Wirkung, die Patienten sehr schätzen.

 
„Vielfältige Symptome lassen sich zuverlässig durch Cannabis kontrollieren.“ Dr. Johannes Horlemann
 

Medscape: Welche Stoffe finden Verwendung?

Dr. Horlemann: Der hauptsächliche Wirkstoff ist Tetrahydrocannabinol (THC). Andere Cannabinoide spielen eine sehr untergeordnete Rolle.

Medscape: In welchen Fällen ziehen Sie in Erwägung, Präparate auf der Grundlage von Cannabis zu verschreiben?

Dr. Horlemann: Cannabinoide sind keine Erstrangmedikamente. Ich würde sie vor allem als Add-on bezeichnen. Wenn die üblichen standardisierten Therapieschemata ausgeschöpft sind und den Therapieerfolg nicht erreichen, kann der Arzt an Cannabis denken. Hier steht häufig ein analgetisches Therapieziel im Vordergrund, zum Beispiel bei neuropathischen oder zentralen Schmerzen. Wenn ein Schlaganfall ein Schmerzzentrum betrifft, kann Cannabis sehr speziell wirken.

Oft funktioniert der Einsatz „Learning by Doing“, bei abgeschlossener Diagnostik und häufig auch abgeschlossener Therapie. Hier ist Cannabis eine Option, mit der ich Patienten noch weiter bringen kann, wo Standardmedikamente an ihre Grenzen gekommen sind.

Der Einsatz ist immer eine individualisierte Entscheidung, nicht nur des Arztes, sondern auch der Kostenträger. Die Zusage zur Kostenübernahme muss immer im Vorfeld bei den Krankenkassen eingeholt werden. Grundsätzlich findet die Verschreibung über Betäubungsmittelrezepte statt. Auch dies ist eine Hürde.

Kommentar

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