Tinnitus-Update auf dem HNO-Kongress: Biomarker für Suizidgefahr und Therapie mit Cochlea-Implantat

Petra Plaum

Interessenkonflikte

23. Mai 2016

Düsseldorf – Schätzungen zufolge leiden aktuell 8 Millionen Menschen in Deutschland unter chronischem Tinnitus, 3 Millionen davon stark. Dass Lärm und Stress die Entstehung begünstigen, ist bekannt. Bei einem Expertengespräch im Rahmen des HNO-Kongresses in Düsseldorf ging es um weniger bekannte Ursachen des andauernden Pfeifens, Klingelns oder Brummens [1].

Test auf somatosensorischen Tinnitus

Laut Dr. Eberhard Biesinger vom HNO-Zentrum Traunstein können Funktionsstörungen der Halswirbelsäule, des Kiefergelenks oder muskuloskelettaler Strukturen die Ohrengeräusche auslösen oder verstärken. Dann liege ein somatosensorischer Tinnitus vor. Biesinger empfahl HNO-Ärzten bei entsprechendem Verdacht in absolut ruhiger Umgebung Kopf, Hals und Nackenmuskulatur des Patienten nach einem festen Schema zu bewegen bzw. zu massieren (zu sehen in seinem YouTube-Video). Verstärken sich bei diesem Test die Tinnitusgeräusche, bestätige dies die Diagnose eines somatosensorischen Tinnitus.

Die Patienten sollten dann zur Bildgebung zum Orthopäden überwiesen werden – Biesinger merkte hier kritisch an, dass viele Orthopäden das Symptom Tinnitus nicht ernst genug nähmen. Ein Röntgenbild der Halswirbelsäule – eventuell um eine Bewegungsaufnahme ergänzt – sei besonders aussagekräftig und erlaube Aussagen darüber, welche Therapie die Funktionsstörungen und damit oft den Tinnitus beheben könne.

Psychosoziale Anamnese per Biomarker-Messung

Die Tinnitus-Diagnostik sollte außerdem um eine psychosoziale Anamnese ergänzt werden, verdeutlichte Prof. Dr. Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums der Charité in Berlin. Sie  erinnerte daran, wie verbreitet psychische Erkrankungen unter Menschen mit Tinnitus sind. In einer Studie mit 100 Teilnehmern – Mazurek war hier Ko-Autorin – wurde bei 22,3% der Patienten mindestens eine affektive Störung, bei 19,4% mindestens eine Angststörung und bei 16,5% mindestens eine somatoforme Störung diagnostiziert. „Jedes Jahr verlieren wir Patienten, die wegen Tinnitus und Depressionen Suizid begehen“, hob sie hervor.

 
Jedes Jahr verlieren wir Patienten, die wegen Tinnitus und Depressionen Suizid begehen. Prof. Dr. Birgit Mazurek
 

Aber wer ist besonders gefährdet, sich das Leben zu nehmen, und sollte deswegen schnellstens einer psychiatrischen Therapie zugeführt werden? Wer profitiert besonders von einer Verhaltenstherapie? Darüber könnten Bluttests Auskunft geben, die unter anderem die Cortisolantwort auf Stress und den Zytokinspiegel ermitteln, informierte Mazurek.

„Cortisol scheint ein Biomarker zu sein, der relevant ist für die Dekompensation“, nannte Mazurek ein Beispiel. 0,5% aller Tinnituspatienten haben einen dekompensierten Tinnitus, sind also so belastet, dass keine normale Lebensführung mehr möglich ist. Mazurek verwies auf eine Untersuchung, nach der die Cortisolantwort auf Stress bei Tinnituspatienten verzögert und reduziert erfolgt.

Sie stellte außerdem eine von ihr mitverfasste Studie vor, in der unter anderem die TNF-α-Konzentration im Blutserum von Tinnitus-Patienten ermittelt wurde. Die Wissenschaftler fanden eine signifikante positive Assoziation zwischen der Konzentration von TNF-α und dem Grad an Depressivität, Anspannung und Stressempfinden. Zudem nahmen Patienten mit hohen Werten ihren Tinnitus lauter wahr als andere.

Biomarker geben sogar Auskunft zum Selbstmordrisiko. Mazurek  verwies auf eine 2013 publizierte Studie zur Suizidalität: Laut deren Daten begingen Menschen mit einer bipolaren Störung und mit erhöhten Spiegeln des Enzyms Spermidin/Spermin-N1-Acetyltransferase 1 (SAT1) in schwierigen Lebenslagen eher Selbstmord als Menschen mit ähnlichen Belastungen, aber niedrigen SAT1-Spiegeln.

Ähnliche Biomarker könnten vielleicht demnächst auch bei Tinnitus-Patienten gefunden werden. Und unter kognitiven Verhaltenstherapien lasse sich prüfen, ob sich Marker wie TNF-α und Cortisol veränderten. So lasse sich z. B. prognostizieren, ob die langwierige Behandlung dem Patienten nutzt oder womöglich eher schadet.

Bei Hörverlust oder Akustikusneurinom kann ein Cochlea-Implantat helfen

Prof. Dr. Marlies Knipper aus der HNO-Klinik des Universitätsklinikums Tübingen verdeutlichte anhand von Forschungs- und Studiendaten, welche Prozesse in der Cochlea dazu führen können, dass ein Mensch Tinnitus entwickelt. Schon bei moderater Lärmexposition, aber auch unter Stress kann es zur Degeneration von Hörnervenfasern kommen, und dies ausschließlich an der Synapse der inneren Haarzelle.

Der Verlust von niedrigschwelligen Hörfasern mit hoher Feuerrate zieht anhaltende Ohrgeräusche nach sich. Deren Ursache sei dann der Verlust tonischer Inhibition, der das „Grundrauschen“ (spontane Entladungsrate) im geschädigten Frequenzbereich – bedingt, so Knipper. Das erklärt auch, weshalb Menschen mit Tinnitus und Hörverlust, die ein Cochlea-Implantat erhalten, häufig beide Probleme auf einmal los sind: Grundrauschen und Außengeräusche werden besser reguliert.

Prof. Dr. Heidi Olze, Direktorin der HNO-Klinik der Charité-Universitätsmedizin Berlin, stellte eine weitere Indikation für ein Cochlea-Implantat bei Tinnitus vor: Menschen mit einem Akustikusneurinom.

Mal Halskrause, mal Yoga – Tinnitus-Patienten benötigen verschiedenste Therapien

Die meisten Patienten benötigen diverse Therapieansätze, entweder hintereinander oder einander begleitend, waren sich die Experten einig. Medikamente und Psychotherapien seien zudem gegen psychische Komorbiditäten wirksam. 

 
Cortisol scheint ein Biomarker zu sein, der relevant ist für die Dekompensation. Prof. Dr. Birgit Mazurek
 

Für Patienten mit somatosensorischem Tinnitus kommen unterschiedliche Therapien infrage, merkte Biesinger an. Bei einer zervikalen Radikulopathie habe sich eine Halskrause bewährt, bei einem Mann mit Facettenhypertrophie an der Halswirbelsäule die Radiofrequenztherapie. Bei diversen von der Halswirbelsäule oder dem Kiefergelenk ausgehenden Beschwerden sei eine Neuraltherapie erfolgreich gewesen, für die Lidocain injiziert wurde.

Viele, deren Tinnitus somatosensorisch ist, ergänzte Biesinger, erfahren auch bei fachkundigen Osteopathen, Physiotherapeuten oder nach einer zahnärztlichen oder kieferorthopädischen Behandlung eine Linderung der Beschwerden. Manch einem Patienten helfe Qi Gong, Yoga oder Tai Chi, die Ohrengeräusche langfristig zu dämpfen oder besser mit ihnen zu leben.

 

REFERENZEN:

1. 87. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, 4. bis 7. Mai 2016, Düsseldorf

 

Kommentar

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